Frankreich schlägt Marokko und steht im WM-Finale

Ein Bundesliga-Spieler machte für Weltmeister Frankreich den Deckel drauf. Keine Minute war Randal Kolo Muani, Stürmer von Eintracht Frankfurt, auf dem Platz, da schob er nach Zuspiel von Superstar Kylian Mbappé den Ball aus kurzer Entfernung zum entscheidenden 2:0 (1:0) gegen Marokko über die Linie (79. Minute). „Das zweite Tor hat uns getötet“, sagte Marokkos Nationaltrainer Walid Regragrui nach dem Abpfiff. Den ersten Treffer für die Équipe Tricolore hatte früh in diesem zweiten WM-Halbfinale Theo Hernandez (5.) erzielt.

Frankreich steht damit am Sonntag erneut im Finale (Anpfiff um 16 Uhr MEZ) und hat im Spiel gegen Argentinien die Chance, den Titel von 2018 zu verteidigen. Bislang ist es nur Italien (1934 und 1938) und Brasilien (1958 und 1962) gelungen, zweimal hintereinander Weltmeister zu werden.

Enttäuschte Spieler Marokkos nach dem Halbfinale gegen Frankreich.

Enttäuschte Marokkaner – alles gegeben und doch verloren

Die Marokkaner, die es als erste Mannschaft aus Afrika in ein WM-Halbfinale geschafft hatten, werden das Turnier am Samstag im Spiel um Platz drei (Anstoß 16 Uhr) gegen Kroatien beenden. „Wir hatten uns Großes vorgenommen und haben alles gegeben“, sagte Mittelfeldspieler Abdelhamid Sabiri, der in der Saison 2019/20 für den SC Paderborn in der Bundesliga gespielt hatte. „Wir haben gegen eine große Mannschaft verloren, die einfach besser war.“ Effektiver würde es wohl eher treffen.

Tolle marokkanische Fans, volles Risiko

6:1 für Marokko – so hätte es heißen müssen, hätte man nur die Leistung der Fans gewertet. Die vielen Anhänger der Nordafrikaner unter den 68.000 Zuschauern im Stadion Al-Khor quittierten jeden Ballkontakt der Franzosen mit einem gellenden Pfeifkonzert, jeden der Marokkaner mit Applaus und Anfeuerungsrufen.

Marokkanische Fans zeigen vor dem Anpfiff T-Shirts mit einem Löwenmaul.

Begeisterung pur für die „Löwen vom Atlas“ – Marokko hat bei dieser WM Geschichte geschrieben

Die über 90 Minuten andauernde lautstarke Unterstützung von den Rängen beflügelte die  „Löwen vom Atlas“, das Überraschungsteam dieser WM, Einmal mehr lieferten Achraf Hakimi und Co. einen großen Kampf und hatten durchaus ihre Chancen, den frühen Rückstand auszugleichen. So wäre Jamad El Yamiq um ein Haar das schönste Tor der WM gelungen. Doch sein Fallrückzieher landete am linken Pfosten. Frankreichs starker Torwart Hugo Lloris war noch mit den Fingerspitzen am Ball. Mit 19 Spielen teilt sich Lloris nun mit der deutschen Nummer eins, Manuel Neuer, den Titel „Torhüter mit den meisten WM-Spielen“. Am Sonntag wird er an Neuer vorbeiziehen.

Marokkos Selim Amallah schießt am französischen Tor vorbei.

Frankreichs Torwart Hugo Lloris (2.v.) hatte gegen die offensiven Marokkaner einiges zu tun

Im zweiten Durchgang setzte Marokkos Trainer Regragui alles auf eine Karte, wechselte einen Offensivspieler nach dem anderen ein. Und Frankreich wackelte. Mehrfach mussten Lloris oder seine Vorderleute in höchster Not klären. Dann wechselte Weltmeistertrainer Didier Deschamps den 24 Jahre alten Kolo Muani für den 36 Jahre alten Routinier Olivier Giroud ein. Und der Frankfurter Stürmer machte gleich mit seinem ersten Ballkontakt alles klar. Irgendwie passt dies zu Kolo Muani: 2022 ist er richtig durchgestartet. 

Frankfurts „Schnäppchen“

Geboren wurde er – wie übrigens auch Mbappé – in Bondy im Großraum Paris. Seine Eltern waren aus der Demokratischen Republik Kongo nach Frankreich gekommen. „Ich habe nur Fuß­ball gespielt“, sagte Kolo Muani in einem Interview des französischen Fußball-Portals „So Foot“ über seine Kindheit. In der Schule habe er nur herumgesessen. Seine schlechten Noten verbauten ihm den Weg in eines der französischen Fußball-Nachwuchszentren. Am Ende schaffte er es doch noch in die Talentschmiede des Erstligisten FC Nantes, nachdem Scouts des Vereins auf den damals 16-Jährigen aufmerksam geworden waren. Erst 2019, mit fast 20 Jahren, gab Kolo Muani sein Erstliga-Debüt. In der Saison 2020/21 bewahrte der Stürmer mit seinen Toren und Vorlagen den Klub vor dem Abstieg. 2022 holte Kolo Muani mit dem FC Nantes den französischen Pokal.

Kolo Muani schiebt den Ball zum 2:0 über die Linie, Marokkos Torwart Bono hechtet vergebens.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Kolo Muani drückt den Ball zum 2:0 über die Linie

Eintracht Frankfurt hatte bereits 2020 versucht, das französische Sturmtalent in die Bundesliga zu holen. Damals war der Wechsel an zu hohen Forderungen des FC Nantes gescheitert. Im Sommer stieß er ablösefrei zum Europa-League-Sieger aus Deutschland. Für die Eintracht lohnte sich das Warten nicht nur finanziell, sondern auch sportlich. Viele halten Kolo Muani für den besten Neuzugang der Bundesliga in dieser Saison. Mit fünf Toren und elf Torvorlagen führt er gemeinsam mit Bayern-Jungstar Jamal Musiala die Scorer-Liste der Liga an.

Erstes Länderspieltor im WM-Halbfinale

Das Pech eines anderen Bundesliga-Profis aus Frankreich war das Glück Kolo Muanis. Weil Christopher Nkunku von RB Leipzig sich im Training der französischen Nationalmannschaft kurz vor der WM verletzte, nominierte Deschamps den Frankfurter Offensivspieler nach. Im letzten WM-Gruppenspiel, das Frankreich gegen Tunesien mit 1:0 gewann, spielte Kolo Muani 90 Minuten durch. Dann begann für ihn das Warten auf seinen zweiten WM-Einsatz – bis zum Halbfinale. Kaum auf dem Platz, lieferte er. „Seine Stärke ist seine Geschwindigkeit, daher habe ich ihn gebracht“, begründete Deschamps nach dem Spiel seine Entscheidung für Kolo Muani.

Es war dessen erstes Tor im erst vierten Länderspiel. Und ein ganz wichtiges dazu. „Es ist magisch, ich habe keine Worte, um es zu beschreiben“, sagte Kolo Muani im französischen TV-Sender TF1. „Ich träume immer noch und habe Schwierigkeiten aufzuwachen.“ Am Sonntag hat er nun sogar die Chance, mit Frankreich Weltmeister zu werden. „Wir streben den Titel an“, sagte Trainer Deschamps nach dem Abpfiff.