Fünf Gründe, warum es zuhause am schönsten ist

„Die Philosophie hat dem Zuhause bisher nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt“, findet Emanuele Coccia – sehr zu seinem Bedauern. Als Professor für die Geschichte der Philosophie in Paris will er das ändern, mit seinem handlichen und augenöffnenden Buch „Das Zuhause – Philosophie eines scheinbar vertrauten Ortes“. Wir stellen einige der zentralen Erkenntnisse daraus vor.

1. Nur Zuhause steht all das, was uns wichtig ist

„Wir bauen Häuser“, schreibt Coccia, „um in gemütlicher Form den Teil der Welt zu beherbergen, der für unser persönliches Glück unerlässlich ist.“ Damit meint er die Lieblingsbettwäsche genauso sehr wie die Schürze, die man von Oma oder Opa geerbt hat, oder die ersten Spielzeuge der Kinder, die noch immer in den Zimmern stehen, aus denen sie längst ausgezogen sind.

Aber Coccia lenkt unser Augenmerk weit über die Gegenstände und Möbelstücke hinaus, die wir ansammeln. Auch die Menschen, die wir brauchen, befinden sich oft in unserem Zuhause: Partnerinnen und Partner, Kinder, manchmal auch Eltern, Großeltern, Nachbarn oder Freunde. Und natürlich der mühsam aufgezogene und sorgsam gepflegte Oleander auf dem Balkon oder die Katze, die mehr oder weniger sehnsüchtig auf unsere Rückkehr gewartet hat. Auch Erinnerungen und Träume gehören zu unserem Zuhause. Es ist das „Museum unseres Ichs“, befindet Coccia.

Frau sitz im Bett und liest ein Buch

Zuhause kann man es sich so richtig gemütlich machen

2. Wir kehren immer wieder dorthin zurück

So schön die Urlaubsreise gewesen sein mag: „Früher oder später müssen wir nach Hause zurückkehren“, schreibt Coccia. „Denn bewohnen können wir diesen Planeten immer und nur dank und mittels eines Zuhauses.“ Auch in einer bestimmten Stadt oder einer speziellen Region wohnen wir nur dadurch, dass dort unsere Wohnung, unser Haus, das Zelt oder das Wohnmobil steht.

Buchcover Emanuele Coccias Zuhause

Voller Denkanstöße darüber, wie Menschen ihr Zuhause neu denken sollten: Emanuele Cocciass „Das Zuhause“

Dabei halten wir uns auch im Alltag in der Regel nicht den ganzen Tag in unserem Zuhause auf. Es ist „der Ort der Rückkehr“, so Coccia. Nach einem langen Arbeitstag, nach einem Wochenendausflug, nach dem Sommerurlaub, der Geschäftsreise oder dem Auslandsaufenthalt – hierhin kommen wir zurück. Es ist ein verlässlicher Schutzraum, von dem aus wir in die Welt hinausziehen können. Das Vertraute bleibt im Zuhause erhalten, auch wenn wir in die Ferne schweifen.

3. Hier haben wir unser eigenes Badezimmer

Ein kurzer historischer Ausflug zeigt: Das Badezimmer wurde erst spät in Wohnungen und Häuser integriert. Viele Jahre der Menschheitsgeschichte befand es sich außerhalb des Wohnraumes, im Garten oder auf dem Flur. Erst dem Vorbild US-amerikanischer Hotels folgend, schreibt Coccia, wurde das Badezimmer im 20. Jahrhundert Teil unseres modernen Wohnens. „Durch das Badezimmer wurde etwas in die tägliche Privatsphäre des Einzelnen verlagert, das bis dahin einen eher gemeinschaftlichen Charakter hatte, nämlich die Reinigung und Pflege des Körpers“, erklärt er.

Symbolbild I Duschen

Das sieht Coccia allerdings auch kritisch, gerade für Männer. Das abschließbare Badezimmer – genau wie geschlechtergetrennte Toiletten im öffentlichen Raum – führten dazu, dass Männer „sich in absoluter Isolation mit den Organen des Eros zu befassen“. Dabei müssten gerade Jungen und Männer lernen, dass ihre Körper dazu da seien, „uns selbst und anderen Freude zu bereiten“. Dass man(n) sich ihrer nicht schämen oder sie verstecken muss, dass um Erotik und Liebe keine Geheimnisse gemacht werden müssen.

Trotzdem wird der ein oder andere, der in den Sommermonaten von einem Urlaub auf dem Campingplatz zurückkommt, vermutlich erleichtert sein, endlich wieder in seinem eigenen Badezimmer zu duschen – und die Tür dabei abzuschließen.

4. Zuhause steht unser Kleiderschrank

Unsere Kleidung bewahren wir in unserem Zuhause auf. Manches davon können wir im Koffer mitnehmen und auch im Urlaub am Körper tragen. „Kleidung ist eine Vorstellung vom Glück, die untrennbar mit unserem Körper verbunden ist“, erklärt Coccia, „und ihn deshalb überallhin begleiten kann.“

Deutschland | Eine Frau steht vor einem Spiegel

Der eigene Kleiderschrank…

Coccia nennt unsere Garderobe den „beweglichen Körper“ unseres Zuhauses. Dadurch, wie wir uns kleiden, können wir unser Zuhause, unsere Identität, unsere Haltung zum Leben mit hinaus in die Öffentlichkeit nehmen.

Das habe sogar revolutionäres Potential, schreibt der Philosophieprofessor: „Als Coco Chanel ihre silhouette neuve entwarf, indem sie Linienführung und Stoffe aus der Männermode entlehnte, erschuf sie nicht nur eine weitere Gelegenheit zum protzigen Konsum, sondern auch eine neue weibliche Identität“, so Coccia. „Denn Frauen, die sich auf diese Weise kleideten, zeigten damit an, dass sie nicht länger gewillt waren, sich auf ihre vermeintlichen Repräsentationspflichten reduzieren zu lassen, sondern durchaus in der Lage waren, zu arbeiten und Sport zu treiben.“ Das darf man ruhig zur Schau stellen – ob zuhause oder in der Ferne.

5. Zuhause wird die Liebe gelebt

Sie ist das schönste aller Gefühle – und gerade sie hat ihren Platz im Zuhause, schreibt Emanuele Coccia: „Die Liebe wird im Zuhause gelebt, gehegt und zelebriert. Sie ist das häusliche Geheimnis schlechthin.“

Ein Geheimnis ist sie, weil niemand Anderes sie in unserem Zuhause miterlebt. Nur wir, die wir an ihr teilhaben, wissen, wie sie wirklich aussieht. Die schrulligen Angewohnheiten des Partners, die nervigen Ticks, die Jogginghose, die er oder sie niemals in der Stadt tragen würde, aber stundenlang darin auf dem Sofa liegt: Zuhause ist alles sichtbar.

Symbolbild Familie In Good Shape

Emanuele Coccia: „Die Liebe ist das häusliche Geheimnis schlechthin“

Auch hier erlaubt sich Coccia den kritischen Blick des Philosophen: Dadurch, dass das Zuhause als privater Raum definiert wurde, in dem niemand etwas zu suchen habe, nicht einmal die Philosophie, sei es „zu einem Unrechtsraum“ geworden, „in dem Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Ungleichheit zur unbewussten, sich selbst reproduzierenden Gewohnheit wurden.“

Insbesondere für das Verhältnis zwischen Frauen und Männern, so Coccia, sei dies tückisch: „Die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern etwa hat ihre Wurzeln im Zuhause.“ Man denke an die jahrtausendalte Überzeugung patriarchaler Gesellschaften, Frauen „gehörten an den Herd“ oder an die Zunahme von Fällen häuslicher Gewalt während der Corona-Pandemie.

Gerade deshalb, so argumentiert Coccia, brauche es eine „Philosophie des Zuhauses“ – damit das Zuhause zu dem Ort wird, an dem „wir im Hier und Jetzt gemeinsam mit anderen glücklich sein können.“

„Das Zuhause – Philosophie eines scheinbar vertrauten Ortes“ von Emanuele Coccia erscheint am 22.8.2022 im Hanser-Verlag, übersetzt aus dem Italienischen von Andreas Thomsen.