Lionel Messi führt Argentinien ins WM-Finale

„Ich habe meine Entscheidung getroffen, meine Zeit in der Nationalmannschaft ist vorbei“, sagte Lionel Messi. Sechs Jahre ist das jetzt her. Gerade hatte er selbst einen Elfmeter über die Latte gezimmert. Chile gewann das Finale der Copa America 2016 und der amtierende Weltfußballer war am Tiefpunkt seiner Nationalmannschaftskarriere. Rücktritt. Aus und vorbei. „Es tut mir mehr als jedem anderen weh, dass ich nicht imstande bin, mit Argentinien einen Titel zu gewinnen“, presste er noch hervor. 

Ob Messi im Freudentrubel nach dem souveränen 3:0 (2:0)-Erfolg im Halbfinale gegen Kroatien bei der Fußball-WM in Katar noch einmal an diese Episode gedacht hat? „Es gehen mir so viele Dinge durch den Kopf“, sagte er nach der Partie. „Ich weiß gar nicht, wie ich meine Gefühle beschreiben soll.“

Messi-Momente en masse

Vom damaligen Tiefpunkt hat er sich zwischenzeitlich erholt und 2021 mit Argentinien die Copa America gewonnen. Sein großer Traum bleibt aber der WM-Titel in Katar. Auf dem Weg dorthin hat sich Messi im Halbfinale gegen die Kroaten erneut in höchste Höhen gespielt. Messi-Style. Zum Beispiel in der 69. Minute, als er auf dem rechten Flügel einem eigentlich schon halb verlorenen Ball nachjagte. Hart bedrängt vom anderthalb Köpfe größeren Kroaten Josko Gvardiol. Doch um ihn wand sich Messi auf engstem Raum wie um einen Fahnenmast, dann Trippelschritte entlang der Grundlinie, ein Blick, ein Pass, ein Tor.

Lionel Messi schiesst aufs Tor von Kroatiens Torhüter Livakovic und wird dabei von zwei Gegenspielen bedrängt.

Kaum vom Ball zu trennen: Lionel Messi prüft Kroatiens Keeper Dominik Livakovic

Das 3:0 von Julian Alvarez war die endgültige Entscheidung des Spiels – jedoch nur einer der Messi-Momente dieser Partie. Alvarez ersten Treffer (39.), einen Sololauf über 60 Meter, leitete Messi ebenfalls ein: mit einer entscheidenden Ballberührung, die den Konter erst ermöglichte. Oder es gab auch noch das: Kurz vor der Halbzeit rannte Argentiniens Nummer 10 nach einem Ballverlust gar dem kroatischen Gegenspieler hinterher und eroberte das Leder zurück. Das war nicht nur Kunst, das war Wille. 

Der zeichnete die gesamte argentinische Mannschaft aus, die defensiv extrem stabil wirkte und auch den trickreichen Kroaten kaum Torabschlüsse gönnte. Dabei hatte das Turnier für Messi und Co. vor drei Wochen noch mit einem Schock begonnen – einer sensationellen Niederlage gegen Saudi-Arabien.

Seither aber ist das Team zusammengerückt. Und Messi spielt mit 35 Jahren die beste WM seiner Karriere. Drei Tore und drei Vorlagen hatte er vor dem Halbfinale schon auf dem Konto. Nach seiner Gala-Vorstellung vor den knapp 89.000 Zuschauer im Lusail-Stadion ist er mit insgesamt neun Scorerpunkten der gefährlichste Spieler des Turniers.

Elfmetertor durch Lionel Messi im WM-Halbfinale gegen Kroatien

Lionel Messi (r.) lässt Kroatiens Torhüter Dominik Livakovic beim Strafstoß keine Chance

Dabei ist er nicht nur beschütztes Juwel, sondern unumstrittener Führungsspieler. Den wichtigen 1:0-Führungstreffer, mitten in einer starken Phase der Kroaten, besorgte der argentinische Kapitän selbst. Per Foulelfmeter (34.). Wuchtig. Anders als 2016 nicht über, sondern unhaltbar, knapp unter die Latte.

Zweite Chance auf WM-Titel

Kein Wunder, dass ihm schon während des Spiels Lobgesänge der argentinischen Fans entgegenschallten, die zu Zehntausenden auf den Rängen Stimmung machten. Nach dem Schlusspfiff nahm Nationalcoach Lionel Scaloni den Weltstar in eine innige Umarmung. „Wenn ich diese Leute sehe, die Menschen, die Familien, diese Fangemeinde, die uns die ganze Zeit begleitet hat. Jetzt sind wir im Finale, das wollten wir. Es hat unglaublich Spaß gemacht, soweit zu kommen“, sagte Messi. „Das müssen wir genießen.“ 

Nach dem verlorenen Finale gegen Deutschland im Jahr 2014 ist es sein zweiter Anlauf auf den größten aller Titel. Am Sonntag könnte er sich also selbst Lügen strafen.