Joumana Seif: Vorkämpferin für Demokratie und Menschenrechte in Syrien

Sie freue sich über die Auszeichnung, sagt Joumana Seif, die im kommenden März in Deutschland den Anne-Klein-Frauenpreis der Heinrich-Böll-Stiftung erhalten wird. Sie erhält ihn stellvertretend für viele Aktivistinnen, die sich weltweit  gegen sexualisierte Gewalt in bewaffneten Konflikten einsetzen. Sie fühle sich durch den Preis geehrt, betont Seif, für sie sei er in erster Linie Ansporn zu weiterer Arbeit.

Ein Grundstein dieser Arbeit ist Aufmerksamkeit für andere. Joumana Seif ist eine gute Zuhörerin. Die 52-jährige syrische Anwältin und Frauenrechtlerin wirkt geduldig, ihr Blick signalisiert Entgegenkommen und Verständnis. Viele Frauen haben sich diesem Blick in den vergangenen Jahren anvertraut.

„Ich habe immer für die Rechte der Frauen gekämpft“, sagt Seif im Interview mit der DW in Berlin. Das habe sie schon in den 1990er Jahren in Damaskus getan. Damals arbeitete sie in einem erfolgreichen Adidas-Franchise-Unternehmen ihrer Familie. Ein wichtiges Anliegen war ihr, sich um das Wohlergehen der Mitarbeiter zu kümmern und insbesondere die weiblichen Angestellten zu unterstützen.

Durch Kritik an syrischer Führung im Visier der Sicherheitskräfte

Doch diese Zeiten sind längst vorbei. 1994 betrat ihr Vater Riad Seif, beflügelt durch den großen Erfolg seines Unternehmens, die politische Bühne. Als parteiloser Kandidat errang er einen Sitz im syrischen Parlament. Doch seine Kritik an der korrupten Elite und seine Forderungen nach Wirtschaftsreformen kamen beim damaligen Präsidenten Hafis al-Assad – dem 2000 verstorbenen Vater des heutigen Machthabers Baschar al-Assad – nicht gut an: Riad Seif und seine Familie gerieten zunehmend in das Visier der Sicherheitskräfte. Zudem mussten sie erleben, dass Produktionsmittel für ihre Fabrik bewusst zurückgehalten wurden. Am Ende sah die Familie sich gezwungen, das Unternehmen zu verkaufen.

Joumana Seif mit ihrem Vater Riad Seif und ihrer Tochter (Gesicht unkenntlich gemacht)

Joumana Seif (l.) 2015 in Berlin mit ihrem Vater Riad Seif und ihrer Tochter (deren Gesicht wurde aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes unkenntlich gemacht)

„Ich begriff, dass ich juristische Kenntnisse brauchte, um meinen Vater verteidigen und mich dem Kampf für die Menschenrechte in Syrien anschließen zu können“, sagt Seif. Unterstützt von ihrer Mutter, die ihr bei der Betreuung ihrer drei kleinen Kinder half, nahm sie 2003 ein Jurastudium an der Arabischen Universität Beirut auf.

Aktiv im „Damaszener Frühling“

Als sie 2007 ihren Abschluss machte, hatte sich Seif längst selbst politisch engagiert. Nach dem Tod von Hafis al-Assad im Juni 2000 nahm sie an den regelmäßigen Treffen der auch von ihrem Vater gegründeten Reform-Bewegung „Damaszener Frühling“ teil, zu der auch andere Mitglieder der politischen Opposition eingeladen waren. Veranstaltungsort: das Wohnzimmer der Familie Seif in Damaskus. Kurze Zeit später gründete die Gruppe das Nationale Dialogforum, eine Initiative für politischen Wandel und Freiheit in Syrien.

Doch bald stand die Initiative ohne ihren wichtigsten Repräsentanten da: Im September 2001 wurde Riad Seif zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Der Grund: Er hatte ein Ende der Monopolstellung der regierenden Baath-Partei des neuen Präsidenten Baschar al-Assad gefordert.

Die Verbindung zur Opposition hielt Riad Seif während der Haft über seine Tochter. „Es war eine sehr schwierige Zeit für uns“, erinnert sich die Anwältin. „Wir waren nahezu völlig isoliert, wurden von den Sicherheitsbehörden unter Druck gesetzt und hatten Angst, dass sie auch uns ins Gefängnis bringen würden.“ Ein solches Leben, sagt sie, würde sie nicht noch einmal ertragen können.

Drohungen des Regimes Baschar al-Assads

Mit dem zunehmend repressiven Vorgehen Baschar al-Assads gegen Dissidenten wurde ihr Vater auf der internationalen Bühne immer bekannter. Im Jahr 2003 reiste Joumana Seif nach Weimar, um in seinem Namen den von der Stadt gestifteten Menschenrechtspreis entgegenzunehmen.

Doch das Regime zeigte sich wenig beeindruckt. „Im März 2007 wurde ich bei einer Demonstration zusammen mit zahlreichen Freunden verhaftet. Sie drängten uns auf einen Lastwagen und schüchterten uns ein, indem sie immer wieder stark beschleunigten und bremsten“, erinnerte sie sich. „Schließlich ließen sie uns frei, warnten uns aber, dass wir beim nächsten Mal im Gefängnis landen würden.“ Mit der Warnung wurden zwei konkrete Drohungen übermittelt: Zum einen die Androhung einer jahrelangen oder gar lebenslangen Zeit hinter Gittern. Und zum anderen die Drohung, hinter Gittern zu einem Opfer sexueller Gewalt zu werden.

Eine Flucht über Ägypten nach Berlin

Obwohl immer mehr Menschen in den berüchtigten syrischen Gefängnissen verschwanden – unter ihnen ihr Onkel, ihr Cousin und ihr jüngerer Bruder Eyad -, wollte Joumana Seif zunächst in Syrien bleiben. Die Entscheidung, ihr Heimatland zu verlassen, traf sie erst nach zwei gescheiterten Mordanschlägen auf ihren zwischenzeitlich freigelassenen Vater und dem Ausbruch der syrischen Revolution 2011, der zu einem jahrelangen Bürgerkrieg führte. Zusammen mit ihren drei Kindern und ihren Eltern ging sie im September 2012 nach Ägypten.

Ein Gefängnis in der syrischen Stadt Aleppo

Ein Gefängnis in der syrischen Stadt Aleppo

Riad Seif litt zu dieser Zeit an Prostatakrebs und benötigte medizinische Hilfe. So entschloss er sich, ein Visum für Deutschland zu beantragen. „Ich ging davon aus, dass wir in Kairo bleiben würden, bis mein Vater aus Deutschland zurückkehrt. Dann würden wir sehen, ob wir nach Syrien zurückkehren könnten“, erinnert sie sich.

Doch 2013 änderte sich die Situation in Ägypten. Der islamistische Präsident Mohammed Morsi wurde durch einen Militärputsch unter Führung des heutigen autoritären Machthabers Abdel-Fattah al-Sisi gestürzt. „Die Stimmung gegenüber Syrern verschlechterte sich. Das machte es uns schwer, zu bleiben“, erinnert sich Joumana Seif. Da Syrien ihr aufgrund des Bürgerkriegs keine Option zur Rückkehr mehr bot, beschloss sie, ihrem Vater nach Deutschland zu folgen. Im September 2013 zog die Familie nach Berlin.

Engagement für Menschenrechte

Zu diesem Zeitpunkt hatte Joumana Seif den Entschluss gefasst, noch entschiedener für Menschenrechte zu kämpfen und insbesondere syrische Frauen zu unterstützen. 2013 gründete  sie zusammen mit anderen Syrerinnen das „Syrian Women’s Network“, 2014 zusätzlich eine „Syrian Feminist Lobby“ und 2017 die Organisation „Syrian Women’s Political Movement“.

Angehörige syrischer Folteropfer demonstrieren vor dem Gerichtsgebäude in Koblenz, Januar 2022

Forderung nach Gerechtigkeit: Angehörige syrischer Folteropfer demonstrieren vor dem Gericht in Koblenz, Januar 2022

Im selben Jahr noch startete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim European Center for Constitutional and Human Rights in Berlin. Von da an begann Seif, sich insbesondere für die Anerkennung von sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzusetzen. Zentrales Thema ihrer Arbeit: die Menschenrechtsverletzungen in Syrien.

Ein syrischer Folterer vor Gericht in Deutschland

Im Rahmen des so genannten Al-Khatib-Prozesses 2020-2022 am Oberlandesgericht Koblenz, des weltweit ersten Gerichtsverfahrens, das die Schrecken der syrischen Folterkammern untersuchte, sprach die Juristin mit Hunderten männlicher und weiblicher Überlebender über deren Leiden unter Folter und sexueller Gewalt. „Es ist ein großer Schmerz, wenn Frauen mir ihre Geschichten erzählen. Ihre Ausführungen verfolgen mich bis in meine Träume“, sagt Seif.

Doch die persönlichen Aussagen waren nicht der einzige bemerkenswerte Teil des Prozesses für Joumana Seif. Denn auch ihr Vater wurde als Zeuge vernommen: Als ehemaliger Politiker hatte er dem Hauptangeklagten Anwar Raslan 2014 dabei geholfen, ein Visum für Deutschland zu erhalten. Riad Seif hatte den Erklärungen Raslans geglaubt. Dieser hatte ihm versichert, er habe um sein Leben gefürchtet, nachdem er sich 2012 der Opposition angeschlossen habe. Allerdings konnte Raslan damals nicht beweisen, dass er tatsächlich ein Anhänger der Opposition war. Seine tatsächliche Rolle innerhalb des Assad-Regimes, insbesondere seine Tätigkeit als Geheimdienstoberst im berüchtigten Al-Khatib-Gefängnis, wurde erst durch den Koblenzer Prozess offenbar. Dieser endete mit einer lebenslangen Haftstrafe wegen Mordes, Vergewaltigung und sexueller Nötigung.

Für Joumana Seif war dieses Verfahren ein erster Schritt für den Kampf um Gerechtigkeit in Syrien. „Den Sinn meines Lebens sehe ich darin, zum Aufbau eines demokratischen Syriens beizutragen, das Männern und Frauen gleiche Rechte und ein Leben in Würde bietet“, sagt sie. „Erst dann wird der Kampf zu Ende sein.“

Adaption aus dem Englischen von Kersten Knipp.

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