Afghanistan: Zäher Dialog mit den Taliban

Wie umgehen mit den Taliban? Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos

umriss der Außenminister Katars, Sheikh Mohammed bin Abdulrahman Al-Thani, wie sein Land mit den Radikal-Islamisten in Afghanistan umzugehen gedenke. Gewiss, räumte er ein, die jüngsten Maßnahmen der Taliban seien „hochgradig enttäuschend“. Aber Doha werde sein diplomatisches Engagement weiter fortführen, da dies die einzige Möglichkeit sei, Veränderungen in Afghanistan zu bewirken.

Doha berate sich auch mit anderen muslimischen Ländern, um einen Dialog mit Taliban-Vertretern in Kandahar aufzunehmen, so der Außenminister. Dies sei zwar „keine leichte Aufgabe“, doch komme es darauf an, es weiter zu versuchen.

Lesende 14-jährige afghanischen Wasserverkäuferin auf einem Kabuler Friedhof

Selbststudium einer 14-jährigen afghanischen Wasserverkäuferin auf einem Kabuler Friedhof

Katar werde den afghanischen Frauen weiterhin beistehen. Die afghanischen Frauen „werden sich durchsetzen, so wie sie sich schon vorher durchgesetzt haben. Wir werden ihnen zur Seite stehen, wir werden sie unterstützen“, sagt der Außenminister am Rande des Weltwirtschaftsforum dem amerikanischen Sender CNN.

Katar will sich nicht entmutigen lassen

Zugleich räumt er ein, dass sein Land bislang noch keine Erfolge im Dialog mit den Taliban erzielen konnte. „Wir haben sogar versucht, Kandahar (traditionelles Machtzentrum der Taliban und informeller Sitz der Führung – Red.)  zu erreichen und einen Dialog mit ihnen zu führen. Bisher ist uns das nicht gelungen, aber wir sind in ständigem Kontakt mit anderen Ländern in der Region, einigen muslimischen Ländern“, so Al-Thani in einer öffentlichen Gesprächsrunde in Davos.

Auch die Vereinten Nationen  suchen das Gespräch mit den Taliban. Mitte Januar hatte UN-Generalsekretär António Guterres die „beispiellosen systematischen Angriffe auf die Rechte von Frauen und Mädchen“ in Afghanistan angeprangert. Er sprach von einer „Geschlechter-Apartheid“. Vor wenigen Tagen reiste eine UN-Delegation unter Leitung der stellvertretenden UN-Generalsekretärin Amina Mohammed und der Direktorin der UN-Frauenorganisation, Sima Bahous, nach Kabul, um dort die Menschenrechtslage zu erörtern.

Demonstrantinnen konfrontieren Taliban-Kräfte auf der Straße in Kabul

Demonstrantinnen konfrontieren Taliban-Kräfte auf der Straße in Kabul

Es sei nötig, mit den Taliban zu reden, sagt Thomas Ruttig, Mitbegründer des unabhängigen Think-Tanks „Afghanistan Analysts Network“. Gerade weil die frauen- und menschenrechtsfeindlichen Maßnahmen der Taliban nicht hinzunehmen seien und die afghanische Bevölkerung nicht in der Lage sei, ihre eigenen Vorstellungen offen und ohne Gefahr zu artikulieren, brauche es Staaten und Institutionen, die mit den Taliban sprechen. „Zu reden heißt ja nicht, mit Positionen der Gegenseite übereinzustimmen“, so Ruttig gegenüber der DW.

Saudi-Arabiens neuer Kurs

Darum begrüßt Ruttig auch die Initiativen einiger Golfstaaten wie etwa Katar und Saudi-Arabien. „Sie haben vermutlich größere Möglichkeiten als die westlichen Staaten, sich bei der ultrakonservativen Führung der Taliban Gehör zu verschaffen. Denn Hibatullah Achundsada, der Führer der Taliban, hat bislang keine westlichen Diplomaten und generell sehr wenige Diplomaten empfangen.“

Bereits seit Jahren engagieren sich Katar und Saudi-Arabien  in Afghanistan. Nachdem Saudi-Arabien nach der russischen Invasion in Afghanistan 1979-89 dort über Jahre religiös motivierte Widerstandskämpfer unterstützt und auch zu deren ideologischer Radikalisierung beigetragen hatte, verfolgt das Königreich heute andere Ziele. Als das Land, in dem der islamische Religionsstifter Mohammed geboren wurde und in dem sich die zentralen islamischen Heiligtümer befinden, verfügt Saudi-Arabien auch in Afghanistan trotz aller politischen Differenzen über ein gewisses Ansehen. Dieses nutzt das Königreich, um seine Version eines – vergleichsweise – moderaten Islams zu propagieren. Mittel dazu sind die Islamische Entwicklungsbank und die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC). Über sie engagiert sich Saudi-Arabien humanitär und soweit möglich auch, um der Taliban-Führung seine Auffassung eines zeitgemäßen Islams nahezubringen.

Katars Außenminister Al-Thani und der damalige US-Amtskollege Mike Pompeo bei der Unterzeichnung des Abkommens USA - Taliban im Februar 2020 in Doha.

Katars Außenminister Al-Thani (M) und der damalige US-Amtskollege Mike Pompeo (l) bei der Unterzeichnung des Abkommens USA – Taliban im Februar 2020 in Doha.

Anders geht Katar vor. Das Land hat sich als regionale diplomatische Instanz etabliert und als solche 2020 die Doha-Übereinkunft zwischen den USA und den Taliban vermittelt. Statt der darin vereinbarten Friedensgespräche mit der damaligen Regierung in Kabul übernahmen die Taliban jedoch nach dem Rückzug der westlichen Truppen die Herrschaft in Kabul.

Seit 2013 unterhalten die Taliban ein politisches Büro in der katarischen Hauptstadt Doha. Dieses ist für sie weiter eine wichtige internationale Kontaktstelle, wenngleich sie Presseberichten zufolge ihren Gastgebern erklärt haben, sich auch um andere diplomatische Kanäle bemühen zu wollen. Zudem haben die Taliban der katarischen Führung immer wieder auch deren begrenzte Einflussmöglichkeiten demonstriert: Wesentliche Konzessionen etwa in Bezug auf Menschen- und Frauenrechte haben sie sich von ihren Gastgebern bislang nicht abringen lassen. „Das afghanische Dilemma lässt sich nicht durch ein Land allein lösen“, heißt es in einer Analyse des regierungsnahen Washingtoner Thinktanks Atlantic Council vom Januar 2023.

Internationale Gemeinschaft gefordert

Zwar hätten die Golfstaaten noch keine eindeutige Antwort auf die Frage gefunden, in welchem Maß sie mit dem islamistischen Regime der Taliban zusammenarbeiten wollten, so der Atlantic Council. Doch scheine sich allmählich die Ansicht zu etablieren, dass begrenzte Beziehungen zu den Taliban dazu beitragen könnten, sicherheitspolitische und humanitäre Belange anzugehen. „Solange diese Bemühungen auf die grundlegenden Bedürfnisse der leidenden afghanischen Bevölkerung ausgerichtet und humanitär fundiert sind, sollte die internationale Gemeinschaft die Last der humanitären Hilfe für das Land nicht allein den Partnern in den Golfstaaten überlassen.“

In der Summe seien die Einflussmöglichkeiten aber überschaubar, sagt Thomas Ruttig. Das gelte auch für internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen wie auch für die westliche Staaten. Deren nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 getroffen Entscheidung, die Entwicklungszusammenarbeit auszusetzen,  sei insofern problematisch, als sie vor allem die Bevölkerung treffe. Es gebe aber Mechanismen, direkt mit den örtlichen Gemeinschaften zusammenzuarbeiten. „Es ist natürlich problematisch, dass man dabei um die Zusammenarbeit mit den Taliban nicht völlig umhinkommt. Aber um das Überleben der Menschen zu sichern, muss man zu Kompromissen bereit sein“, sagt der deutsche Afghanistan-Experte.

Der UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Ramiz Alakbarow

UN-Sonderbeauftragter für Afghanistan, Ramiz Alakbarow: „Es ist wichtig, dass wir weitermachen“, trotz des Arbeitsverbots für Frauen bei nichtstaatlichen Organisationen.

UN dürfen nicht als Vertreter des Westens auftreten

Für die Vereinten Nationen hingegen sei wichtig, dass sie nicht als Vertreter des Westens aufträten. „In dieser Rolle würden die Taliban die UN noch stärker ablehnen“, warnt Ruttig. Umso mehr komme es darauf an, auf die gemäßigteren Teile der Taliban zu setzen, jene, die zwar auch einer radikalislamistischen Agenda folgten, zugleich aber auch dem Land dienen wollten. Allerdings: „So lange es bei den Kontakten keinen Fortschritt gibt, ist die Bevölkerung weiterhin den irrationalen Restriktionen der von den Taliban geführten Regierung ausgesetzt.“