Klimawende in Afrika braucht mehr Geld

In der niederländischen Hafenstadt Rotterdam trafen sich fünf Staats- und Regierungschefs aus Afrika, Vertreter von internationalen Finanzorganisationen, zwei Regierungschefs der EU und der Vizepräsident der EU-Kommission, um über die finanziellen Folgen des Klimawandels auf dem afrikanischen Kontinent zu beraten. Die Veranstaltung in dem klimaneutralen, schwimmenden Konferenzzentrum nannte sich Gipfeltreffen, obwohl nur wenige Spitzenpolitiker, vor allem von der Geldgeber-Seite, anwesend waren. Man traf sich in den Niederlanden, weil hier 2018 mit Hilfe der Vereinten Nationen die „Globale Kommission für Anpassung“ an die Folgen des Klimawandels gegründet worden war. 

KPN Tower Rotterdam in Rotterdam von Renzo Piano

Gipfelort Rotterdam: Auch die Niederlande leiden dieses Jahr unter Dürre

Präsident Macky Sall aus dem Senegal, seine Amtskollegen Nana Akufo-Addo (Ghana), Félix Tshisekedi (Demokratische Republik Kongo), Ali-Ben Bongo Ondimba (Gabun) und die äthiopische Präsidentin Sahle-Work Zewde waren in die Niederlande gereist, um vor der nächsten Weltklima-Konferenz, der COP27 im ägyptischen Sharm El Sheikh im kommenden November, in Rotterdam Bilanz zu ziehen, wie es um die Anpassung an die Klimafolgen auf dem afrikanischen Kontinent steht.

Zusagen werden nicht eingehalten

Es steht nicht gut, meint der Politikexperte der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam, Bertram Zagema. „Es passiert schon etwas, aber es geht alles nicht schnell genug. Das liegt vor allem an fehlenden Ressourcen“, sagte Bertram Zagema, der sich mit den Folgen des Klimawandels in Afrika intensiv beschäftigt. „Die Menschen in den Gemeinschaften vor Ort wissen eigentlich was zu tun ist in den meisten Fällen, aber sie haben nicht die Mittel.“

Mosamik Beira Zyklon Eloise

Auch Wasser ist ein Problem in Afrika: Zyklone verwüsten Mosambik (Februar 2021)

Die reichen Industrienationen und Schwellenländer, die für den Großteil der klimaschädlichen Gase verantwortlich sind, hatten bei einer UN-Klimakonferenz im Jahr 2008 umfangreiche Hilfen für die Klimafolgen für die ärmeren Staaten versprochen. „Es gibt das Versprechen, von 2020 jedes Jahr etwa 100 Milliarden Dollar aufzubringen, aber das ist nicht eingehalten worden. Die Hälfte der Summe war für konkrete Anpassungsmaßnahmen vorgesehen“, sagte Bertram Zagema von Oxfam der Deutschen Welle.

Der Geschäftsführer der UN-Agentur „Globales Zentrum für Anpassung“, Patrick Verkooijen, legte zum Gipfel in Rotterdam eine ernüchternde Bilanz vor. Statt der erforderlichen 53 Milliarden Dollar wurden in den Jahren 2019 und 2020 nur 11,8 Milliarden Dollar von internationalen Gebern in Afrika investiert. Die Hälfte dieser Summe wurde überdies nur als Kredit gewährt. Die andere Hälfte waren Zuschüsse, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Diese Zahlen sind Schätzungen, so Patrick Verkooijen. Die Geldflüsse über europäische und afrikanische Entwicklungsbanken, die Weltbank, den Internationalen Währungsfonds und zahlreiche Hilfsorganisationen sind äußerst komplex.

Mangelndes Interesse in Europa?

Mit den Geldern zur Klima-Anpassung werden Projekte in vielen Ländern in Afrika finanziert, die von besserer Wasservorsorgung in Kenia über die Einführung klimaresistenter Getreidesorten in Äthiopien bis zum Bau von sturmsicheren Häusern an der Ostküste Afrikas reichen. Oxfam zum Beispiel bildet 7000 Bauern in Uganda für den Umgang mit Dürre aus.

Macky Sall, Präsident der Republik Senegal

Macky Sall, Chef der Afrikanischen Union: Wo sind die Europäer beim Gipfel? (Archiv)

Es könnten wesentlich mehr sein, so Jackson Muhindo von Oxfam Uganda. Aber an allen Ecken und Enden fehle das Geld. Gleichzeitig versuchen viele afrikanische Staaten auch, ihre internen Strukturen und Verwaltungen so zu verbessern, dass die Investitionen aus den Klima-Fonds sinnvoll verwendet werden können.

Macky Sall, der Präsident des Sengals, der zurzeit auch Vorsitzender der Afrikanischen Union ist, kritisierte, dass der Anpassungsgipfel in Rotterdam bei den europäischen Regierungschefs nur auf bescheidenes Interesse stieß. Die Afrikaner hätten es nach Rotterdam geschafft, so Sall ironisch, der Weg der Europäer sei aber doch wesentlich kürzer.

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Mette Frederiksen verspricht mehr Engagement für Afrika

Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen, die per Video am Gipfel teilnahm, widersprach. „Ich weiß, dass sie mehr Engagement aus Europa wünschen. Das sollten wir leisten. Ihre Erwartungen wurden nicht immer erfüllt. Das muss sich ändern. Ich kann Ihnen versichern, dass wir alles tun werden, um zu verhindern, dass der Klimawandel mehr Leben auslöscht und davonfegt“, sagte die dänische Regierungschefin ohne konkrete neue Zusagen zu machen. Neben Mark Rutte aus den Niederlanden war sie die einzige EU-Regierungschefin, die sich auf dem Gipfel zumindest per Video blicken ließ.

Klimaschutz muss trotz Krisen weitergehen

Der Präsident von Ghana, Nana Akufo-Addo, ermahnte die Industrieländer, mehr zu tun und sich nicht mit anderen Krisen wie dem Krieg in der Ukraine oder der Corona-Pandemie herauszureden. Afrika leide unter diesen Krisen ebenfalls stark. „Wir stehen an einem Scheideweg“, sagte der ghanaische Präsident. „Wenn wir unseren Kontinent fördern wollen, dann müssen wir uns an den Klimawandel anpassen. Dazu brauchen wir eine Finanzierung, die wirklich ausreicht. Der Kampf gegen die Klimafolgen darf kein Opfer der komplexen geopolitischen Situation werden, in der wir uns gerade befinden.“

Ghana Präsident Nana Addo Dankwa Akufo-Addo

Nana Akufo-Addo: Krisen sind keine Entschuldigung für nachlassendes Klima-Engagement

Beim bevorstehenden UN-Klimatreffen in Ägypten sollte es vorrangig um die Anliegen der afrikanischen Staaten gehen, forderten die afrikanischen Vertreter. Weitere Verpflichtungen zu finanzieller Hilfe werden von den Geberländern erwartet, trotz der globalen Verwerfungen durch den von Russland geführten Krieg gegen die Ukraine und den Folgen der Corona-Pandemie. Schätzungen besagen, dass der Finanzbedarf für Klimaanpassung je nach Temperaturanstieg bereits in zehn Jahren weit über den heute veranschlagten 50 Milliarden Dollar pro Jahr liegen könnte.

„Wenn wir in die Zukunft blicken, wissen wir bereits, dass die Kosten eher steigen werden. Wir gehen in die Verhandlungen für künftige finanzielle Zuwendungen, weil diese Zuwendungen wohl über 100 Milliarden Dollar steigen müssen“, meint Oxfam-Experte Bertram Zagema.

Zeit für einen Neustart?

Die Afrikanische Union und die Afrikanische Entwicklungsbank haben ein weiteres Programm zur Finanzierung des Klima-Abwehrkampfes aufgelegt. Der etwas sperrige Name lautet: Programm für Anpassungsbeschleunigung in Afrika (auf English: Africa Adaptation Acceleration Programm AAAP). Dieses nur von afrikanischen Institutionen aufgelegte Programm soll 25 Milliarden Dollar mobilisieren bis 2025.

USA New York | Stellvertretender Generalsekretärin | Amina J. Mohammed

Amina Mohammed: Eine Milliarde Menschen sind bedroht

Die stellvertretende Generalsekretärin der Vereinten Nationen, Amina Mohammed, forderte die Industriestaaten auf, in diesen Topf einzuzahlen. Afrika leide von allen Weltgegenden am meisten unter dem Klimawandel, ohne selbst mit Emissionen dazu beizutragen. „Es ist wichtig zu sehen, dass Leben und Besitz, die in Afrika verloren gehen, zeigen, wie die Wirklichkeit für über eine Milliarde Menschen aussieht, die bedroht sind“, mahnte Amina Mohammed, die aus Nigeria stammt. „Lassen sie uns das zum Anlass für einen Neustart nehmen. Für Afrika, für die Welt und die künftigen Generationen.“

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