50 Jahre Fischer gegen Spasski: Schach im Kalten Krieg

Wo ist Bobby Fischer? Es ist der 1. Juli 1972. Im National-Theater in Reykjavík wird es langsam unruhig. Der Saal, in dem das „Match des Jahrhunderts“ eröffnet werden soll, ist gut gefüllt, aber ein Platz bleibt leer. Robert („Bobby“) Fischer, der Herausforderer aus den USA, ist nicht da. Und noch jemand fehlt: Gudmundur Thorarinsson, der junge Chef des isländischen Schachverbands. Thorarinsson, heute 82 Jahre alt, erinnert sich an die Szene: „Bis zur letzten Minute hatte ich mit dem Rechtsanwalt Fischers verhandelt – es ging immer wieder ums Geld und allerlei Details.“

Doch vergebens: Es gibt keine Zusage des für seine Eskapaden bekannten Schach-Großmeisters aus New York. „Ich kam dann 15 Minuten zu spät zur Eröffnung, hatte keine Rede vorbereitet und wusste nicht, was ich auf der Bühne sagen sollte“, berichtet Thorarinsson. Erst einen Meter vor dem Podium habe er sich dann entschieden: Statt den Kampf abzusagen, pokert der Isländer – und eröffnet kurz entschlossen offiziell den Wettkampf. Thorarinsson: „Wie wäre es in der Schachwelt weitergegangen, wenn wir Isländer damals den Kampf abgesagt hätten?“

Gentleman gegen Genie

Thorarinssons spontaner Entschluss sollte sich als richtig herausstellen: „Ich wusste, dass Fischer sein ganzes Leben auf diesen Titelkampf hingearbeitet hatte.“ Nachdem kurzfristig ein amerikanischer Mäzen das Preisgeld auf – damals sagenhafte – 150.000 Dollar erhöht hatte, bestieg Fischer endlich das Flugzeug in Richtung Reykjavík.

Schachweltmeister Bobby Fischer wird nach seinem Sieg bei der Schach-WM 1972 von Journalisten bedrängt

Presserummel: Alle interessieren sich für Bobby Fischer

Dort angekommen rückt er die verschlafene isländische Hauptstadt auf einmal ins Rampenlicht der Weltpresse. „Die ganze Welt interessierte sich für den Zweikampf Ost gegen West auf dem Schachbrett“, so Thorarinsson.

Auf der einen Seite des Bretts der genauso exzentrische wie geniale New Yorker Bobby Fischer (Zitat: „Schach ist Krieg auf dem Brett.“) – und auf der anderen der siegesgewisse und weltgewandte russische Titelverteidiger Boris Spasski. „Die meisten Isländer wünschten sich damals einen Sieg des sympathischen Spasski“, erinnert sich der Isländer Helgi Olafson, damals ein sechzehnjähriges Schachtalent und späterer Großmeister: „Spasski war ein Gentleman.“

Doch für das Spektakel sorgte Bobby Fischer. Das ehemalige Schach-Wunderkind hält die Welt einen Sommer lang in Atem. Erst am 11. Juli setzt er sich schließlich zur ersten Partie ans Brett – und wird von Spasski besiegt. Zur zweiten Runde tritt der US-Amerikaner nicht an. Ihn stören Geräusche, das Licht – und er vermutet Tricks des sowjetischen Teams. Fischer weigert sich weiterzuspielen und verliert kampflos. Ein Skandal: Kaum begonnen, steht der Wettkampf um die Schachweltmeisterschaft schon wieder vor dem Abbruch.

Karl-May-Verleger rettet das Match

Der Retter des Matches ist ein Deutscher: Hauptschiedsrichter Lothar Schmid, selbst Schach-Großmeister und Besitzer des Karl-May-Verlags in Bamberg, findet eine Lösung. Ab sofort wird in einem Hinterraum gespielt, in dem normalerweise eine Tischtennisplatte steht. „Lothar Schmid war ein exzellenter Schiedsrichter“, erinnert sich Gudmundur Thorarinsson. Legendär dann der Beginn der dritten Partie. Kurzentschlossen drängte Schmid die beiden in ihre Sessel und rief: „Now play chess!“

Und Fischer spielte. Die dritte Partie brachte die Wende in dem Wettkampf. Spasski, vielleicht etwas mitgenommen von dem Hin und Her, machte Fehler und kassierte eine unerwartete Niederlage. Ab diesem Moment übernahm Fischer das Kommando auf dem Schachbrett.

Handschlag zwischen Boris Spassky und Bobby Fischer bei der Schach-WM 1972

Handschlag über dem Schachbrett: Boris Spasski (links) und Bobby Fischer

„Spasski ging es immer um den Schachsport, deshalb spielte er trotz der Eskapaden Fischers weiter.“, so Helgi Olafson. Der Isländer bedauert, dass damals wie heute alle nur über Bobby Fischer sprechen: „Wir vergessen, was für ein großer Spieler und Sportsmann Boris Spasski ist.“ Doch es half alles nichts – am 01. September 1972 ist es so weit: Nach einem Sieg in der 21. Runde liegt Fischer uneinholbar mit 12,5 – 8,5 vorne. Die Sensation ist perfekt: Die jahrzehntelange Dominanz der Sowjetunion im Schach ist gebrochen. Die USA haben in Reykjavík zwar nicht den Kalten Krieg, aber den Kampf auf dem Schachbrett gewonnen.

Mythos Fischer

Doch die Geschichte der Schach-WM 1972 endet nicht mit der Abschlussfeier. Das Match löste weltweit einen Schach-Boom aus. Helgi Olafsson: „Auf einmal war Schach eine Sache, die alle interessierte und mit der man sogar Geld verdienen konnte – auch wenn man nicht aus der Sowjetunion kam.“ Nicht nur in Island wächst eine ganze Generation junger Schach-Großmeister heran. Richtig zum Mythos wird das „Match des Jahrhunderts“ erst in den Folgejahren: Fischer kehrt zwar im Triumph in die USA zurück, doch bald gibt der Weltmeister neue Rätsel auf. Wieder einmal lautet die Frage: Wo ist Bobby Fischer?

Der Amerikaner zieht sich zurück und eine Verteidigung des WM-Titels kommt nicht zustande. Fischers Forderungskatalog will der Weltschach-Verband nicht erfüllen und vergibt schließlich den Titel 1975 kampflos an den jungen Russen Anatoli Karpow. Von dem Schachspieler Bobby Fischer ist danach lange nichts mehr zu hören – bis 1992. Während des Bosnienkriegs tritt Fischer in Serbien zu einem inoffiziellen, aber lukrativen Wettkampf gegen Boris Spasski an. Fischer zeigt noch einmal seine Klasse und besiegt seinen alten Rivalen zum zweiten Mal. Doch dieser Wettkampf soll den weiteren Lebensweg des Amerikaners prägen: Da Serbien Wirtschaftssanktionen der USA unterliegt, ermitteln jetzt die US-Behörden gegen ihn.

„Eine humanitäre Aktion“

„Fischer fühlte sich verfolgt – und wurde es ja auch“, meint Helgi Olafson. Unterstützt von Schachfans reist der immer misstrauischer werdende Fischer in der Welt herum. Dabei macht er mit zunehmend bizarren Auftritten von sich reden: Fischer vertritt Verschwörungstheorien, er äußert sich antisemitisch und antiamerikanisch. Der Tiefpunkt ist im Jahr 2005 erreicht: Gesundheitlich angeschlagen sitzt der Ex-Weltmeister in Abschiebehaft in Japan.

„Es war klar, dass etwas passieren musste“, erinnert sich Olafson. In Island ist der Ex-Champion nicht vergessen: Es wird ein Komitee gegründet, angeführt einmal mehr von WM-Organisator Gudmundur Thorarinsson. Das Ziel auch diesmal: Bobby Fischer nach Island zu bringen. „Es war eine rein humanitäre Aktion“, so Helgi Olafson. Es gelingt, Islands Außenminister davon zu überzeugen, Bobby Fischer die isländische Staatsbürgerschaft zu verleihen.

 Bobby Fischer mit Vollbart und Kappe, umringt von Journalisten an einem Flughafen

Ende einer Flucht: Bobby Fischer auf dem Weg nach Island (2005)

Mit den USA und Japan wird schließlich eine Ausreise nach Island vereinbart. Im März 2005 ist es geschafft: Ein zottelbärtiger Bobby Fischer landet wieder in Reykjavík, dem Ort seines großen Triumphes. 

Endstation Reykjavík 

„Er war ein gebrochener Mann, als er zurück nach Island kam“, berichtet Helgi Olafson, der den ehemaligen Weltmeister in seinen letzten Jahren unterstützte und über die Zeit ein Buch geschrieben hat. „Ich habe Fischer gleich am Anfang klar gemacht, dass ich kein Interesse an seinen verrückten Geschichten habe.“ Danach sei er mit dem Schach-Champion meist gut ausgekommen. „Als Fischer mit 29 Jahren plötzlich aufhörte zu spielen, war er halt nur noch Bobby Fischer ohne Schach, ein Mann ohne ein richtiges Leben“, erzählt Olafson. Fischer sei in seinen letzten Jahren in Island immerhin etwas zur Ruhe gekommen.

2008 verschlechtert sich der Gesundheitszustand des Amerikaners. Bis zuletzt misstraut er den Ärzten und lehnt eine Behandlung seiner Nierenkrankheit ab. Bobby Fischer, für viele der beste Schachspieler aller Zeiten, stirbt im Januar 2008. Seine letzte Wohnung in der Klapparstigur Nr. 5 in Reykjavík soll, so erzählt Helgi Olafson, noch genau in dem Zustand sein, wie er sie kurz vor seinem Tod verlassen hat.

Das Buch von Helgi Olafson „Bobby Fischer Comes Home – Saga of Friendship and Lost Illusions“ ist 2012 im Verlag „New In Chess“ erschienen (ISBN: 978-90-5691-381-6).

Gudmundur Thorarinsson hat 2022 ein Buch über das Duell in Reykjavík veröffentlicht: „The Match of All Time – The Inside Story of the legendary 1972 Fischer-Spassky World Chess Championship in Reykjavik“ („New in Chess“, ISBN 978-94-9325-747-4).

Dieser Artikel wurde im August 2022 aktualisiert.