25 Jahre Guggenheim Museum: Wie Bilbao zum Kunstmekka wurde

Der „Guggenheim-Effekt“ – ein geflügeltes Wort und eine Tatsache. Denn was das Guggenheim Museum, dieses architektonische Wunderwerk aus Kalkstein und Titan am Ufer des Nervión in den vergangenen 25 Jahren geschafft hat, ist wohl einmalig: Es hat einer verloren geglaubten Stadt ein neues Gesicht gegeben.

Bilbao liegt im Norden Spaniens am Golf von Biskaya am Atlantik und galt vom 19. Jahrhundert bis in die 1970er als wichtigste Industrie- und Hafenstadt des Baskenlandes. Der Zugang zum Meer bescherte der Stadt als bedeutendstem Umschlagplatz in der Region viele blühende Jahrzehnte. Bilbao lebte von Schiffbau, Kohle und von der Stahlproduktion. Doch dann kam die Industrie den neuesten technischen Entwicklungen nicht mehr hinterher. Die Werften und Fabrikanlagen waren veraltet und mussten schließen. Überall verfielen Fabrikhallen, Eisenhütten verwaisten. Viele Arbeiter verließen mit ihren Familien die Stadt, andere blieben – ohne Arbeit und Perspektive. Außerdem war Bilbao eine Hochburg der baskischen Separatistenorganisation ETA, auf deren Konto etliche Terroranschläge gingen. Passionierte Kunstliebhaber waren hier eher eine Seltenheit. Dass ausgerechnet in dieser Stadt ein ambitioniertes Kulturprojekt entstehen sollte, erschien zunächst wie ein schlechter Witz. 

Gegen alle Widerstände

Die US-amerikanische Guggenheim-Foundation suchte Anfang der 1990er nach einem europäischen Museumsstandort und stand mit vielen bedeutenden Städten in Verhandlungen. Das größte Interesse zeigten die Stadtverantwortlichen Bilbaos. Sie wollten das Projekt unbedingt an Land ziehen – schließlich konnte ein international renommierter Kunsttempel für die heruntergekommene Stadt eine Riesenchance bedeuten.

Blick ins Guggenheim-Museum Bilbao

Im Innern kann dem Besucher leicht schwindelig werden: Gerade ist hier kaum etwas

Der Deal war denkbar einfach: Die Basken stellten Fläche und Geld zur Verfügung, dafür sollte die Guggenheim-Foundation ihre Sammlungen beisteuern und sich um das komplette Management kümmern. Die Einwohner Bilbaos gingen auf die Barrikaden: Sie verstanden nicht, warum ihre Stadt die vielen Millionen für ein Museum ausgeben wollte, anstatt in die Modernisierung der Industrieanlagen zu investieren und der Bevölkerung zu helfen. Die Künstler der Region befürchteten, von den Amerikanern in einer Art Kunstkolonialismus übergangen zu werden. Guggenheim selbst ließ eine Machbarkeitsstudie erstellen, in der von mindestens einer halben Million Besucher pro Jahr ausgegangen wurde. Das schien zwar utopisch, dennoch ließen sich alle Beteiligten auf den Deal ein.

Der durchgedrehte Architekt

Alle Skeptiker sollten ihr blaues Wunder erleben. Über vier Jahre vollzog sich ein komplettes Facelifting der Uferregion am Nervión: Die verrosteten Werften verschwanden, Grünflächen und Promenaden wurden angelegt. Mittendrin ein gigantisches Gerüst aus rostroten gebogenen Stahlstreben, das ein wenig an eine irrwitzige Achterbahn erinnert. Der kanadische Architekt Frank O. Gehry hatte mit seiner unkonventionellen Art schon mehrfach für Furore gesorgt: Dekonstruktivismus war und ist seine Zauberformel: Ecken und Geraden scheinen nicht zu existieren, stattdessen Wellen, Bögen und Kurven. Alles wirkt ein bisschen chaotisch ineinander verschachtelt – und ist Architektur in Perfektion. Berühmt sind Gehrys Gebäude auf der ganzen Welt: In Panama-Stadt steht das Museum für Biodiversität, in Prag das „Tanzende Haus“, in vielen US-Großstädten hat Gehry seine Marker gesetzt und auch in Deutschland – darunter in Düsseldorf, Hannover und Herford. 

1997 war Gehrys Gebäude nach vierjähriger Bauzeit fertig: ein formenreiches Riesengebilde, versiegelt mit Titanplatten, das – je nach Standpunkt – mal an eine halbe Artischocke, mal an ein Schiff und mal an einen geköpften Fisch ohne Schwanzflosse erinnert. Hier und da guckt eine Glasfassade hervor, das silberne Titan mischt sich mit dem hellen spanischen Kalksandstein. Das Gebäude hat keinen Anfang und kein Ende, kein Rechts oder Links, aber ein Mittendrin: Der höchste Raum ist mit 50 Metern die zentrale Atriumhalle, der größte Raum jedoch ist eine Galerie von etwa 130 Metern Länge und 30 Metern Breite – Platz für gigantische Skulpturen. Alles ist lichtdurchflutet, wirkt leicht, verspielt, ein Labyrinth auf drei Ebenen mit Türmchen, Galerien, Ecken, Nischen, Winkeln, Fenstern, Oberlichtern. Obwohl das Gebäude im Innern nicht weniger aufregend ist, stiehlt es der Kunst, die es beherbergt, keinen Augenblick die Show. 

„Scheiß auf die Kunst“

Am 18. Oktober 1997 eröffnete der damalige spanische König Juan Carlos das neue Guggenheim-Museum an der Avenida Abandoibarra. Und die Fachwelt überschlug sich mit Lob und Begeisterung. Auch die US-Architektenlegende Philip Johnson verbeugte sich vor seinem Kollegen: „Das ist das beste Bauwerk unserer Zeit.“ Und warf Skeptikern, die das Gebäude für zu dominant hielten, noch diesen Satz vor die Füße: „Wenn ein Bauwerk so ist wie dieses, dann scheiß auf die Kunst.“

Das Guggenheim Museum wurde von Kunst- und Architekturbegeisterten aus der ganzen Welt nahezu überrannt. Aus der erhofften halben Million Besucher pro Jahr wurde mehr als eine Million. Nahezu 170 Ausstellungen zeigten bisher zeitgenössische Kunst von den größten Kunststars der letzten vier Jahrzehnte wie Yves Klein, Robert Rauschenberg, Andy Warhol, Gerhard Richter, Jackson Pollock, Mark Rothko und Jeff Koons, um nur einige zu nennen. Und entgegen der Befürchtungen im Vorfeld bekamen spanische und baskische Künstler im Guggenheim eine eigene Sektion.

Spinnen-Skulptur von Louise Bourgeois vor dem Museum

Keine Angst vor Spinnen! Die Skulptur „Maman“ stammt von Louise Bourgeois

Bilbao blühte auf und leistete sich weitere Stararchitekten: Der Brite Norman Foster baute eine komplette U-Bahn-Linie, der Portugiese Álvaro Siza entwarf ein Universitätsgebäude und ein Flughafenterminal, und die nahe dem Museum gelegene Fußgängerbrücke „Zubizuri“ baute der Spanier Santiago Calatrava. Feine Hotels und Boutiquen entstanden, die besten Restaurants laden zur feinen baskischen Küche ein. 

Bilbao-Effekt: Kunst macht Städte attraktiv

Die vielen Millionen Besucher, die seit Bestehen des Museums gekommen sind, haben der heruntergekommenen Stadt neues Leben eingehaucht. Der Guggenheim- oder auch Bilbao-Effekt ist ein Synonym dafür geworden, wie Kunst und Kultur einer wirtschaftlich am Boden liegenden Region wieder zu Auftrieb verhelfen kann. 

Zum 20. Jubiläum 2017 feierte Bilbao sein Museum bereits mit einer bemerkenswerten Lichtshow. Die Geschichte des Museums und ihre berühmtesten Ausstellungen wurden als Lichtinstallation auf die Außenfassaden des Gebäudes projiziert. Als Hommage an die Spinnenskultpur „Maman“ liefen Spinnen über bewegliche Spinnennetze, hunderte bunter Pudel erinnerten an Jeff Koons‘ neben dem Museum stehende Blumenskulptur „Puppy“, Frank Gehrys Skizze zum Museumsbau huschte über die Titanwände – und immer wieder Formen und Farben. 200.000 Zuschauer hatten damals das Spektakel gefeiert.

Das Jubiläumsjahr 2022 begann bereits im Februar mit einer großen Werkschau des französischen Malers und Bildhauers Jean Dubuffet, eine weitere Sonderschau zeigte Zeichnungen des Malers Georges Seurat. In mehreren Ausstellungen, die sich unter dem Titel „Sections/Intersections“ durch das ganze Gebäude ziehen, präsentiert das Guggenheim noch einmal ausgesuchte Werke aus dem 25-jährigen Bestehen seiner Sammlung.

Dies ist die aktualisierte Fassung eines Artikels von 2017.