Gegenseitige Gewaltvorwürfe nach Demo in Lützerath

Die Polizei hat die Räumung des ProtestdorfesLützerath am rheinischen Braunkohletagebau bis auf zwei Aktivisten in einem Tunnel abgeschlossen. „Es befinden sich keine weiteren Aktivisten in der Ortslage Lützerath“, teilte die Polizei mit.

Die meisten Gebäude waren am Sonntag schon abgerissen. Nach dem vollständigen Abriss will der Energiekonzern RWE die darunter liegende Braunkohle abbaggern.

Nach Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizisten am Rande einer großen Anti-Kohle-Kundgebung am Samstag flogen am Sonntag die Gewalt-Vorwürfe hin und her.

Am Rande der Demo hatten laut Polizei rund 1000 großenteils vermummte „Störer“ versucht, auf das abgesperrte Gelände von Lützerath vorzudringen. Um sie abzuwehren, setzte die Polizei Wasserwerfer, Schlagstöcke und Pfefferspray ein. Zwölf Personen wurden fest- oder in Gewahrsam genommen.

Räumung von Lützerath - Demonstration

Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten

Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Michael Mertens, sprach von massiven Angriffen eines Teils der Demonstranten auf die Polizei. „Den von der Bühne verbreiteten Aufruf ‚Jeder kann machen, was er will. Jeder entscheidet selber, wie weit er geht‘ hätte es nicht geben dürfen“, kritisierte Mertens. „Er ist offenbar von militanten Braunkohlegegnern als Freibrief verstanden worden, mit Gewalt gegen die Polizisten vorzugehen.“

Umgekehrt warfen die Veranstalter der Demo und Sprecher der Lützerather Aktivisten der Polizei Gewalt-Exzesse vor. Eine Sprecherin des Sanitätsdienstes der Demonstranten sagte, es sei eine „hohe zweistellige bis dreistellige Zahl“ von Teilnehmern verletzt worden. Darunter seien viele schwerverletzte und einige lebensgefährlich verletzte Menschen gewesen. Die Polizei habe „systematisch auf den Kopf von Aktivistinnen und Aktivisten geschlagen“.

Deutschland Tagebau Garzweiler | Protest gegen Räumung von Lützerath | PK Bündnis Lützerath Lebt/Besetzer*innen

Pressekonferenz der Klimaaktivisten unter freiem Himmel

Nach Polizei-Angaben wurden dagegen lediglich neun Aktivisten mit Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht. „Glücklicherweise ist niemand lebensgefährlich verletzt worden“, sagte ein Polizeisprecher.

Ein Video zeigt, wie auch die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg, die deutsche Aktivistin Luisa Neubauer und andere auf einem Feld von Polizisten abgedrängt werden. Thunberg kehrte am Sonntag noch einmal an die Tagebaukante zurück und nahm an einer Spontan-Demo teil. Die 20-Jährige war die Hauptrednerin bei der Demo am Samstag, zu der nach Polizei-Schätzungen 15.000, nach Angaben der Veranstalter 35.000 Menschen gekommen waren.

Räumung von Lützerath I Greta Thunberg

Kultfigur des Klimaprotests: Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg war Hauptrednerin der Kundgebung am Samstag

Führende grüne Politiker wie Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und seine NRW-Kollegin Mona Neubaur begründen den Abriss von Lützerath und das Abbaggern der darunter liegenden Kohle damit, dass dadurch im Gegenzug der um acht Jahre auf 2030 vorgezogene Kohleausstieg erreicht worden sei und fünf Nachbardörfer verschont würden. Zudem werde die Kohle zur Aufrechterhaltung der Energiesicherheit in der derzeitigen Krise gebraucht.

Deutschland Tagebau Garzweiler | Protest gegen Räumung von Lützerath | Polizei, im Hintergrund Abrissarbeiten

Die ursprünglichen Bewohner Lützeraths sind alle weggezogen – Klagen gegen die Räumung waren abgewiesen worden

Die ursprünglichen Bewohner von Lützerath sind derweil alle weggezogen. Gerichte haben Klagen gegen die Räumung abgewiesen. Die Polizei teilte am Sonntag mit, dass auch die insgesamt 35 „Baumstrukturen“ sowie knapp 30 Holzkonstruktionen in dem Weiler geräumt worden seien.

Deutschland Tagebau Garzweiler | Protest gegen Räumung von Lützerath | Polizisten im Protestcamp

Die Holzhäuser der Klimaaktivisten sind derweil auch geräumt, so die Polizei

Knapp 300 Personen seien weggebracht worden, wobei es zu vier Widerstandshandlungen gekommen sei. Seit Beginn der Räumung am Mittwoch seien 154 Ermittlungsverfahren eingeleitet worden. Mehr als 70 Polizistinnen und Polizisten seien seit Beginn des Räumungseinsatzes verletzt worden. Wann die beiden Aktivisten im Tunnel herausgeholt werden können, ist unklar. Es heißt, den beiden gehe es gut.

uh/haz (dpa, afp)