Israelische Seidenstraße entdeckt?

Laut israelischen Medien fanden die Grabungen in Erdaufschüttungen nahe der jordanischen Grenze in Nahal Omer statt, etwa auf halbem Weg zwischen dem Toten Meer und der Stadt Eilat am Roten Meer. Die Forschergruppe aus Israel und Deutschland konzentrierte ihre Suche auf vermeintliche alte „Müllhaufen“ entlang der bekannten Handelsrouten und fand dabei unter anderem Kleidungsstücke. Laut Kohlenstoffdatierung stammen die Gegenstände aus dem 7. und 8. Jahrhundert nach Christus. Dank der Trockenheit in der Negev-Wüste sind sie in sehr gutem Zustand.

Blick auf den Hafen von Eilat, im Hintergrund schroffe Bergwände

Die Hafenstadt Eilat am Roten Meer

Die Ausgrabung wurde aus Deutschland gesponsert und von Archäologinnen und Archäologen der Universität Haifa, der Ben-Gurion-Universität des Negev in Be’er Scheva, der Universität Göttingen und der Israelischen Altertumsbehörde (IAA) ausgeführt. Die Forscherinnen und Forscher vermuten, dass die Produkte unter anderem aus Indien, China und dem heutigen Sudan stammen. Laut Professor Guy Bar-Oz von der School of Archaeology and Maritime in Haifa würde dies bedeuten, dass eine bisher unbekannte Handelsroute zwischen Europa und Fernost durch diese Region führte – und damit, dass es eine „israelische Seidenstraße“ durch die Arava-Senke und die Negev-Wüste gab. 

Luxusobjekte aus Fernost

Das Archäologen-Team spricht vom „bislang wichtigsten Textilfund an antiken Stätten in Israel“. Darunter sind nicht nur Kleidungsstücke, sondern auch Bandagen, Lederriemen, Gürtel, Socken, Schuhsohlen oder Kämme. Die große Anzahl der Funde und ihre Machart deuten auf eine hohe Nachfrage nach Luxusprodukten hin. Zu den Fundstücken gehören Textilien in der Ikat-Webtechnik, die im Nahen Osten nicht angewandt wurde, wohl aber in Indonesien verbreitet war. Bei dieser Webtechnik werden einzelne Abschnitte des Garns vor der Verarbeitung eingefärbt. Webeprozesse von weißer Baumwolle und farbiger Wolle deuten wiederum auf persische Einflüsse hin. 

„Die Forscher haben einen Schatz entdeckt“, schrieb die IAA. Die Funde könnten „Licht auf die Materialkultur und das tägliche Leben der einstigen Bewohner in der Wüstenregion“ werfen und „einen bedeutsamen Moment der Globalisierung in der Geschichte des Negev widerspiegeln“. Sie böten eine neue Möglichkeit, den politischen, technologischen und sozialen Austausch jener Zeit zu analysieren. In der Spätantike habe der Handel mit einer anderen Art von Gütern begonnen, der von China und Indien über die Arava und durch Mekka und Medina in die Mittelmeerländer führte.

„Weitreichende Konsequenzen“ für die Forschung

Guy Bar-Oz sagte gegenüber der Tageszeitung „The Times of Israel“, die Funde hätten „weitreichende Konsequenzen für unser Verständnis der alten Handelsrouten und der Rolle dieser Region in der Antike“. Die neu entdeckte Route sei möglicherweise ein Nebenweg der „traditionellen“ Seidenstraße, die durch den Norden Israels führte. Diese Nebenroute könnte durch Arava verlaufen sein und hätte so die Seidenstraße mit den Hauptverkehrsadern des Landes verbunden; inklusive der Häfen von Gaza und Aschkelon, die wiederum die Hauptzugänge zum Mittelmeer waren.

Kamelkarawane im chinesischen Dunhuang: In einer Wüstenlandschaft sitzt ein Mann auf einem Kamel, hinter ihm drei weitere Tiere.

Kamelkarawane im chinesischen Dunhuang, einem Knotenpunkt der alten Seidenstraße

Laut Bar-Oz habe es schon Ausgrabungen rund um Nahal Omer gegeben, doch niemand habe sich bislang auf jene altertümlichen Müllhaufen konzentriert, die sich nun als wertvolle Fundorte herausgestellt hätten: „Wir haben fünf Meter tiefe Löcher gegraben und in fast jeder Aufschüttung organisches Material entdeckt. Das ist das Unglaubliche an dieser Ausgrabung“, so Bar-Oz. Die Arbeiten sollen im Sommer 2023 für mindestens zwei weitere Jahre fortgesetzt und die Fundstücke weiter analysiert werden.

Die alte Seidenstraße war ein Netzwerk von Handelswegen, das China und den Fernen Osten mit dem Nahen Osten verband. Später reichte sie bis nach Europa. Der Großteil der Handelsrouten war vom zweiten Jahrhundert nach Christus bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts in Gebrauch.