Libysches Öl als Preisbremse am Weltmarkt

Bislang waren die Gespräche vergeblich: Wiederholt haben die Vereinigten Staaten ihren Partner Saudi-Arabien darum gebeten, die Erdöl-Produktion zu erhöhen, um den Preisdruck auf den internationalen Markt zu mindern. Doch die Saudis reagierten auf die Aufforderungen verhalten. Zwar sind die Preise zuletzt wieder gefallen. Doch laut einigen Marktanalysten war es vor allem libysches Öl, das dazu beitrug, die weltweiten Ölpreise Anfang August wieder auf unter 100 Dollar (98 Euro) pro Barrel sinken zu lassen.

Tatsächlich ist die libysche Ölproduktion nach monatelanger Flaute seit Mitte Juli wieder auf mehr als eine Million Barrel pro Tag angestiegen. Zuvor hatte Libyen aufgrund der anhaltenden politischen Instabilität des Landes nur etwa die Hälfte dieser Menge gefördert.

Erdöl als Instrument der Konfliktlösung

Doch das libysche Öl könnte nicht nur der Schlüssel zur Wiederherstellung des Gleichgewichts auf den internationalen Ölmärkten sein: Experten zufolge könnte es auch dabei helfen, die politische Stabilität im Land nach Jahren des Krieges dauerhaft herzustellen.

Eine solche Entwicklung sei auch aus US-Perspektive wichtig, so der Libyenexperte Ben Fishman vom Washington Institute for Near East Policy in einem Aufsatz für das Politikmagazin „The National Interest“. Die US-Regierung müsse stärker in die Stabilisierung der libyschen Politik investieren und mehr libysches Öl auf die internationalen Märkte bringen, empfiehlt Fishman.

Als Reaktion auf die Forderung von US-Präsident Joe Biden nach einer Produktionssteigerung haben sich die OPEC-Länder darauf geeinigt, im September 100.000 Barrel Öl pro Tag mehr zu fördern – eine in der Summe vergleichsweise geringe Steigerung. Eine Stabilisierung der libyschen, derzeit nicht durch OPEC-Produktionsobergrenzen limitierten Ölproduktion könnte dem Markt täglich eine halbe bis eine Million Barrel mehr Öl zuführen.

Rohöltanks des lybischen Terminals Az Zuwaytina in einer Wüstenlandschaft

Libyen hat die neuntgrößten Ölreserven der Welt

Diese könnte das von einem jahrelangen Bürgerkrieg geplagte Land gut brauchen: Erdölprodukte machen rund 94 Prozent der Ausfuhren aus und tragen zu etwa 60 Prozent des libyschen Nationaleinkommens bei. Seit dem Sturz und gewaltsamen Tod des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi 2011 wird Libyen von Gewalt und Machtkämpfen erschüttert.

Unregelmäßige Produktionsmengen

Tatsächlich war die Höhe der Öleinnahmen in den vergangenen Jahren stark vom innerlibyschen Konflikt beeinflusst. So förderte Libyen vor der Revolution des Jahres 2011 durchschnittlich 1,3 Milliarden Barrel Öl pro Tag. Im Jahr 2020 war die Menge Angaben der Weltbank zufolge auf 400.000 Barrel täglich gesunken. Nachdem sich die Konfliktparteien Mitte 2020 auf einen Waffenstillstand geeinigt hatten, stieg die Produktion wieder – auf täglich rund 1,2 Millionen Barrel.

Danach jedoch sank die Fördermenge wieder. Im Juli etwa produzierte Libyen Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge nur noch rund 589.000 Barrel täglich. Der Rückgang hat seinen Grund hauptsächlich in der militärischen Blockade lokaler Öleinrichtungen und Exportterminals durch verschiedene Stammesgruppen. Diese hatten sich nicht einigen können, wer künftig die Nationale Ölgesellschaft (NOC) des Landes leiten soll – die einzige Organisation, die Öl nach Übersee exportieren darf. Die Blockade endete Mitte Juli mit der Wahl eines Kompromisskandidaten in das Amt.

Das Gebäude der staatlichen libyschen National Oil Corporation (NOC) in Tripolis

Das Gebäude der staatlichen libyschen National Oil Corporation (NOC) in Tripolis

Inzwischen hat das libysche Ölministerium angekündigt, das Land wolle in den kommenden fünf Jahren rund zwei bis zweieinhalb Millionen Barrel pro Tag fördern. Die kontinuierliche Versorgung des Marktes mit dieser Menge an Öl würde sich erheblich auf die Weltmarktpreise auswirken.

Erhebliche Gasvorkommen

Doch Libyen hat nicht nur erhebliche Öl-Kapazitäten. Auch mit seinen Erdgasvorkommen könnte das Land zu einem bedeutenden Lieferanten für Europa werden.

Ein Arbeiter überprüft eine Gas-Pipeline am lybischen Mellitah Oil and Gas B.V. Oil Division Bouri field, einem Öl- und Gas-Feld ungefähr 130 Kilometer nordwestlich von der Hauptstadt Tripolis

Kann Gas aus Libyen helfen, die Energiekrise zu bewältigen?

Derzeit fließt das meiste libysche Gas nach Italien. Er glaube, dass sich die libyschen Gasexporte bei entsprechenden Investitionen um 30 Prozent steigern ließen, erklärte im April der italienische Botschafter in Libyen, Giuseppe Buccino.

Ausländische Einmischung

Ob es dazu kommt, ist offen, denn in Libyen mischen viele ausländische Akteure mit. Eine erhebliche Rolle spielt unter anderem Russland. Söldner der berüchtigten Wagner-Gruppe etwa unterstützen den einflussreichen libyschen General Chalifa Haftar und sind in der Nähe der ostlibyschen Öleinrichtungen stationiert. Aber auch andere Länder versuchen ihre Interessen geltend zu machen, etwa die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Ägypten. Sie alle gelten als zunehmend russlandfreundlich. Den VAE wird vorgeworfen, maßgeblich am Wechsel an der Führungsspitze der Nationalen Ölgesellschaft in Libyen beteiligt gewesen zu sein.

Lokale Interessen

Grundsätzlich sollte es bei der Stabilisierung der libyschen Öl- und Gasproduktion nicht allein um internationale Interessen gehen, sagte Emadeddin Badi, Senior Fellow am Atlantic Council, der DW. Die Produktionssteigerung könnte auch ein erster wichtiger Schritt zu einer ernsthaften Lösung der politischen Probleme in Libyen sein. Voraussetzung sei allerdings ein breiter Dialog über die gemeinsame Nutzung der Gas- und Öl-Ressourcen. In der Vergangenheit seien Blockaden der Produktionsstätten als Mittel der ökonomischen Kriegsführung eingesetzt worden. „Dies zuzulassen ist eine schlechte Idee für jeden, der sich um die langfristige Stabilität Libyens und die langfristige Stabilität seines Gas- und Ölsektors sorgt“, so Badi.

Allerdings spielten neben der Politik auch andere Aspekte eine Rolle, sagte der Politikwissenschaftler Jalel Harchaoui vom Think Tank Royal United Services Institute der DW. „Es geht um Machtfragen und nicht um die Erdöl-Einnahmen oder deren gerechte Verteilung“, so Harchaoui. Denn je mächtiger Akteure wie General Haftar seien, desto mehr würden sie versuchen, einen aus ihrer Sicht gerechten Anteil an den Einnahmen zu bekommen. Zufrieden, fürchtet Harchaoui, würden sich diese Akteure mit ihrem Anteil allerdings niemals geben.

Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp.

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