Israel und Libanon einigen sich auf Seegrenze

Nach zweijährigen Verhandlungen mit Blick auf Gasvorkommen im Mittelmeer haben sich die Nachbarstaaten Israel und Libanon erstmals auf eine gemeinsame Seegrenze geeinigt. Der israelische Ministerpräsident Jair Lapid sprach von einer „historischen Errungenschaft“. Hierdurch würden Milliarden in die eigene Wirtschaft fließen.

Das Büro des libanesischen Präsidenten Michael Aoun teilte mit, die endgültige Fassung des Abkommens wahre die Rechte des Landes an seinen Ressourcen. Chefunterhändler Elias Bu Saab bezeichnete die Einigung als „fair“. Auch die vom Iran finanzierte und mit Israel verfeindete Hisbollah-Miliz, die von den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft wird, habe den Bedingungen zugestimmt, meldet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf vertraute Personen. Der Chef der Organisation, Hassan Nasrallah, hielt sich bei einer Fernsehansprache mit einer Bewertung zurück, deutete aber auch keinen Widerstand an. „Wir warten zunächst ab, dass der (libanesische) Präsident die offizielle Haltung verkündet.“ Bis zur endgültigen Unterzeichnung des Abkommens müsse man „wachsam sein“. Die Hisbollah gilt in Beirut als maßgeblicher Machtfaktor hinter der Kulissen.

Kana und Karisch

Dem Libanon soll nach israelischen Medienberichten die Erschließung des Offshore-Gasfeldes Kana ermöglicht werden. Israel behält demnach die Hoheit über das Gebiet rund um die Karisch-Gasplattform nordöstlich der Hafenstadt Haifa. Details zu dem Abkommen wurden bisher nicht bekanntgegeben.

Amos Hochstein

Der US-Gesandte Amos Hochstein betrieb Pendeldiplomatie zwischen den Kontrahenten (Archivbild)

Beobachter hatten gewarnt, ein Scheitern der Verhandlungen könne zu neuer Gewalt zwischen beiden Ländern führen, die sich offiziell noch im Kriegszustand befinden. US-Vermittler Amos Hochstein hatte die Kontrahenten stets separat getroffen; direkte Gespräche zwischen den Parteien gab es nach libanesischen Angaben nicht.

„Historischer Durchbruch“

Die USA und weitere Staaten begrüßten die Einigung. US-Präsident Joe Biden sprach von einem „historischen Durchbruch“. In einem Telefonat mit Aoun sagte Biden, für das libanesische Volk könne das Abkommen den Beginn eines neuen Kapitels markieren. Das Auswärtigen Amt in Berlin erklärte: „Dieser Durchbruch zeigt, was Diplomatie auch in scheinbar festgefahrenen Konflikten leisten kann.“ 

Hintergrund des jahrzehntelangen Streits ist eine umstrittene 860 Quadratkilometer große Fläche vor der Küste, die beide Seiten bislang als ausschließliche Wirtschaftszone beanspruchten. Der Konflikt um den Grenzverlauf hatte sich nach der Entdeckung großer Mengen Erdgas verschärft. Das Gas aus Israel könnte perspektivisch auch zur Linderung der Energieknappheit in Europa beitragen. Seit der russischen Invasion in der Ukraine sucht die EU verstärkt nach anderen Energielieferanten. Israel hat zugesagt, mehr Erdgas zu exportieren.

Auch der Libanon ist auf die Ausbeutung der ihm zugesprochenen Gasvorkommen angewiesen. Das Land leidet seit 2019 unter der schwersten Wirtschaftskrise seiner Geschichte. Die Währung hat drastisch an Wert verloren, Armut und Arbeitslosigkeit sind weit verbreitet. Auch die Energieversorgung ist schwer getroffen. Viele Libanesen haben nur noch für ein oder zwei Stunden am Tag Strom.

jj/ehl (dpa, afp, rtr, kna)