Medien: Zahlreiche Ex-Bundeswehr Ortskräfte in Afghanistan tot

Die Bundesregierung muss Medienberichten zufolge erstmals einräumen, dass Dutzende der Menschen, die Deutschland aus Afghanistan in Sicherheit bringen wollte, inzwischen ums Leben gekommen sind. Das geht aus der Antwort der Regierung auf eine Anfrage der Linken-Bundestagsabgeordneten Clara Bünger hervor, die dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Demnach listet die Bundesregierung in ihrer Antwort die Ursachen für den Tod der Afghaninnen und Afghanen detailliert auf: 15 Menschen seien eines natürlichen Todes oder bei einem Unfall gestorben.

Neun seien gewaltsam getötet worden: Eine Ex-Ortskraft der Bundeswehr sei bei einem Anschlag der Terrororganisation „Islamischer Staat“ auf eine Moschee gestorben, ein Familienmitglied einer besonders gefährdeten Person bei einem Anschlag vor einer Passbehörde. Ein Verwandter einer Ortskraft sei umgebracht worden, weil er einst den afghanischen Streitkräften angehört habe. Bei sieben Personen sei die Todesursache unklar, eine Ortskraft habe Suizid begangen. Nach Angaben der Bundesregierung sei bei keinem der Todesfälle ein Zusammenhang zu der Tätigkeit für die Deutschen erkennbar.

Usbekistan: Bundeswehr-Evakuierungsflug bei Zwischenlandung in Taschkent (17.08.2021)

Bundeswehr-Evakuierungsflug bei Zwischenlandung in Taschkent (17.08.2021): Taliban erschweren Ausreise

Insgesamt habe die Bundesregierung in den vergangenen 15 Monaten mehr als 36.000 Aufnahmen für ehemalige afghanische Ortskräfte und weitere besonders gefährdete Afghaninnen und Afghanen jeweils einschließlich ihrer berechtigten Familienangehörigen zugesagt. Mehr als zwei Drittel der Menschen, die eine Zusage für Deutschland erhalten haben, konnten demnach inzwischen aus Afghanistan ausreisen – meist über Pakistan. Als problematisch bei den Verbliebenen erweist sich unterem anderem, dass die Taliban einen Reisepass verlangen, den aber nicht alle Ausreisewilligen besitzen.

Die Linke spricht von „sträflichen Versagen“ der Merkel-Regierung

Clara Bünger von der Linkspartei nennt die Bilanz ein „Desaster“. Die alte Bundesregierung unter Angela Merkel habe sträflich dabei versagt, gefährdete Menschen rechtzeitig aus Afghanistan herauszuholen, sagte die Bundestagsabgeordnete dem „Spiegel“. „Und die neue Regierung hat es nicht einmal geschafft, wenigstens diejenigen in Sicherheit zu bringen, die eine Aufnahmezusage erhalten haben.“, kritisiert Bünger.

Bundestag Clara Bünger (Die Linke)

Linken-Abgeordnete Bünger: „Ein Desaster“

Die Bundeswehr war Ende Juni 2021 nach fast 20 Jahren aus Afghanistan abgezogen. Die Taliban hatten Mitte August 2021 ohne größere Gegenwehr der afghanischen Streitkräfte in der Hauptstadt Kabul die Macht übernommen. Seit Juli beschäftigt sich auch ein Untersuchungsausschuss des Bundestages mit den damaligen Vorgängen. Dabei geht es auch um das Schicksal der Ortskräfte, die immer noch auf die Ausreise nach Deutschland warten.

AR/ack (dpa, rtr, afp, „Der Spiegel“)