Filmfest Venedig: Iranisches Kino auf dem Vormarsch

Die iranische Regierung geht immer härter gegen Filmemacherinnen und Filmemacher vor. Jüngst wurden mehrere prominente regierungskritische Regisseure im Iran festgenommen – darunter auch Jafar Panahi, dessen neuester Film „No Bears“ ohne sein Beisein bei der 79. Filmbiennale in Venedig Premiere feiert.

Ihm wurde seine Solidarität mit anderen Filmemachern zum Verhängnis: Anfang Juli hatte er sich bei der Staatsanwaltschaft nach dem Schicksal zweier kurz zuvor verhafteter Kollegen erkundigt. Daraufhin wurde auch er umgehend verhaftet. Zahlreiche Akteurinnen und Akteure der Filmbranche forderten daraufhin seine Freilassung.

Jafar Panahi fasst sich lächelnd ans Kinn und sitzt in einem Sessel.

Der „Taxi Teheran“-Regisseur Jafar Panahi wurde im Juli 2022 von den iranischen Behörden verhaftet

Dass Panahis Film dieses Jahr im Wettbewerb um den Goldenen Löwen läuft, wurde kurz nach seiner Verhaftung bekanntgegeben. Eine Entscheidung, die einige als politische Message interpretierten. Der Film wurde, wie alle jüngeren Arbeiten Panahis, im Geheimen gedreht, da der Regisseur in seinem Heimatland mit einem Arbeitsverbot belegt ist.

Vahid Jalilvand: „Politische Mauern immer höher geworden“

Neben Panahis „No Bears“ werden drei weitere iranische Beiträge in Venedig gezeigt: „Beyond the Wall“ (Original: „Shab, Dakheli, Divar“) von Vahid Jalilvand, „Without her“ (Original: „Bi Roya“) von Arian Vazirdaftari und „World War III“ (Original: „Jang-e jahani sevom„) von Houman Seyedi. 

Jalilvands „Beyond the Wall“ feierte im Wettbewerb um den Goldenen Löwen seine Premiere und steht damit in direkter Konkurrenz zu Panahis Film. Bereits 2017 wurde er für seinen Film „No Date, No Signature“ in der Horizons-Kategorie als bester Regisseur geehrt und der Hauptdarsteller des Films, Navid Mohammadzadeh, als bester Schauspieler ausgezeichnet. Sein neuer Film „Beyond the Wall“ handelt von einem blinden Mann, dessen Leben aus den Fugen gerät, als eine flüchtige Frau in seine Welt eintritt.

Ein Mann hält in der Dunkelheit eine Schusswaffe in der Hand durch ein Fenster gerichtet.

In „Beyond the Wall“ lernt ein verzweifelter blinder Mann eine Frau auf der Flucht kennen

Es sei schwierig, seinen Film in ein paar Sätzen zusammenzufassen, aber politisch sei er nicht, meint Jalilvand. Für ihn sei „Beyond the Wall“ vielmehr eine Liebesgeschichte. Der Westen interpretiere gerne Politik in iranische Filme. Das habe damit zu tun, dass „die politischen Mauern in den letzten Jahren immer höher geworden sind und es immer weniger möglich ist, sich von Angesicht zu Angesicht auszutauschen und miteinander zu reden. Auch über Kino“. Deshalb entstehen diese Missverständnisse, so Jalilvand. „Ich hoffe, dass die Mauern eines Tages fallen und es eine direkte Interaktion zwischen dem Iran und anderen Ländern über das Kino geben kann“, so der Filmemacher weiter.

Porträtfoto von Vahid Jalilvand mit Brille, Bart und weißem Hemd vor weißem Hintergrund.

Vahid Jalilvand kennt sich schon aus am Lido: 2017 wurde er in der Horizons-Kategorie als bester Regisseur ausgezeichnet

Venedig als Plattform für verschiedene Generationen des Kinos 

„Without her“ und „World War III“ konkurrieren in der Horizons-Kategorie. „Without Her“ („Bi Roya“) von Arian Vazirdaftari ist ein packendes Drama. Es handelt von Roya, einer Frau, die aus dem Iran auswandern will und kurz davor auf ein junges Mädchen trifft, das seine Erinnerungen verloren zu haben scheint. Roya nimmt sie bei sich auf und stellt sie Freunden und Familie vor, ohne zu ahnen, dass das Mädchen gekommen ist, um ihre Identität zu übernehmen. 

Arian Vazirdaftari freut sich sehr darüber, dass das Festival dem iranischen Kino eine Plattform bietet. Die Filme, die gezeigt werden, seien stilistisch alle sehr unterschiedlich. „Ich selbst gehöre zu der jüngeren Generation, die mit Kurzfilmen angefangen hat. Es ist schön, wenn verschiedene Generationen des iranischen Kinos mit ihren Filmen auf einem Festival vertreten sind.“

Filmstills aus dem Film Without Her des iranischen Filmemachers Arian Vazirdaftari; zwei Frauen stehen sich im Schattenlicht gegenüber.

Im Film „Bi Roya“ von Arian Vazirdaftari verliert die Protagonistin langsam ihre eigene Identität. Am Ende wird sie nicht einmal mehr von Freunden und Familie wiedererkannt.

Eine große Rolle in Vazirdaftaris Film spielt die geplante Auswanderung seiner Protagonistin Roya. Eine Gesellschaftskritik? Nein. Für Vazirdaftari gehört das zur iranischen Gesellschaft einfach dazu. „In den letzten Jahrzehnten ist es typisch für die bürgerliche Gesellschaft im Iran geworden, auszuwandern. Die Menschen verlassen den Iran aus vielen Gründen, auch, um sich weiterzubilden – sie gehen ins Ausland und kommen zurück, aber manchmal kommen sie auch nicht zurück.“ Es gebe also verschiedene Arten der Auswanderung, die nicht politischer Natur sein müssen.

„Iranisches Kino Seite an Seite mit Großen des Weltkinos“

Die starke Präsenz von iranischen Beiträgen bei der Biennale di Venezia hat im Iran bereits heiße Debatten über die Zensur und Unterdrückung von Filmschaffenden ausgelöst. Die iranischen Regisseure in Venedig distanzieren sich jedoch von der reinen Politisierung ihrer Beiträge. Sie selbst sehen sich als Vorreiter eines modernen iranischen Kinos. „Wenn sozialpolitisches Denken der Grund für die Auswahl dieser Filme ist, wäre das äußerst traurig und enttäuschend“, merkt Vahid Jalilvand an.

„Hätte ich das Gefühl gehabt, mein Film wäre aus sozialen oder politischen Gründen ausgewählt worden, dann hätte ich nicht am Festival teilgenommen. (…) Der wahre Grund, dass es mehr iranische Filme beim Festival gibt, ist, dass das iranische Kino gewachsen ist und nun in Venedig Seite an Seite mit den Großen des Weltkinos steht“, so der Filmemacher weiter. International kenne man vor allem die iranischen Sozialdramen der letzten Jahre, so Arian Vazirdaftari. „Aber ich glaube, das wird sich ändern.“ 

Jalilvand: „Kein Denker, kein Künstler gehört ins Gefängnis“

Jafar Panahis Verhaftung warf erneut die Frage auf, inwieweit Filmemacherinnen und Filmemacher im Iran überhaupt frei arbeiten können. Arian Vazirdaftari und Vahid Jalilvand sind zwei Beispiele iranischer Regisseure, die sich nicht abschrecken lassen. Sie können sich in ihren Filmgenres frei entfalten.

Filmamecher Arian Vazirdaftaris (rechts mit blauem Hemd; lächelnd) mit den Darstellerinnen aus seinem Film Bi Roya: Shadi Karamroudi (Mitte; lächelnd mit Kopftuch) und Tannaz Tabatabaei (links; lächelnd mit Kopftuch)

Regisseur Arian Vazirdaftari mit den beiden „Bi Roya“-Schauspielerinnen Shadi Karamroudi (Mitte) und Tannaz Tabatabaei (links)

Jalilvand sieht nicht, dass der iranische Film per se bedroht ist. Es gebe viele Filmemacher, die regelmäßig an Festivals außerhalb des Irans teilnehmen. Und als sie ihre Filme machten und auf Festivals präsent waren, war das für sie keine Gefährdung. „Die Realität ist, dass Herr Panahi, bei allem Respekt, nicht wegen seiner Filme im Gefängnis sitzt. Er sitzt wegen seinem sozialen Aktivismus im Gefängnis,“ betont Jalilvand. Er hoffe natürlich, dass sein Kollege so schnell wie möglich freigelassen wird. „Kein Denker, kein Künstler gehört ins Gefängnis“, fügt er hinzu.