Klima-Proteste: „Die Kunst wird als Geisel genommen“

Kartoffelbrei, Tomatensuppe und rote Farbe: Kunstwerke in europäischen Museen wurden in den letzten Wochen immer häufiger attackiert. Der Deutsche Verband für Kunstgeschichte hat deshalb am Mittwoch (02.11.2022) zum Schutz von Kunstwerken aufgerufen – „aus der Verpflichtung gegenüber zukünftigen Generationen“, für die sie bewahrt würden, hieß es in der Stellungnahme.

Zuvor hatten Klima-Aktivisten am 23.10. im Museum Barberini das weltberühmte Gemälde „Heuschober“ von Claude Monet mit Kartoffelbrei beworfen. In der Londoner National Gallery traf es rund zehn Tage zuvor Vincent van Goghs nicht minder bekanntes Werk „Sonnenblumen“. Auch in Den Haag und im Naturhistorischen Museum in Berlin kam es zu Attacken. Im Pariser Louvre traf eine Torte eines der berühmtesten Gemälde der Welt, Leonardo da Vincis „Mona Lisa“.

Mona Lisa - bevor sie mit Torte beschmiert wurde

Das vielleicht berühmteste Lächeln der Welt

Wieso werden Kunstwerke zur Zielscheibe?

Die junge Generation, der viele Klima-Aktivistinnen und Aktivisten angehören, sei mit sozialen Medien aufgewachsen – und sich deshalb der Macht der Bilder bewusst, sagt Kerstin Thomas, Professorin für Kunstgeschichte an der Universität Stuttgart.

„Wir sympathisieren im Verband mit den Zielen der Aktivisten“, so Thomas, erste Vorsitzende des Deutschen Verbandes für Kunstgeschichte. „Ihre Mittel können wir aber nicht unterstützen. Die Kunst wird hier als Geisel genommen für ein Anliegen, mit dem sie nichts zu tun hat.“ Die attackierten Werke hätten die Klimakrise nicht zu verantworten, sie würden sie auch nicht verherrlichen oder befeuern.

Im Postdamer Museum Baberini hängen Monets Heuschober

Meisterwerke des Impressionismus: Claude Monet malte Heuschober zu verschiedenen Tageszeiten

Schon in der Vergangenheit wurden Kunstwerk und Denkmäler zur Zielscheibe, zum Beispiel während des Protestantischen Bildersturms im Europa des 16. Jahrhunderts, als evangelische Christen religiöse Kunstwerke aus Kirchen entfernten oder sogar zerstörten, da sie glaubten, dass diese dem christlichen Glauben schaden würden.

Ein neuartiger Bildersturm

„Auch Denkmäler werden immer wieder zum Ziel von Bilderstürmen“, erklärt Kerstin Thomas gegenüber der DW. Ein Beispiel seien die jüngsten Attacken auf sowjetische Statuen in den baltischen Staaten oder auf Statuen der Profiteure des Kolonialismus in Großbritannien.

Die jüngsten Proteste seien aber anderer Natur, führt Thomas aus. Sinn solcher Denkmäler und Statuen sei es ja gerade, Macht auszudrücken. Der Protest richte sich dann eben auch gegen diese Macht: Also gegen den Kolonialismus, den die Statue eines Sklavenhändlers verherrlicht, oder gegen die Herrschaft der Sowjetunion in einem Staat wie Litauen, der nach Unabhängigkeit strebt oder sie bewahren will. 

„Die Bilder selbst verkörpern keine Macht“

Das sei im Fall der Klimakrise nicht der Fall. „Die Bilder selbst verkörpern keine Macht“, sagt Thomas. „Sie sind für die Klimakrise nicht verantwortlich.“ Monets „Heuschober“ ist kein Ausdruck der Macht der Ölkonzerne – genauso wenig wie Vincent van Goghs „Sonnenblumen“.

London Aktivistinnen bewerfen van-Gogh-Gemälde mit Tomatensuppe

Zwei Aktivistinnen von „Just Stop Oil“, nachdem sie van Goghs „Sonnenblumen“ mit Dosensuppe beworfen haben

Klima-Aktivisten führen als Argument an, wenn der Planet untergehe, brauche man auch keine Kunst mehr. Außerdem würde man Gemälde nicht beschädigen, sondern nur die Glasscheiben, hinter denen sie geschützt sind, sowie ihre Rahmen.

Schützt eine Glasscheibe vor Schäden?

Aus kunsthistorischer Sicht könne man dieses Argument nicht gelten lassen, widerspricht Kerstin Thomas. „Auch ein Rahmen oder ein Sockel gehören zum Kunstwerk und seiner Geschichte.“ Es sei der Auftrag von Museen, eben diese Kulturgeschichte für die Zukunft zu erhalten. „Es geht darum, das kulturelle Erbe so zu bewahren, dass auch spätere Generationen noch etwas davon haben.“

Die radikalen Klimaretter der „Letzten Generation“

Außerdem sei das Kunstwerk hinter der Glasscheibe nicht luftdicht verpackt, erklärt Thomas. Tomatensuppe enthalte viel Säure, das könne einem Kunstwerk durchaus schaden, wenn es durch die Glasscheibe dringt. „Eine Attacke nimmt es zumindest billigend in Kauf, dass das Kunstwerk Schaden nimmt.“

Der Verband Deutscher Kunsthistoriker sorgt sich jetzt auch um Trittbrettfahrer: „Schlecht wäre es, wenn sich solche Aktionen als Form des legitimen Protests etablieren würden“, so Thomas. Mindestens eine Nachahmerin fanden die medienwirksamen Aktionen bereits: In der Alten Nationalgalerie in Berlin bewarf am 30.10. eine Frau das Gemälde „Clown“ von Henri de Tolouse-Lautrec mit Kunstblut und gab als Grund bei der Polizei an, sie habe für mehr Demokratie demonstrieren wollen.

Erhöhte Sicherheitsvorkehrungen

Um erneute Attacken auf Kunstwerke durch Aktivistinnen und Aktivisten zu verhindern, haben viele europäische Museen in den letzten Tagen ihre Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Die Staatlichen Museen in Berlin können bis auf Weiteres nur noch nach Abgabe von Jacken und Taschen an der Garderobe oder in den Schließfächern besucht werden. Das gilt auch für das Museum Barberini im nahegelegenen Potsdam. Weitere Museen wie die National Gallery in London, das British Museum oder der Louvre haben ebenfalls Maßnahmen beschlossen. Öffentlich mitteilen wollen sie diese aber auch auf Anfrage nicht – zum Schutz der Kunstwerke.

Niederlande, Den Haag: Gemälde Mädchen mit Perlenohrring von Vermeer

Im Mauritshuis in Den Haag wurde Johannes Vermeers „Mädchen mit Perlenohrring“ attackiert