Faktencheck: Was hat es mit der Propaganda über „ukrainische Nazis“ auf sich?

Spätestens seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine verbreitet sich die Erzählung, dass viele Ukrainer dem Nationalsozialismus zugetan sind. In bekannten Propaganda-Kanälen wie beispielsweise der Telegram-Gruppe „Neues aus Russland“, die von der angeblich unabhängigen Journalistin Alina Lipp betrieben wird, findet man Behauptungen zu ukrainischen Nazis en masse. Solche Postings haben Einfluss – alleine Lipps Kanal abonnieren immerhin über 183.000 Menschen (Stand 25. November). 

Eine einfache Suchanfrage darin ergibt, dass das Wort „Nazi“ 285 Mal vorkommt, „Nationalsozialismus“ 22 Mal und „Hakenkreuz“ 17 Mal (Stand 25. November). 

Doch was hat es mit dem Narrativ ukrainischer Nazis auf sich? Und was ist mit den angeblichen Beweisen, die prorussische Accounts in den Sozialen Medien verbreiten? 

1. Behauptung: Ein in einem Tweet verbreitetes Video, das angeblich vom arabischen Nachrichtensender Al Jazeera stammt, handelt davon, dass drei betrunkene Ukrainer Nazi-Symbole bei der Fußballweltmeisterschaft in Katar verbreitet haben.

DW-Faktencheck: Falsch

Auch der russische Propagandist und Journalist Vladimir Solovyov verbreitet das Video auf seinem Telegram-Kanal , allein dort wird es fast 400.000 Mal angeschaut (Stand 25 November 2022). Im Stil des Mediums Al Jazeera wird in dem Video darüber berichtet, dass drei Ukrainer einen Hitlerbart auf ein Graffiti des Maskottchens der FIFA-Fußball-WM gemalt und einen Hitlergruß daneben geschrieben hätten. Zudem hätten die drei Ukrainer zehn Poster in der Umgebung des Fußballstadions Al Bayt zerstört, heißt es in dem Video. Sie seien dann festgenommen worden, ohne sich zu wehren. 

Bei dem Video und handelt es sich um eine Fälschung, wie unsere Recherche zeigt und Al Jazeera selbst in einem eigenen Faktencheck erklärt.

DW Faktencheck | Screenshot | Circonscripti18 Twitter

Angeblich malten Ukrainer in Katar den Hitlergruß neben das WM-Maskottchen.

In dem Clip sind das Logo von Al Jazeera zu sehen sowie Schriftarten, die denen der originalen Videos des Mediums (ein Beispiel hier) sehr ähnlich sehen. In dem Video selbst werden die drei angeblichen ukrainischen Fans nicht gezeigt, sondern nur Beispielbilder von ukrainischen Fans. Im Journalismus ist das teilweise zwar üblich, interessant ist aber, dass keine näheren Details zu den Männern gemacht werden – was stutzig machen kann, denn seit der Generalmobilmachung dürfen Männer zwischen 18 und 60 Jahren gar nicht aus der Ukraine ausreisen. Zudem hat sich die ukrainische Mannschaft gar nicht für die WM qualifiziert.

Auffällig ist zudem, dass das Stadion Al Bayt in dem Video falsch geschrieben wurde, nämlich El Beit. Bilder von den angeblich zerstörten Postern sind auch nicht zu sehen. Es wird auch eine Szene gezeigt, wie die ukrainischen Fans angeblich festgenommen werden – die Kleidung der Polizisten entspricht aber nicht der Kleidung der Ordnungshüter, die laut katarischem Innenministerium für die Fußball-WM eingesetzt wird. 

Lädt man das Abzeichen, das auf dem Arm eines der angeblichen Polizisten zu sehen ist, in einer Bilderrückwärtssuche hoch, gelangt man auf verschiedene Webseiten, die darauf hinweisen, dass es sich um ein Militär-Abzeichen handelt. Aus welchem Land, ist aber nicht klar. 

Fazit: Das Video wurde von diversen Faktencheckern überprüft und ist falsch. Auch Al Jazeera als angeblicher Urheber bestätigt die Fälschung. 

2. Behauptung: „Einige ukrainische Kämpfer tragen als Zeichen ihres Engagements für den Neonazismus den Slogan ‚Jedem das seine‘ auf ihrem Helm“, schreibt die bereits erwähnte Alina Lipp in ihrem Telegram-Kanal und veröffentlicht dazu ein Foto, das als Beweis dienen soll.

DW-Faktencheck: Falsch

DW Faktencheck | Screenshot | t.me

Dieses manipulierte Bild zeigt angeblich nationalsozialistische Soldaten in der Ukraine.

Das Foto ist klar manipuliert, wie unsere Recherche zeigt. Der Spruch „Jedem das Seine“prangte am Haupttor des Konzentrationslagers Buchenwald und ist seitdem nationalsozialistisch belastet. Er deutet die rechtsextreme und nationalsozialistische Auffassung an, dass jeder angeblich bekomme, was er verdiene. 

Die Aufschrift wurde mit einer Bildbearbeitungssoftware auf den Helm des Soldaten draufgesetzt, wie eine Bilderrückwärtssuche zeigt. Zudem wurde das Originalfoto gespiegelt.

Und die Männer auf dem Foto sind nicht unbekannt: Es handelt sich um die ukrainische Band Antytila, die mittlerweile nicht mehr nur singt, sondern auch im russischen Angriffskrieg die Ukraine verteidigt. International bekannt wurde die Band, da sie während des Kriegs zusammen mit dem Musiker Ed Sheeran einen Remix des Songs „2 Step“ aufnahmen. Dabei verwendeten internationale Medien wie die Washington Post das Foto als Titelbild, auf dem die Bandmitglieder Soldatenuniform tragen. 

DW Faktencheck | Screenshot | Washington Post

Auf dem Originalfoto sieht man, dass keine nationalsozialistische Aufschrift auf dem Helm des Soldaten zu sehen ist.

3. Behauptung: In einer ukrainischen Shoppingmall gebe es eine Treppe mit einem großen Hakenkreuz darauf – das impliziert ein Video, das unter anderem von diesem Twitter-Nutzer verbreitet wird.

DW-Faktencheck: Irreführend

In einem Einkaufszentrum namens Gorodok in Kiew leuchtet anscheinend ein riesiges LED-Hakenkreuz auf einer Treppe und weiter oben ein großes rotes Herz, wie das immer wieder in sozialen Netzwerken geteilte Video zeigt.

Tatsächlich ist das Video authentisch – aber irreführend. Laut einem Statement des Einkaufszentrums, das drei Tage später auf Facebook veröffentlicht wurde, ereignete sich der Vorfall schon am 16. Februar 2019, gegen 13.30 Uhr. Hacker sollen für das LED-Hakenkreuz verantwortlich sein. Ein Wachmann habe führende Stellen direkt benachrichtigt, nachdem ihm das Nazi-Symbol auf der Leuchttreppe aufgefallen sei. Dann habe das Einkaufszentrum die Beleuchtung sofort ausgemacht. 

DW Faktencheck | Screenshot | _rcortney Twitter

Der Fall ist damals an Ermittlungsbehörden weitergegeben worden. Am 29. Juli 2019 teilte die Staatsanwaltschaft Kiew in einer Pressemitteilung mit, dass ein 17-Jähriger mit der Software „TeamViewer“ auf das Computersystem zugegriffen hätte. Das Symbol der Software ist auf dem Video zu sehen.

Das Passwort des Systems ist laut Staatsanwaltschaft kurzzeitig zu sehen gewesen, was der Jugendliche ausgenutzt hat, um sich einzuwählen und das Hakenkreuz einzublenden. In der Ukraine ist es verboten, nationalsozialistische Symbole öffentlich zu verbreiten. Zu dem kursierenden Video wurden schon zahlreiche Faktenchecks veröffentlicht. 

Fazit: Tatsächlich wurde in dem Einkaufszentrum in Kiew für wenige Minuten ein Hakenkreuz eingeblendet. Bei dem Vorfall handelt es sich aber um einen Hackerangriff und keine Langzeit-LED-Beleuchtung. 

Auch Putin verbreitet das Narrativ der ukrainischen Nazis 

Fakt ist also: Viele der Behauptungen über angebliche ukrainische Nazis sind erfunden oder irreführend. Das Narrativ hält sich dennoch, weil Wladimir Putin und russische Propagandisten immer wieder Falschinformationen darüber verbreiten. 

Schon in seiner Rede (hier im DW-Faktencheck) kurz vor dem Angriff auf die Ukraine Ende Februar sprach Wladimir Putin davon, dass Russland die Ukraine „entnazifizieren“ müsse. Die sogenannte Entnazifizierung ist ein historischer Begriff, der auf die Politik der alliierten Siegermächte für Nazi-Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg verweist. Sie wollten das Land von nationalsozialistischen Einflüssen befreien und entsprechend belastete Personen aus ihren Ämtern entfernen. 

Der Vergleich zur Ukraine ist jedoch falsch, sagte Andreas Umland schon im Februar im DW-Interview: „Dieses Gerede über Nazismus in der Ukraine ist völlig fehl am Platz.“ Umland ist Analyst am Stockholm Centre for Eastern European Studies (SCEEUS). „Der Präsident der Ukraine ist ein russischsprachiger Jude, der mit einem Riesenergebnis die letzten Präsidentschaftswahlen gegen einen nicht-jüdischen ukrainischen Kandidaten gewonnen hat.“

Zwar gebe es auch in der Ukraine rechtsextreme Gruppierungen, diese seien aber im Vergleich zu vielen europäischen Ländern relativ schwach: „Wir hatten eine Einheitsfront aller rechtsradikalen Parteien bei den letzten Parlamentswahlen 2019 und da hat diese Einheitsfront 2,15 Prozent bekommen.“ 

Was hat es mit dem Asow-Regiment auf sich?

Kritisiert wurden in der Vergangenheit auch rechte ukrainische Kampfverbände, die gegen die Separatisten im Osten der Ukraine kämpfen – vor allem das Regiment Asow. Dieses sei zwar von einer rechtsextremen Gruppierung gegründet, im Herbst 2014 aber in die Truppen des Innenministeriums, die Nationalgarde, eingegliedert worden, sagt Andreas Umland. Danach sei eine Trennung von Bewegung und Regiment erfolgt – letzteres verwende zwar noch entsprechende Symbole, werde aber nicht mehr dem Rechtsextremismus zugeordnet. Bei Ausbildungskursen für Militärs seien hin und wieder rechtsextreme Soldaten aufgefallen, so Umland, aber: „Das ist dann aufgedeckt und skandalisiert worden.“