Afghanistan: Warum Evakuierungspläne „in der Schublade“ blieben

Den überstürzten Abzug der Bundeswehr und die Evakuierung der deutschen Botschaft konnte Gregory Bledjian nur noch aus der Ferne beobachten. Denn seine Zeit als Gesandter des Auswärtigen Amtes in Kabul war nach gut einem Jahr Mitte Juni 2021 und damit zwei Monate vor der Machtübernahme der Taliban zu Ende gegangen. Als Zeuge im Afghanistan-Untersuchungsausschuss gewährte er nun tiefe Einblicke in die letzte Phase der nach 20 Jahren gescheiterten Mission. 

„Die Sicherheitslage hat sich kontinuierlich verschlechtert“

„Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht“, sagte der Diplomat über den Siegeszug der Islamisten. Dieser Satz zieht sich so oder in ähnlicher Form wie ein roter Faden durch die Antworten von Fachleuten und Zeugen, die in bislang drei öffentlichen Sitzungen befragt worden sind. Das gilt auch für eine andere Aussage Bledjians: „Die Sicherheitslage hat sich kontinuierlich verschlechtert.“

Bundeswehr-Soldaten mit Maschinengewehren und schusssicheren Westen bewachen einen Militär-Konvoi in Afghanistan.

Bundeswehr-Soldaten bewachen einen Konvoi im Camp Marmal in Masar-I-Scharif (Archivbild aus dem Jahr 2018)

Deshalb forderte der erfahrene Diplomat seinen Angaben zufolge bereits Ende 2020 ein Krisenberatungsteam aus Berlin an, um über Sicherheitsfragen zu sprechen. Dieses Team sei im März 2021 gekommen. Angesichts des zwischen den USA und den Taliban im sogenannten Doha-Abkommen vereinbarten Truppenabzugs habe man sich „sehr grundlegende Sorgen und Gedanken gemacht, wie wir diese Fähigkeiten ersetzen“. Mit anderen Worten: Wer sollte dann für den Schutz der Botschaft und zivilen Organisationen sorgen?

„Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt“

Evakuierungspläne für das Botschaftspersonal und Ortskräfte hätten zum Ende seiner Tätigkeit in der afghanischen Hauptstadt „fertig in der Schublade“ gelegen, sagte der Zeuge. Eine Entscheidung über eine Evakuierung sei damals aber noch nicht getroffen worden.

Trotz aller Skepsis: Man sei in der deutschen Botschaft lange von einem weiteren diplomatischen wie entwicklungspolitischen Engagement in Afghanistan ausgegangen – auch nach dem Abzug der internationalen Truppen. Eine fatale Fehleinschätzung, wie sich bald zeigte.

Die Vereinbarung zwischen den Amerikanern und den Taliban hat Bledjian wie viele andere von Anfang an kritisch gesehen. „Es war ein Vertrag zu Lasten Dritter“, sagte der 49-Jährige, denn die afghanische Regierung und ihre Verbündeten seien nicht beteiligt gewesen. „Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt.“

„Marionette der Amerikaner“

Allen sei bewusst gewesen, dass der Friedensprozess an strukturellen Mängeln gelitten habe, betonte der Diplomat. Als größtes Problem empfand er, „dass während der Verhandlungen weitergekämpft wurde“.

Die afghanische Regierung sei von den Taliban als „Marionette der Amerikaner“ bezeichnet worden. Besonders die Zivilgesellschaft sei sehr skeptisch gewesen. „Jedes Gespräch, das ich geführt habe, fing mit der Sicherheitslage an.“

Schwer bewaffnete Soldaten aus Deutschland und den USA sichern einen Checkpoint am Flughafen in Kabul ab.

Deutsche und US-amerikanische Soldaten sichern im August 2021 am Flughafen in Kabul Evakuierungen ab

Man selbst habe von den Amerikanern die Zusage bekommen, notfalls mit zwei großen Frachtmaschinen Botschaftspersonal und lokale Kräfte auszufliegen. Als die Taliban dann tatsächlich unerwartet schnell Kabul eroberten, überstürzten sich die Ereignisse. Tausende Menschen, die mit den internationalen Truppen und zivilen Hilfsorganisationen zusammengearbeitet hatten, fürchteten die Rache der Taliban.

„Strategie des Redens und Schießens“

Sie alle auszufliegen, darauf war offenbar niemand vorbereitet. „Unser Sicherheitskonzept bezog sich zu keinem Zeitpunkt auf 10.000 Leute unter chaotischen Zuständen am Flughafen“, sagte Gregory Bledjian im Untersuchungsausschuss. Die Taktik der Taliban fasste er so zusammen: „Sie haben eine Strategie des Redens und Schießens verfolgt.“ Am Ende waren sie damit erfolgreich.