7 Gründe, warum die Deutschen die Royals lieben

1. Es war einmal …

Mit Königinnen und Königen, Prinzessinnen und Prinzen haben wir in einer prägenden Phase unseres Lebens ständig zu tun: nämlich in unserer Kindheit. „Hier in Deutschland kennen wir Könige und Königinnen vor allen Dingen aus Märchen“, bestätigt Christian Handel, Autor und Märchenexperte. „Die haben wir mit der Muttermilch aufgesogen.“

In den Märchen der Grimms und in den Verfilmungen durch den US-amerikanischen Disney-Konzern seien Königinnen und Könige glänzende Gestalten, überlebensgroß, faszinierend in ihrer Macht und Schönheit, so Handel. In ihren fiktiven Palästen hält man sich gerne auf, ihre Bälle sind so viel prächtiger als jede Feier im echten Leben und das Happy End ist garantiert.

„Wahrscheinlich rührt unsere Faszination für die Royals auch daher“, erklärt Handel gegenüber der DW. „Aus unserer Sehnsucht nach dem Märchenhaften, dem Zauber im Alltag.“

2. Klatsch, Tratsch, royale Babys und echte Skandale

Prinz Harry und Meghan Markle sitzen mit Oprah Winfrey in einem Garten.

Meghan Markle und ihr Ehemann Prince Harry, Enkel von Queen Elizabeth II., gaben der US-amerikanischen Talkshow-Legende Oprah Winfrey im März 2021 ein Interview

Die britische Königsfamilie ist aber auch für die Erwachsenen da: Das Privatleben der Royals bietet reichlich Anlass für Gerüchte, Klatsch und Tratsch. Laut Bayerischen Rundfunk interessieren sich immerhin die Hälfte aller Deutschen zumindest grundsätzlich für den Klatsch rund um die königliche Familie.

Das Spektrum reicht dabei von harmlosen Spekulationen – wie werden Thronfolger Prinz William und Kate, Prinzessin von Wales, wohl ihr erstes Kind nennen – bis hin zu handfesten Skandalen. So verabschiedeten sich Prinz Harry und seine Frau Meghan Markle im Jahr 2020 von allen königlichen Pflichten und warfen einigen Mitgliedern des britischen Königshauses Rassismus vor. Die britische Klatschpresse, der ebenfalls rassistische und übergriffige Berichterstattung vorgeworfen wurde, bezeichnet den Konflikt als „Royal Rift“ („Königlicher Graben“). 

Ein Jahr später wurde Prinz Andrew, drittes Kind der verstorbenen Königin Elizabeth II., vor einem US-amerikanischen Zivilgericht im Jahr 2021 des sexuellen Missbrauchs angeklagt. Prince Andrew, der enge Verbindungen zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein unterhielt, bestritt die Vorwürfe. Seine Mutter entband ihn aller königlichen Verpflichtungen und entzog ihm seine militärischen Dienstgrade. Die Streitparteien erzielten im Februar 2022 eine außergerichtlichen Einigung.

3. Historische Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg

Königin Elizabeth II. in Gelb gekleidet steht vor einer Menschenmenge, neben ihr geht Willy Brandt.

Queen Elizabeth II. mit dem späteren Bundeskanzler Willy Brandt (3. v. l.), damals regierender Bürgermeister von Berlin

Queen Elizabeth II. regierte 70 Jahre lang und erlebte die gesamte Nachkriegsgeschichte Deutschlands mit. Bundeskanzler Olaf Scholz hob nach ihrem Tod ihren „Einsatz für die deutsch-britische Aussöhnung nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges“ hervor. Die Queen hatte als junge Frau selbst drei Wochen in der britischen Armee im Krieg gegen Nazi-Deutschland gedient, damals noch als Princess Elizabeth. In der Armee lernte sie Autofahren, Reifenwechsel und entdeckte ihre lebenslange Begeisterung für Autos.

Bis zum Ende ihres langen Lebens fuhr sie in ihrem Range Rover über ihr schottisches Anwesen Balmoral. Einmal soll sie sogar den saudischen König gefahren haben, der eigentlich einen männlichen Fahrer erwartet hatte. Das Pikante: In Saudi-Arabien war Frauen das Autofahren zu diesem Zeitpunkt noch immer verboten. Der britische „Independent“ bezeichnete das als „einen der besten feministischen Momente“ der Queen.

Nach dem Krieg reiste die Queen zum ersten Mal im Jahr 1965 nach Deutschland, auch ins noch geteilte Berlin. Dort traf sie den späteren Bundeskanzler Willy Brandt. Den Besuch in der Stadt bezeichnete sie als ein „tief bewegendes Erlebnis“. Bei einem Staatsbesuch im Jahr 2015 wurde sie von begeisterten Scharen mit Jubel empfangen. Angereist war sie, um im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen zum 70-jährigen Gedenken des Holocausts einen Kranz niederzulegen. 

4. Die „geborgte Monarchie“

The Mall in London, gesäumt von britischen Flaggen.

Die Londoner Straße „The Mall“ führt vom Trafalgar Square zum Buckingham Palace. Das Königshaus fungiert auch als Symbol der nationalen Einheit Großbritanniens.

So nah manch einer sich der Queen vielleicht fühlte, auch die Tatsache, dass die Royals in einem anderen Land walten, könnte die Passion der Deutschen füttern. „Man kriegt in Deutschland den ganzen Pomp, Glamour und Celebrity-Status der Königsfamilie mit“, erklärt Gerhard Dannemann, Professor am Centre for British Studies der Humboldt-Universität in Berlin. „Aber die politischen Verwerfungen, das Tagesgeschäft, das Suchen nach einer neuen politischen Rolle, das die Menschen in Großbritannien beschäftigt, davon bemerkt man nicht so viel“.

Deshalb spricht Dannemann gegenüber der DW von der „geborgten Monarchie“. Es sind nicht die Steuergelder der deutschen Bürgerinnen und Bürger, die den Lebensunterhalt des britischen Königshauses finanzieren.

Gerade junge Menschen in Großbritannien haben sich in den letzten Jahren vom Königshaus abgewendet. Laut der Nachrichtenagentur Reuters sprachen sich 2021 mehr junge Leute für eine Abschaffung des Königshauses als für seinen Verbleib aus: 41 Prozent der 18- bis 24-Jährigen gaben an, einen gewählten Repräsentanten zu bevorzugen, während 31 Prozent eine Königin oder einen König als Staatsoberhaupt beibehalten wollten.

5. Kleider, Hüte, Colliers, Kronjuwelen

Queen Elizabeth II. winkt in gelbem Kostüm

Queen Elizabeth II. 2003 bei eine Wohltätigkeitsveranstaltung

Die deutsche Politik kommt ganz ohne Pomp aus. Dafür freut sich manch einer, manch eine in Deutschland umso mehr über die Colliers, Kronjuwelen und Hüte der britischen Königsfamilie. 

Gerade die Queen wurde als Stilikone gehandelt. Das bestätigt die britische Modedesignerin Vivienne Westwood, die die verstorbene Königin als Inspiration bezeichnete und von dieser sogar im Jahr 2006 geadelt wurde. 

Dabei begann die Beziehung zwischen Westwood und Queen Elizabeth II. in den 1970er-Jahren wenig freundlich: Damals liiert mit einem der Mitglieder der Punk-Band „Sex Pistols“, war Westwood an dem monarchie-kritischen Song „God Save the Queen“ beteiligt und hatte die Queen als ihr Feindbild auserkoren. 

Das änderte sich jedoch in späteren Jahren. Und die Hüte, Kostüme und Juwelen von Queen Elizabeth II. oder Prinz Williams Ehefrau Kate füllen Tag für Tag die Seiten von „Bunte“, „Gala“ und Co. 

6. Das deutsch-englische Königshaus

Britische Königinmutter Elizabeth mit ihrem Baby Prinzessin Elizabeth (späteren Königin Elizabeth II.) auf dem Schoß; sie beide lächeln in die Kamera.

Auch in Deutschland besser bekannt als „Queen Mum“: Die Mutter von Königin Elizabeth II. (r.) hieß ebenfalls Elizabeth (l.)

Das englische Königshaus trug bis ins Jahr 1917 den deutschen Namen „Haus Sachsen-Coburg und Gotha“. Denn die britische Queen Victoria, die dem House of Windsor angehörte, hatte im 19. Jahrhundert den deutschen Prinz Albert aus dem Adelsgeschlecht Sachsen-Coburg und Gotha geheiratet. Es war sein Name, der an die gemeinsamen Kinder weitergegeben wurde.

Erst im Jahr 1917 änderte das britische Königshaus den Namen wieder zu „House of Windsor“, um keine Nähe zum Kriegsgegner Deutschland herzustellen. Die Mutter Queen Elizabeths II., besser bekannt als „Queen Mum“, soll von Adolf Hitler einmal sogar als „die gefährlichste Frau in Europa“ bezeichnet worden sein, da sie zum Symbol des Widerstands gegen Nazi-Deutschland geworden war. Sie wurde während des Zweiten Weltkrieges am Revolver ausgebildet, im Falle einer bevorstehenden Invasion.

Ihr Enkel King Charles III., der Queen Elizabeth II. auf den Thron folgt, gehört neben dem Hause Windsor übrigens einem weiteren deutschen Adelsgeschlecht an: dem Hause Glücksburg. Das Wasserschloss des Adelsgeschlechts befindet sich in der gleichnamigen Kleinstadt an der Ostsee, nur wenige Kilometer von Flensburg und der dänischen Grenze entfernt.

7. Ein verlässlicher Ruhepol

Queen Elizabeth II. und ihr Ehemann Prince Philip stehen Arm in Arm beieinander und blicken sich lächelnd an.

Die Queen mit ihrem Ehemann Prince Philip, den sie am 20. November 1947 heiratete – es war eine Liebeshochzeit

Gerade die nun verstorbene Queen Elizabeth II. verkörperte für Menschen in Großbritannien, Deutschland und vielen anderen Ländern einen Ruhepol. Als Staatsfrau ist sie für die meisten Menschen präsent, solange sie leben, erklärt Gerhard Dannemann gegenüber der DW. „Die allerwenigsten Deutschen erinnern sich an eine Jugend, in der es Königin Elisabeth nicht schon gab.“

70 Jahre lang regierte sie. Das bedeutet auch, dass die meisten Menschen in Deutschland sie als ältere Dame kennengelernt hätten, als großmutterähnliche Figur –  auch das eine archetypische Märchengestalt: eine weise, lebenserfahrene Frau, auf die man sich verlassen kann. 

Ob es ihrem Sohn, dem neuen König Charles III. gelingen wird, die royale Begeisterung im In- und Ausland aufrechtzuerhalten, wird sich zeigen. Gerhard Dannemann glaubt daran: „Ich werde die Abschaffung der britischen Monarchie nicht mehr erleben. Die Republikaner müssten diesen Moment nutzen, um ihre Mitmenschen zu überzeugen, dass eine Monarchie nicht mehr zeitgemäß ist. Aber die meisten Menschen wollen dem neuen König eine Chance geben.“

Außerdem sei der neue Thronfolger Prince William sehr beliebt. „Alle wissen, dass sie mit einem Ende der Monarchie unter Charles III. auch den künftigen König William abschaffen würden.“

Deshalb hält Dannemann es für wahrscheinlich, dass den Menschen in Deutschland die britische Monarchie erhalten bleiben wird: „Großbritannien befindet sich in der Krise, es hat sich in den letzten Jahren international isoliert, dann kam die COVID-Pandemie und nun die rasant steigenden Energiepreise hinzu. In Zeiten der Aufregung und der Schwierigkeiten neigt man dazu, nicht noch ein Fass aufzumachen.“