Inselstaat Tuvalu gründet „erste digitale Nation“

„Inseln wie diese werden rasante Erwärmung, steigende Meeresspiegel und Dürren nicht überleben, also bauen wir sie virtuell nach“, sagte Tuvalus Außenminister Simon Kofe in einem Video, das sein Ministerium während der Weltklimakonferenz in Ägypten auf Twitter verbreitete. „Während unser Land verschwindet, haben wir keine andere Wahl, als die erste digitale Nation der Welt zu werden.“

In dem Video steht Kofe am Strand einer virtuellen Insel an einem Palmenstrand, am Himmel fliegen virtuelle Vögel. Die Kamera zieht sich nach seiner Ansprache immer weiter zurück und zeigt am Ende eine kleine Insel in einem ansonsten schwarzen virtuellen Raum.

Die Klimakrise macht pazifischen Inseln ganz besonders zu schaffen. Das zwischen Australien und Hawaii liegende Inselreich Tuvalu mit seinen neun Korallenatollen ist schon lange vom steigenden Meeresspiegel bedroht. Bis zu 40 Prozent des Hauptstadtbezirks stehen bei Flut unter Wasser. Es könnte in den nächsten Jahrzehnten weitgehend überschwemmt werden. In Tuvalu leben rund 12.000 Menschen.

Cloud-Präsenz als Ausweg?

„Unser Land, unser Ozean, unsere Kultur sind die wertvollsten Güter unseres Volkes, und um sie vor Schaden zu bewahren, egal, was auch immer in der physischen Welt passiert, werden wir sie in die Cloud verlagern“, sagte er in dem Video. „Stück für Stück werden wir unser Land erhalten, unserem Volk Trost spenden und unsere Kinder und Enkel daran erinnern, was unser Zuhause einst war.“ Möglicherweise werde sich der Rest der Welt Tuvalu bald im Internet anschließen, so der Minister.

Der Außenminister hatte am Dienstag auf dem Klimagipfel in Ägypten gesagt, sein Land plane eine digitale Version von sich selbst zu erstellen, die Inseln und Wahrzeichen nachzubilden und seine Geschichte und Kultur zu bewahren. Es sei an der Zeit, nach alternativen Lösungen für das Überleben seines Landes zu suchen. Dazu gehöre, dass Tuvalu die erste digitalisierte Nation im Metaverse werde. Darunter ist eine Online-Welt zu verstehen, die Augmented und Virtual Reality nutzt, um User bei der Interaktion zu unterstützen.

Kofe hatte bereits auf der letztjährigen COP26 weltweite Aufmerksamkeit erregt, als er als er sich knietief im Meer stehend an die Weltklimakonferenz wandte, um zu verdeutlichen, dass Tuvalu an vorderster Front des Klimawandels steht. Tuvalu müsse handeln, weil die Länder weltweit nicht genug täten, um den Klimawandel zu verhindern, sagte er.

COP26 I Simon Kofe, Tuvalu's Minister für Justiz steht im Wasser

Außenminister Simon Kofe steht 2021 bei einer Ansprache an die COP26 in Tuvalu im Wasser

Vorbilder Seoul und Barbados

Mit seiner digitalen Initiative folgt Tuvalu dem Beispiel der südkoreanischen Stadt Seoul und des Inselstaats Barbados. Sie haben im Vorjahr angekündigt, dass sie in das Metaversum eintreten wollen, um Verwaltungs- und Konsulatsdienste anzubieten.

Kofe fügte hinzu, er hoffe, dass die Schaffung einer digitalen Nation Tuvalu erlauben werde, als Staat weiter zu funktionieren, selbst wenn es vollständig überflutet werden sollte. Derzeit unternimmt die Regierung Anstrengungen, um sicherzustellen, dass Tuvalu weiterhin international als Staat anerkannt wird und seine maritimen Grenzen – und die Ressourcen innerhalb dieser Gewässer – auch dann erhalten bleiben, wenn die Inseln unter dem Meeresspiegel liegen sollten. Nach Angaben Kofes haben sieben Regierungen einer fortdauernden Anerkennung zugestimmt. Allerdings gebe es Herausforderungen, da es sich um einen neuen Bereich des internationalen Rechts handele.

kle/sti (dpa, rtre)