Asexualität: Sex? Nein, danke!

Lennart läuft über die Hamburger Reeperbahn, einer Partystraße. Um ihn herum: Sexshops, Pornokinos, Bordelle. Große Brüste und pralle Hintern strecken sich ihm entgegen. Doch davon lässt sich der 38-Jährige mit Brille und schiefem Lächeln nicht beeindrucken, er ist asexuell. „Wenn ich das anschaue, dann denke ich nicht: Ah, da sind Brüste, also will ich jetzt Brüste anfassen. Für mich ist das eine schlechte Reklametafel für eine Sache, die ich nicht verstehe.“

Schon in der Pubertät bemerkte er, dass er anders ist als andere. Als seine Mitschüler anfingen, sich für Sex und das andere Geschlecht zu interessieren, verstand er nicht, was die ganze Aufregung sollte. Doch er wollte dazugehören und probierte es schließlich aus, mit einem ernüchternden Ergebnis: „Ja ich habe gemerkt, es ist machbar und ich habe mich dabei nicht geekelt, aber es ist mir egal und ich verzichte lieber darauf.“

 Lennart auf Reeperbahn

Damit kann er wenig anfangen: Lennart auf der Reeperbahn

Auch Akaya konnte Sex noch nie genießen. Die 22-Jährige mit roten, kurz geschorenen Haaren ist bei Bielefeld in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen. Um sie herum, eine ländliche Gegend und ein Milieu, in dem es ausschließlich heterosexuelle Paare gab. Als sie ihre fehlende Lust beim Sex mit Freunden und Familie ansprach, bekam sie immer wieder die gleiche Antwort: „Du musst nur den richtigen Partner finden. Wenn ihr euch dann richtig liebt, dann wirst du die Intimitäten auch genießen.“

Also machte sie weiter – aus sozialem Druck. Hat immer wieder wechselnde Geschlechtspartner, in der Hoffnung, dass es irgendwann klick macht. Doch das tut es nicht. Erst in der Abiturzeit stieß sie auf das Thema Asexualität und erkannte sich sofort wieder. „In dem Moment habe ich verstanden: Ich muss die richtige Person nicht finden. Es ist ok, dass ich Sex nicht mag und nicht brauche.“

Akaya

Akaya ist asexuell und glücklich vergeben in einer Beziehung

Was bedeutet Asexualität?

Zwischen 0,5 und fünf Prozent der deutschen Bevölkerung sind, je nach Studie, asexuell. Sie geben an wenig bis kein sexuelles Verlangen zu verspüren. Da Asexualität wenig erforscht und in vielen Kreisen weitgehend unbekannt ist, könnte die Dunkelziffer sehr viel höher sein. Wie Akaya und Lennart leben viele Asexuelle über Jahre mit dem Gefühl, anders oder gar „falsch“ zu sein, ohne zu verstehen, warum oder einen Begriff für ihre Gefühle zu kennen.

Das Umfeld reagiert oftmals mit Unverständnis. Von außen werde Asexualität häufig mit Zölibat oder Libidoverlust verwechselt, doch damit habe sie nichts zu tun, sagt Professor Johannes Fuß, Direktor am Institut für Forensische Psychiatrie und Sexualforschung der Universität Duisburg-Essen. „Asexualität ist etwas Lebenslanges und nichts Erworbenes, was plötzlich auftaucht. Es ist vergleichbar mit anderen sexuellen Orientierungen wie Homosexualität.“

Asexuell, und manchmal romantisch

Keine Lust auf Sex bedeutet aber nicht, dass asexuelle Menschen prinzipiell keine romantischen Beziehungen eingehen. Akaya ist seit sechs Monaten mit ihrer Freundin Merle zusammen, heute treffen sie sich zum Kostümebasteln. Lachend sitzen die beiden am Wohnzimmertisch, schneiden Stoffe zurecht und werfen sich verliebte Blicke zu. Beide sind asexuell und haben sich über eine Dating-App kennengelernt. Geschlechtsverkehr haben sie keinen, küssen und kuscheln tun sie aber.

Eine Beziehung brauche keinen Sex, erklärt Akaya. „Man kann auch anders zusammen Zeit verbringen, in dem man eben seine eigene Intimität schafft.“ Eine asexuelle Partnerin zu finden war für beide wichtig. „Wenn es jemand gewesen wäre, der nicht asexuell ist, hätte ich die Person fragen müssen, zu verzichten. Und das mag ich einfach nicht“, sagt Merle. Dass sie keinen Sex haben werden, war für beide von Anfang an klar, wie viel Händchen-Halten und Umarmen sich für beide richtig anfühlt, darüber diskutieren sie regelmäßig in ihrer Beziehung.

Akaya und Merle an einem Tisch

Partnerschaft: Akaya und Merle beim Kostümebasteln

Während die meisten asexuellen Menschen keinen Geschlechtsverkehr wollen, gibt es andere, die trotzdem Sex haben. Viele täten es mit dem Ziel, Kinder zu bekommen, oder aus Liebe zum Partner, sollte der mehr Lust auf Sex haben, erklärt Johannes Fuß. Sex wird dann zum Geschenk für den Partner, denn „viele asexuelle Menschen haben ja trotzdem romantische Gefühle“, fügt er hinzu.

Stigmatisierung und Vorurteile

Von der Reeperbahn zu Lennarts Wohnung in Hamburg-Altona. In seinem Wohnzimmer stapeln sich die Bücher, viele davon beschäftigen sich mit Asexualität. Seit vier Jahren geht er offen mit dieser Identität um und spricht auch mit anderen darüber. Dabei bekommt er oft ungefragt Ratschläge wie: „Hast du vielleicht schon mal darüber nachgedacht, deinen Hormonspiegel checken zu lassen?“, „Vielleicht ist dir irgendwas Schlimmes passiert und du hast es verdrängt“ oder „Du solltest vielleicht in Therapie gehen oder eine medikamentöse Behandlung bekommen“. Lennart verzieht das Gesicht, wenn er über solche Erfahrungen spricht.

Eine Therapie für asexuelle Menschen sei nicht notwendig, betont der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Johannes Fuß: „Der Kernpunkt ist da der Leidensdruck. Asexuelle Menschen leiden nicht unter ihrer Orientierung, ihnen fehlt nichts.“ Deshalb sei auch eine medikamentöse Behandlung nicht nötig. Behandelt werden müsse eher die Gesellschaft, in Form von Aufklärungsarbeit. „Manche Menschen wollen jeden Tag Sex, andere nur einmal im Monat oder auch gar nicht. Das ist Teil des Spektrums und alles völlig normal und gesund.“

Akaya und Lennart leben heute beide gut mit ihrer Asexualität: „Seitdem ich keinen Sex mehr habe, wird kein Loch mehr in meinen Alltag reingerissen. Ich muss nicht ständig duschen oder das Bett neu beziehen, das ist schon praktisch“, sagt Lennart lachend. Sie akzeptieren sich wie sie sind, jetzt wollen sie nur noch, dass es auch die Gesellschaft tut.