„Guru für Millionen“: Bestseller-Autor Paulo Coelho wird 75

Die Bücher von Paulo Coelho, dem erfolgreichsten Gegenwartsautor Brasiliens, sind auf dem weltweiten Buchmarkt nicht auf den ersten Blick als Werk eines brasilianischen Schriftstellers zu erkennen. Doch es könnte sein, dass sich genau dies als größter Erfolgsrezept von Coelho erwiesen hat: Mit den Erwartungen an die literarische Heimatverbundenheit seiner brasilianischen Schriftstellerkollegen hat er längst gebrochen. Und seine eigenen humanphilosophischen dagegen gesetzt.

Coelhos nationale Unabhängigkeit hat ihn zu dem bekanntesten Autor („Der Alchimist“) seines Heimatlandes gemacht, weltweit lesbar in einer immer stärker vernetzten Welt. Seine Bücher sind in 88 Sprachen übersetzt worden und in 170 Ländern auf dem Buchmarkt erschienen. Insgesamt 320 Millionen verkaufte Exemplare sind eine stolze Lebensbilanz Coelhos. 

Buchcover Der Alchimist von Paulo Coelho

Sein größter Bucherfolg: „Der Alchimist“

Doch um Geld oder Ruhm ging es dem mit mehreren Dutzend internationalen Preisen ausgezeichneten Autoren nach eigener Aussage nicht. „Es ist ein Weg zur Selbsterkenntnis“, betonte er in Interviews immer wieder. Schreiben sei eine Möglichkeit, existenzielle Fragen der Menschheit mit unzähligen Lesern rund um den Globus zu teilen.

Reise zum eigenen Ich

Damit setzt sich Paulo Coelho klar von anderen brasilianischen Autoren ab. In seinen literarischen Werken stößt man nicht auf die zuweilen tropische Üppigkeit in der Sprache, die beispielsweise den berühmten Jorge Amado auszeichnete. Und genauso groß ist seine Distanz zu der urbanen Gewalt, wie sie zum Beispiel Paulo Lins in seinem Bestseller „Die Stadt Gottes“ verarbeitet hat.

Seine ersten Bücher beruhten auf den Eindrücken seiner Pilgerreise entlang des Jakobswegs nach Santiago de Compostela. Als sie in den 80er-Jahren auf den südamerikanischen Markt kamen, war der spätere Erfolg noch nicht abzusehen. Erst mit der Veröffentlichung seines Romans „Der Alchimist“, der 1988 in Brasilien und 1991 in Deutschland erschien, begann seine auch finanziell erfolgreiche Pilgerreise durch die Buchhandlungen dieser Welt. Die Geschichte vom jungen Andalusier Santiago, der als Schafhirte die Welt kennen lernen will, avancierte zum meist verkauften brasilianischen Buch aller Zeiten, in 18 Ländern stand der Titel auf den Bestsellerlisten.

Abkehr vom Katholizismus

Der am 24. August 1947 in Rio de Janeiro geborene Coelho durchlebte diese Suche nach dem Sinn des Lebens selbst in mehreren Etappen. Er wuchs in einer gutbürgerlichen katholischen Familie auf, wandte sich aber als junger Mann von der Religion ab. Als rebellischer Student experimentierte er mit Drogen und begab sich auf die Spuren schwarzer Magie. Seine Eltern hielten ihn für geisteskrank und ließen ihn mehrmals in eine psychiatrische Anstalt einweisen, wo er Elektroschocks bekam. Er verarbeitete diese Erfahrung später in seinem Roman „Veronika beschließt zu sterben“.

Coelho arbeitete als Journalist, Theater- und Drehbuchautor. Bekannt wurde er in seiner Heimat, als er Songtexte für den Rock-Mythos Raul Seixas verfasste, mit dem er die antikapitalistische Haltung teilte. Während der Militärdiktatur (1964-1985) in Brasilien wurde Coelho gefangengenommen und tagelang gefoltert. 

1977 verließ Paulo Coelho seine Heimat und zog mit seiner Frau für ein Jahr nach London, wo er erfolglos versuchte, als Autor Fuß zu fassen. Nach einem kurzen beruflichen Experiment als Direktor der Plattenfirma CBS entschied er sich – zurück in Brasilien – ausschließlich als Schriftsteller zu arbeiten. Mittlerweile ist er zum katholischen Glauben zurückgekehrt.

Paulo Coelho steht mit einem aufgeschlagenen Buch hinter großen stapeln von Büchern

„Coelho wurde zweimal geboren – einmal, als er auf die Welt kam, und einmal, als er zum Schriftsteller wurde“, so sein Biograf Fernando Morais

Coelhos religiöser Tourismus, der vom Mystizismus bis Monotheismus reicht, stieß in der westlichen Welt auf breite Resonanz. Coelho verwandelte sich in eine Art literarischer Guru für spirituelle Botschaften. Sein Erfolgs-Rezept ist einfach und wirkungsvoll: Er verliert keine Zeit mit sprachlichen Pirouetten oder psychologischen Analysen, sondern bietet dem Leser spirituelle Erzählstoffe in verständlicher Sprache, kombiniert mit praktischen Ratschlägen für die persönliche Lebensführung. Literaturkritiker verurteilen sein Stil oft als zu simpel, doch die Leserschaft weltweit liebt ihn für seine klaren Worte. Auch Berühmtheiten wie Popstar Madonna oder Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe gehören zu seinen Anhängern.

Moderne Parabeln über die Welt

Der Literaturkritiker Idelber Avelar, Professor für lateinamerikanische Literatur an der Tulane University in New Orleans, näherte sich dem Phänomen Coelho mit einem Vergleich: „Coelho verleiht der traditionellen Parabel in der kommerziellen Literatur ein neues Gewand“, schreibt er. Eine Parabel fasziniere Leser, weil sie einfach, verständlich und gleichzeitig geheimnisvoll sei. Dies sei schon bei den Evangelisten in der Bibel und den Bänkelsängern im Mittelalter so gewesen.

Genau in diesem Facettenreichtum liegt nach Ansicht seiner Kritiker auch der Stolperstein für das Verständnis von Coelhos Werk: es passe weder hundertprozentig in die Kategorie „Ratgeber“ noch in die Kategorie „Literatur“. Coelhos Bücher bewegen sich in einem kritischen Radius zwischen Bestsellerlisten und den Teetischen der Brasilianischen Akademie für Literatur.

Globaler Guru

Der Übersetzer Oliver Precht, der komplexe Werke auch anderer brasilianischer Autoren wie Oswald de Andrade ins Deutsche übertragen hat, verknüpft Coelhos Erfolg mit diffusen Sehnsüchten gerade in der westlichen Welt. Dazu gehöre die Suche nach dem Sinn des Lebens, nach allgemeinen Wahrheiten und persönlichen Schicksalen.

Paulo Coelho, inmitten von Autogrammjägern, schreibt Autogramme

Wo Paulo Coelho auftritt, wird er von Autogrammjägern umringt

Die Bücher von Coelho stehen seiner Ansicht nach für eine ideologische Bewegung, die Erfolg losgelöst von sozialen Bedingungen sieht und stattdessen mit persönlichem Einsatz und individuellen Glaubensüberzeugungen verknüpft. 

Und diese Weltsicht ist nicht an regionale Grenzen gebunden. „Paulo Coelho gilt nicht als brasilianischer Autor, sein Werk prägt nicht das Bild Brasiliens im Ausland“, erklärte einmal der Übersetzer und Literaturprofessor Berthold Zilly. „Coelho ist ein globalisierter Autor. Betrachtet man die Themen seiner Bücher, könnte er sowohl Europäer, Nordamerikaner oder Araber sein.“

Incognito an der Copacabana  

Im Moment ist Paulo Coelho Wahlschweizer. Seit Jahren lebt der Autor mit seiner Frau, der brasilianischen Malerin Christina Oiticica, in Genf. Offiziell hat er seine Heimatstadt Rio de Janeiro schon lange nicht mehr besucht, denn der rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro schreckt ihn ab. „Heute ist Brasilien eines der am meisten ausgegrenzten Länder der Welt“, sagte er der brasilianischen Zeitung „Folha de S. Paulo“ 2021. Aber um das Heimweh zu stillen, komme er manchmal incognito an die Copacabana, gehe am Strand spazieren, trinke Kokoswasser, besuche seine Lieblingsrestaurants und treffe sich mit einem kleinen, diskreten Freundeskreis. Selbst wenn Leute ihn erkennen, würden sie nicht glauben, dass es wirklich der berühmte Autor ist.

Dies ist die aktualisierte Fassung eines Porträts aus dem Jahr 2017.