7 Jahre Pariser Attentate: Der Kampf zurück ins Leben

Paris am 23. Oktober 2022. Das erfolgreiche deutsche Folk Pop-Duo Milky Chance spielt vor einer begeisterten Menschenmenge in einem Club. So weit, so normal. Doch der Club ist nicht irgendein Konzertsaal, sondern das Bataclan.

Vor sieben Jahren, am 13. November 2015, stürmten drei islamistische Terroristen mit Sturmgewehren und Sprengstoffgürteln während eines Konzerts der US-Band Eagles of Death Metal den Saal, nahmen das Publikum als Geisel und töteten 90 Menschen. Etwa zeitgleich wurden bei Anschlägen auf Bars, Restaurants und am Nationalstadion Stade de France 40 weitere Menschen ermordet. Die Pariser Attentate der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) trafen Frankreich tief ins Mark, und das Bataclan wurde zu einem Symbol dafür.

Eine Tür, darüber steht Bataclan, Passanten gehen vorbei.

Der Eingang des Konzertsaals „Bataclan“ in Paris im September 2021

In jener Nacht des 13. November verlor der Journalist Antoine Leiris seine Frau Hélène. Die beiden waren junge Eltern, der gemeinsame Sohn Melvil gerade mal 17 Monate alt. Während die Welt versuchte, eine Erklärung für das unfassbare Grauen des 13. November zu finden, postete Leiris auf Facebook einen offenen Brief.

In bewegenden Worten wandte er sich darin an die Attentäter und verweigerte ihnen, „den toten Seelen“, seinen Hass – und den seines Sohnes. Die Botschaft ging um die Welt. Später veröffentlichte Leiris das Buch „Meinen Hass bekommt ihr nicht“, in dem er davon berichtet, wie er sich damals mit seinem Sohn zurück ins Leben kämpfte.

Der Blick von außen

Am 10. November 2022 hatte nun die gleichnamige Verfilmung des Buchs ihren Kinostart. Der erfahrene deutsche Filmemacher Kilian Riedhof (u.a. „Homevideo“ und „Gladbeck“) hat sich des Stoffes angenommen. Im Gespräch mit der DW berichtet er, wie sehr ihn das Buch, das ihm damals eine Verwandte empfohlen hatte, als Vater und Ehemann bewegt und schließlich dazu gebracht habe, den Film zu machen: „Sich vorzustellen, wie einen dieser Terroranschlag treffen könnte, das ist ja ein Albtraum, der dieser Familie widerfährt. Das war mir von der ersten Sekunde an sehr nah und klar, dass ich es als Film verarbeiten möchte.“ 

Kilian Riedhof vor Postern des Kinofilms Meinen Hass bekommt ihr nicht

Kilian Riedhof bei der Premiere seines Films „Meinen Hass bekommt ihr nicht“

Riedhof reist nach Paris, um sich mit Antoine Leiris zu treffen. Bedenken, dass dieser den Stoff vielleicht lieber von einem Pariser oder einer Pariserin bearbeitet haben möchte, zerstreuen sich direkt. „Er fand es gut, dass wir einen gewissen Abstand zum Epizentrum des Geschehens haben“, so Riedhof. „Manches braucht ja eine gewisse Distanz, um begriffen zu werden. Unsere Rolle war dann die eines mitfühlenden Freundes. Trotzdem waren wir uns der Verantwortung sehr bewusst. Dieses Trauma ist in Paris noch sehr frisch, unheimlich viele Leute verbinden Geschichten mit jener Nacht.“

Behutsame filmische Annäherung

Entsprechend behutsam inszeniert Riedhof seinen Film. In der Hauptrolle: Pierre Deladonchamps, der Leiris nicht nur physisch ähnelt, sondern auch dessen Charme und Intellekt vermittelt, den Leiris bei aller Trauer ausstrahlt. Absolut glaubhaft vermittelt Deladonchamps den Schock und das Trauma, aber auch die Heilung eines Mannes, der sich mit Hilfe seines Sohnes ins Leben zurückarbeitet.

Die Wohnung der beiden ist dabei ihr Kokon, ihr Schutzraum, an dem zwar alles an Hélène erinnert, den Trauernden aber auch immer wieder Kraft gibt und Sinn aufzeigt. Die Kamera ist stets ganz nah dran an Deladonchamps und Zoé Iorio, die die Rolle des Melvil spielt.

Filmszene aus Meinen Hass bekommt ihr nicht: Ein Mann und ein Kind sitzen um einen Turm aus Bauklötzen und pusten ihn an.

Antoine (Pierre Deladonchamps, r.) und Melvil (Zoé Iorio) erobern sich gemeinsam ihr Familienleben zurück

„Uns war wichtig, dass wir behutsam, sensibel erzählen. Es ging hier weniger um Dramatisieren, sondern mehr um Zuhören und um Mitempfinden“, so Riedhof. Und das ist ihm gelungen. Die Anschläge, die Attentäter, die Leichen – all das ist nicht zu sehen in „Meinen Hass bekommt ihr nicht“. Vielmehr die Wirkung, die solch eine Tat auf eine Familie hat. „Sich mit dem Gefühl des Hasses und der Verzweiflung auseinandersetzen zu müssen und das zu überwinden… Das zu einem physischen Erlebnis für den Zuschauer werden zu lassen, war sicherlich eine Hauptaufgabe“, ergänzt der Regisseur.  

Rückeroberung des Nachtlebens

Nach der Terrorattacke wurde der Saal des Bataclan umfassend renoviert und blieb etwa ein Jahr geschlossen. Dann eroberte sich Paris den Ort zurück. Mit Trotz und Parolen wie „Je suis en terrace“, auf Deutsch: „Ich sitze vor der Bar“, zeigten die Pariserinnen und Pariser, dass sie sich weder einschüchtern, noch ihr Lebensgefühl nehmen lassen.

Zur Wiedereröffnung des Bataclan sagte der britische Musiker Sting, er wolle der Opfer gedenken, aber auch die Musik und das Leben feiern. Karim und Djerry, die im Bataclan als Sicherheitskräfte arbeiten, sagten der Deutschen Presse-Agentur (dpa) vor dem Beginn des Konzerts von Milky Chance im Oktober: „Mittlerweile sind wir daran gewöhnt, hier zu arbeiten, aber es macht immer etwas mit einem. Wir denken immer daran.“

Die beiden Bandmitglieder von Milky Chance, einer mit Gitarre, stehen singend auf einer Bühne und werden rötlich angeleuchtet.

Milky Chance bei ihrem Konzert im Bataclan

Philipp Dausch von Milky Chance betrachtet das Konzert als „Spagat“, aber vielleicht sei genau das auch die Herausforderung. Und sein Bandkollege Clemens Rehbein fügt hinzu: „Das ist ja eine sehr lebensbejahende Antwort darauf.“ Er glaube, das sei auch gut so. „Dass man jetzt hier wieder Konzerte stattfinden lässt und so eine ausgelassene Stimmung ist, heißt ja nicht oder darf nicht heißen, dass man vergisst, was mal passiert ist.“

Auch Kilian Riedhof berichtet davon, wie präsent die Pariser Terrornacht nach wie vor ist: „Die Wunde ist bis heute spürbar, die Menschen haben einen sehr konkreten Bezug zu dieser Nacht. Aber ich glaube, die Pariser haben sehr schnell angefangen, das Leben entgegenzusetzen und genau dieses Bier auf der Terrasse zu trinken, aber auch eben mit Kultur zu antworten.“

Die Botschaft der Terroristen sei gewesen, sich zu verkriechen. Ihr Ziel sei die Angst. Aber „die Pariser haben sehr schnell verstanden, dass man genau das nicht machen darf, sich von den öffentlichen Plätzen nicht vertreiben lassen darf, sondern zurück ins Leben geht, miteinander ist, die Kultur verteidigt – Theater, Musik, Kino – weil das die richtige Antwort auf den Hass ist.“

Der Film „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ von Kilian Riedhof ist aktuell in Deutschland im Kino zu sehen. Das Buch „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ von Antoine Leiris (144 Seiten) ist 2016 bei Blanvalet erschienen.