Meinung: FIFA misst mit zweierlei Maß

Regeln haben nur dann einen Sinn, wenn sie konsequent angewendet werden. Unabhängig davon, wie man zum Nahen Osten und zur Zukunft der Palästinensischen Gebiete steht, ist es sicherlich ein politisches Statement, wenn man bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar die Palästinenserfahne auf dem Spielfeld zeigt. Genau das taten die Spieler Marokkos nach ihrem Sieg im WM-Achtelfinale gegen Spanien und auch zuvor in der Gruppenphase. Auch auf den Stadiontribünen und den Straßen Katars waren viele Fans mit Palästinenserfahnen zu sehen, häufig mit dem Aufdruck „Free Palestine“.

Für die FIFA ist es schwierig, dies zu unterbinden. In der arabischen Welt ist das Thema sehr sensibel, ein hartes Durchgreifen gegen Spieler und Fans würde mit Sicherheit zu großen Kontroversen führen. Doch die FIFA hat sich selbst in die Bredouille gebracht, indem sie bei dieser WM zuvor darauf bestanden hat, dass politische Aussagen nicht erlaubt sind.

Deutschland Torwart Manuel Neuer mit der One Love-Kapitänsbinde

In der Nations League erlaubt, bei der WM nicht: die „One Love“-Kapitänsbinde

Der Streit um die „One Love“-Armbinde war das große Thema der WM-Auftaktwoche. Sieben europäische Teamkapitäne wollten sie tragen, um in Katar, wo gleichgeschlechtliche Beziehungen verboten sind, ein Zeichen für Vielfalt zu setzen. Die FIFA lehnte die Aktion ab und drohte mit nicht näher ausgeführten sportlichen Sanktionen. FIFA-Präsident Gianni Infantino schien entschlossen zu sein, an Fußball-Schwergewichten wie Deutschland und England ein Exempel zu statuieren – für das FIFA-Mantra „keine Politik“, vor allem aber, um den Gastgeber Katar nicht zu verärgern.

FIFA will Ärger mit arabischer Welt vermeiden

Meadows Mark Kommentarbild App

Mark Meadows, DW Sport

Zu den Palästinenserfahnen hat sich die FIFA jedoch bisher nicht geäußert, obwohl sie von der DW und anderen internationalen Medien dazu aufgefordert worden ist. Stattdessen fand der Fußball-Weltverband Zeit, nach dem Achtelfinale ein Video zu veröffentlichen, in dem Infantino sagte, es sei die beste Gruppenphase aller Zeiten gewesen. Auch zum Tod eines Gastarbeiters in einem Hotel, das vom Team Saudi-Arabiens in der Gruppenphase genutzt wurde, äußerte sich Infantino. Kein Wort aber zu den Palästina-Fahnen.

FIFA und Katar schweigen dazu, weil ihnen bewusst ist, dass sie sich damit selbst in die Enge treiben würden. Denn wenn „One Love“-Kapitänsbinden ein politisches Statement sind, dann sind es auch „Free Palestine“-Schilder. Gegen Letzteres vorzugehen, würde allerdings einen Riesenärger mit der arabischen Welt auslösen.

„Nur“ Fahnen eines anderen FIFA-Mitglieds?

Ein Ausweg für die FIFA aus ihrem Dilemma könnte sein, darauf hinzuweisen, dass sie „Palästina“ 1998 als Mitglied aufgenommen hat. Die palästinensische Nationalmannschaft spielt in der WM-Qualifikation der Asiatischen Fußball-Konföderation AFC, unter palästinensischer Flagge. Möglicherweise könnte die FIFA deshalb argumentieren, dass es kein politisches Statement sei, wenn etwa marokkanische Spieler Palästinenserfahnen über das Spielfeld tragen, weil es sich ja lediglich um Fahnen eines anderen FIFA-Mitglieds handele.

Doch diese Argumentation greift nicht. Wenn die FIFA darauf besteht, dass politische Botschaften nicht erlaubt sind, ist das absolut in Ordnung. Dann müssen Verstöße aber auch konsequent und streng geahndet werden. Es kann nicht sein, dass eine Regel in einem Fall gilt, in einem anderen aber nicht. Wenn man das Verbot politischer Botschaften im Fußball nicht gleichmäßig durchsetzt, kann man es auch gleich ganz abschaffen.

Dieser Kommentar wurde aus dem Englischen adaptiert.