„Götterdämmerung“ in der russischen Armee

Drei Monate lang war General Sergej Surowikin Oberbefehlshaber der „militärischen Spezialoperation“, wie Russland den Angriffskrieg gegen die Ukraine immer noch offiziell nennt. Am Donnerstag wurde er als oberster Kriegsherr in der Ukraine von Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu ausgetauscht. Es ist nicht die erste Umstrukturierung auf russischer Seite seit Beginn der Invasion. Für Surowikin bedeutet sie eine Degradierung zum stellvertretenden Kommandeur. Generalstabschef Waleri Gerassimow wird nun zumindest formal Russlands Militärführung in der Ukraine übernehmen.

Russland ernennt neuen Kommandeur in der Ukraine

Diese erneute Umstrukturierung kommt zu einem überraschenden Zeitpunkt, während Russland zum ersten Mal seit Monaten wieder kleine militärische Fortschritte macht. Militärexperten sind sich über die Gründe uneinig, denn eigentlich habe Surowikin sich in seiner Zeit als oberster Kommandeur in der Ukraine militärisch wenig zuschulden kommen lassen. Zudem soll er bei der Truppe relativ beliebt sein und gute Kontakte zu den Hardlinern pflegen. Warum wurde er dann ausgetauscht?

Die Erfolge Surowikins

Unter Surowikins Führung zog sich die russische Armee aus der ukrainischen Stadt Cherson zurück. Nach der Annektierung der gesamten Region Cherson gilt der bisherige Abzug aus der einzig eroberten Regionalhauptstadt als politische Blamage für den Kreml.

Karte der Ukraine mit den zurückeroberten Gebieten Stand 6.11.2022

Der Rückzug der russischen Armee wird militärisch als kluger Schachzug gesehen

Militärisch gesehen war es laut Experten allerdings die richtige Entscheidung, da die russischen Positionen auf der Westseite des Dnjeprs nicht mehr zu halten waren. Der Rückzug an sich sei ein Erfolg gewesen, findet zum Beispiel der Sicherheitsexperte András Rácz von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik im Gespräch mit der DW: „Surowikin hat es geschafft, einen relativ geordneten Rückzug vom westlichen Ufer des Dnjeprs zu organisieren. Außerdem wurde unter seinem Kommando die Front entlang der Charkiw-Region wieder stabilisiert, im nördlichen Teil von Luhansk. […] Also aus der operativen Perspektive der Russen hat er gute Arbeit geleistet.“

Die russische Militärführung schaffte es laut Medienberichten, große Mengen an Material und Soldaten vor den vorrückenden Ukrainern aus Cherson wegzuschaffen. Darunter auch die zum Teil kampfstärksten Einheiten der russischen Armee – Fallschirmjäger, die für den weiteren Verlauf des Krieges für Russland von entscheidender Bedeutung sein könnten.

Fatale Entscheidungen Gerassimows

Im Gegensatz zu Surowikin hat Gerassimow in den Augen mancher Beobachter bereits in den ersten Tagen des Krieges seine Unfähigkeit unter Beweis gestellt. Zusammen mit Verteidigungsminister Sergej Schoigu traf Gerassimow eine Reihe von fatalen Entscheidungen bei der Planung der Invasion, insbesondere im Norden der Ukraine.

So schreibt Militärexpertin Sara Massicot dazu auf Twitter: „Unter Schoigu und Gerassimows Kommando wurden große Teile der russischen Bodentruppen und Luftlandeeinheiten zerstört. Nicht nur Personal, sondern auch Ausrüstung. Tausende wurden vernichtet. Die militärische Führung agierte so fahrlässig, dass sie in jedem anderen System schon längst entlassen worden wäre.“

Zerstörter Panzer im Wald

Ausgebrannt und zurückgelassen – ein russischer Panzer in der Region Cherson

Putins Machtsicherung

Was ist also los im russischen Verteidigungsministerium? Laut Politikwissenschaftler Andrej Kolesnikow vom Carnegie Endowment for International Peace gibt es verschiedene Fraktionen im russischen Sicherheitsapparat, die um die Macht konkurrieren. Auf der einen Seite stünden mit Schoigu und Gerassimow die eher gemäßigten Kräfte. Sergei Surowikin sei dagegen besonders beliebt bei den Hardlinern und deren Lager zuzuordnen: zusammen mit Ramsan Kadyrow, dem Chef der russischen Teilrepublik Tschetschenien und Jewgeni Prigoschin, dem Chef der berüchtigten Wagner-Söldner-Gruppe.

Laut Kolesnikow wurde die Entscheidung, die Hardliner im Verteidigungsministerium zu entmachten, im Kreml von niemand anderem als Wladimir Putin persönlich beschlossen: „Wir sehen, wie Putin auf diese Art und Weise die politische Macht der verschiedenen Kräfte im Gleichgewicht hält. Er spielt sie gegeneinander aus, hält sie unter Beobachtung und passt auf, dass keiner von ihnen zu stark wird.“

So sieht das auch Dmitri Oreschkin, Politikwissenschaftler und Professor an der Freien Universität in Riga. Gegenüber der DW erklärt er: „Es geht darum, [Putins] Macht zu sichern. Um das zu gewährleisten, muss Putin der Schlichter sein zwischen diesen mächtigen Gruppen im Militär. Gleichzeitig fördert er den Wettbewerb zwischen den Fraktionen, damit niemand zu mächtig wird.“

Wladimir Putin leicht grinsend

Präsident Putin will allein die Strippen ziehen

Von der Spezialoperation zum Krieg

Doch laut Oreschkin markiert die Ernennung von Gerassimow als Oberkommandeur des Krieges in der Ukraine auch eine neue Eskalationsstufe. Vorher führten nur einfache Generäle die so genannte militärische Spezialoperation: „Hierdurch erkennt Putin an, dass das keine Spezialoperation mehr ist, die von einfachen Kommandeuren geführt wird, sondern ein echter Krieg, in den ganz Russland involviert ist.“

András Rácz von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik glaubt, dass sich in Zukunft auf der operativen Ebene de facto wenig für die russische Armee verändern wird: „Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass Gerassimow die operative Führung übernimmt. Denn er hat das letzte Mal vor zehn Jahren Soldaten geführt.“ Wahrscheinlicher ist laut Rácz, dass er als Oberkommandeur die Koordinierung der verschiedenen Truppenteile übernimmt, während Surowikin weiterhin die Führung am Boden innehat.