Gaslecks: „Ein Zufall ist kaum vorstellbar“

Die Lecks an den Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und 2 von Russland nach Deutschland gehen offenbar auf Sabotage zurück. „Ein Zufall ist kaum vorstellbar“, hatte Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen noch am Vormittag gesagt, abends wurde sie deutlicher: Die Behörden seien zu der eindeutigen Bewertung gekommen, dass es sich um absichtliche Taten handele und nicht um ein Unglück. Innerhalb kurzer Zeit seien mehrere Explosionen beobachtet worden. Es gebe noch keine Informationen dazu, wer dahinterstecke, sagte Frederiksen vor Reportern in Kopenhagen.

Die Ministerpräsidentin war zuvor zu Besuch in Polen, wo in Goleniow nahe der Hafenstadt Stettin eine andere Pipeline eingeweiht wurde, die von Norwegen über Dänemark in das osteuropäische EU-Land führt. Dort erklärte der polnische Regierungschef Mateusz Morawiecki zu den Lecks, dies sei „wahrscheinlich die nächste Stufe der Eskalation, mit der wir es in der Ukraine zu tun haben“.

Gaslecks bei den Nordstream-Pipelines

Auch der deutsche Wirtschaftsminister Robert Habeck sprach an diesem Dienstagabend von gezielten Angriffen. Man wisse inzwischen sicher, dass die Lecks „nicht durch natürliche Vorkommnisse oder Ereignisse oder Materialermüdung entstanden sind, sondern dass es wirklich Attacken auf die Infrastruktur gegeben hat“, sagte der Grünen-Politiker vor Vertretern von Spitzenverbänden der Wirtschaft.

Der ukrainische Präsidentenberater Mychailo Podoljak schrieb auf Twitter: „Das großflächige ‚Gasleck‘ an Nord Stream 1 ist nichts anderes als ein von Russland geplanter Terroranschlag und ein Akt der Aggression gegenüber der EU.“ Belege hierfür nannte Podoljak nicht. Moskau führt seit Ende Februar einen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

„NATO beobachtet die Lage genau“

Das westliche Militärbündnis ist in die Bewertung der Lage eingebunden. „Die NATO beobachtet die Situation in der Ostsee genau“, sagte ein Vertreter des Nordatlantikpakts der Nachrichtenagentur AFP. Die Bündnispartner seien dabei im engen Austausch mit den Ostseeanrainern Finnland und Schweden, die zwar einen Mitgliedsantrag gestellt haben, aber noch keine NATO-Mitglieder sind.

Infografik Gaspipelines von Russland nach Europa DE

Aus den Pipelines Nord Stream 1 und 2 von Russland nach Deutschland tritt derzeit an drei Stellen in der Nähe der Insel Bornholm unkontrolliert Gas aus. Die dänische Marine veröffentlichte Aufnahmen, auf denen eine großflächige Blasenbildung an der Meeresoberfläche zu sehen ist. An einer Stelle seien die Blasen auf einer kreisförmigen Fläche von einem guten Kilometer Durchmesser zu beobachten, erklärte das Militär.

Wie die dänische Energiebehörde zuvor mitgeteilt hatte, liegen zwei der undichten Stellen an Nord Stream 1 nordöstlich von Bornholm – davon eine in schwedischen Gewässern – und ein Leck an Nord Stream 2 südöstlich der Insel. Dänemark erhöhte infolge der Lecks die Sicherheitsstufe zur Überwachung seiner Energieinfrastruktur. Außerdem wurde eine Sperrzone für die Schifffahrt eingerichtet.

Wissenschaftler: „Es gab Explosionen“

Mehrere geologische Forschungszentren berichteten von Erschütterungen, die am Montag in dem betroffenen Gebiet gemessen wurden. Ein Mitarbeiter des Nationalen Seismologischen Zentrums in Schweden (SNSN) sagte dem Sender SVT, es bestehe kein Zweifel, dass es dort Explosionen gegeben habe. Das Deutsche Geoforschungszentrum in Potsdam registrierte nach eigenen Angaben ebenfalls Erschütterungen in dem Areal.

Dänemark Ostsee bei Bornholm | Leck Nord Stream 2

Gasblasen an der Meeresoberfläche: Leckage an Nord Stream 2 (Bild des dänischen Verteidigungsministeriums)

Auch für EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen steht fest, dass die Lecks durch Sabotage entstanden seien. Sie warnte, dass jede vorsätzliche Unterbrechung der aktiven europäischen Energie-Infrastruktur inakzeptabel sei und die stärkstmögliche Antwort zur Folge haben werde.

Moskau gibt sich „besorgt“

Die Regierung in Moskau zeigte sich angesichts der Lecks „extrem besorgt“. „Dies ist eine noch nie dagewesene Situation, die dringend untersucht werden muss“, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Auf die Frage, ob es sich um einen Sabotageakt handeln könnte, antwortete er, „keine“ Option lasse sich ausschließen.

Dem Energieexperten Nicolas Goldberg von der Beratungsfirma Colombus zufolge ist ein Gasleck unter Wasser nicht ohne Weiteres zu reparieren, insbesondere wenn Salzwasser in das Rohr gelangt ist. Beide Leitungen sind aus technischen Gründen mit Gas gefüllt, obwohl sie nicht in Betrieb sind. Die Versorgungslage ist somit nicht beeinträchtigt, wie auch die Bundesnetzagentur bestätigte.

Umwelt wohl nicht gefährdet

Auch Umweltgefahren wegen des Lecks bei Bornholm drohen aus Sicht der Deutschen Umwelthilfe (DUH) zumindest kurzfristig nicht. Die Organisation erklärte, Erdgas entspreche dem Treibhausgas Methan, welches sich teilweise im Wasser löse und nicht giftig sei. Selbst im Falle einer Explosion unter Wasser gäbe es nur lokale Effekte, so ein Sprecher. Schädlich ist Methan vor allem für das Klima.

Deutschland Lubmin | Start der Wartungsarbeiten an Nord Stream 1

In Lubmin endet die Pipeline Nord Stream 1, durch die seit 2011 bis vor kurzem russisches Erdgas nach Deutschland floss.

Nord Stream 2 war trotz erheblicher Kritik insbesondere aus östlichen EU-Staaten und den USA parallel zur Leitung Nord Stream 1 durch die Ostsee verlegt worden und sollte den Gasfluss von Russland nach Deutschland erheblich erhöhen. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine entschied die Bundesregierung, die Pipeline nicht in Betrieb zu nehmen.

Aus Nord Stream 1 kommt bereits seit Wochen kein Gas mehr in Deutschland an. Russland verwies auf technische Probleme. Die Bundesregierung warf Moskau vor, es setze Gas als außenpolitisches Druckmittel ein.

Die nun in Polen offiziell eröffnete Baltic Pipe ist ein rund 900 Kilometer langer Abzweig von der bereits bestehenden Trasse Europipe II, die von Norwegen durch die Nordsee nach Niedersachsen führt. Durch die Baltic Pipe kann künftig norwegisches Erdgas auch nach Osten transportiert werden. Die Leitung schließt westlich von Dänemark in der Nordsee an die bestehende Pipeline an, sie führt dann zum dänischen Festland und weiter durch die Ostsee nach Polen. Ab Oktober soll Gas durch die Pipeline fließen. Erst am Freitag hatten der norwegische Energieversorger Equinor und der polnische Konzern PGNiG einen Vertrag über die Lieferung von jährlich 2,4 Milliarden Kubikmeter Erdgas abgeschlossen.

jj/rb/iw/hb/ehl (afp, dpa, rtr)