Neymar stürmt mit Brasilien ins WM-Viertelfinale

 

„Neymar, Neymar“ schallte es durch das Stadion, noch bevor Brasiliens Superstar zum Elfmeterpunkt schritt. Zwölf Minuten waren da gespielt, kurz zuvor hatte Vinicius Junior das 1:0 für Brasilien geschossen (7). Neymar schnappte sich den Ball, ließ sich viel Zeit, trippelte ein wenig und schob den Ball dann lässig zum 2:0 über die Linie. Es folgte die einstudierte Jubel-Choreographie: Neymar stellte sich in die Mitte der brasilianisch-gelben Spielertraube und seine Kollegen tanzten um ihn herum.

Es sollte nicht der letzte Tanz bleiben. Die Treffer von Richarlison (29.) und Lucas Paqueta (36.) zum 4:1 (4:0)-Endstand sorgten für weitere ausgelassene Samba-Einlagen, an denen einmal sogar Trainer Tite teilnahm. Für Südkorea traf der ehemalige Darmstädter Paik Seung-Ho (76.).

Neymar schießt einen Elfmeter

Frech, aber gekonnt – Neymars Elfmeter

Brasilien Top-Favorit auf den Titel

Es war die größte Frage vor dem Spiel: Kann er spielen oder nicht? Im ersten Gruppenspiel gegen Serbien hatte sich Neymar eine Fußverletzung zugezogen und fehlte in der gesamten Grupenphase. Die ganze Nation bangte um ihn und hoffte, dass er gegen Südkorea endlich wieder zurückkommen könnte. Er konnte spielen, stand sogar in der Startelf.

Und was das für eine Auswirkung auf das Team hatte, merkte man sofort: Der Rekordweltmeister machte von Beginn an Lust aufs Zuschauen und mit dem ersten Torschuss gleich das erste Tor. Der Überraschungs-Achtelfinalist aus Südkorea hatte der Offensivkunst nichts entgegenzusetzen. 

Torhungrig, spielfreudig und unglaublich offensivstark präsentierte sich die gesamte Seleção rund um Neymar. Es war eine Demonstration der Stärke – und ein völlig anderes Auftreten als in der Qualifikation und in der Gruppenphase, als in drei Spielen kein einziges Tor vor der Halbzeit gelang. Spätestens jetzt sollte man Brasilien wieder als Titelfavoriten auf dem Zettel haben. Im Viertelfinale wartet Vizeweltmeister Kroatien, das sich mit einem 3:1 im Elfmeterschießen gegen Japan durchgesetzt hat.

Ein Sieg für Pelé

Es wäre der sechste Titel für den Rekord-Weltmeister, ein Titel, von dem Fußball-Legende Pelé offenbar ebenso träumt wie viele Novizen im Team, die noch keinen einzigen gewonnen haben. Der 82-jährige Krebspatient hatte sich kurz vor dem Spiel aus dem Krankenhaus gemeldet und berichtet, dass er stark und voller Hoffnung sei. „Ich will euch inspirieren, meine Freunde“, so Pelé auf Instagram. „Ich werde das Spiel hier aus dem Krankenhaus verfolgen und werde jeden einzelnen von euch anfeuern. Wir sind gemeinsam auf diesem Weg.“

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Und als Zeichen der Verehrung trugen die Spieler nach dem Schlusspfiff ein riesiges Banner mit Pelés Konterfei auf den Rasen und sendeten auf diese Weise ihre Genesungswünsche in Richtung São Paulo. „Das berührt mich sehr. Ich hoffe, dass er schnell gesund wird und dass er sich gefreut hat über diesen Sieg“, erklärte Neymar nach Spielschluss. Torschütze Vinicius Junior schloss sich sichtlich emotional bewegt an: „Er gibt uns einfach Kraft. Wir widmen Pelé diesen Sieg und wir hoffen, dass wir für ihn Weltmeister werden können.“

Neymar unter Beobachtung

Pelé hat die WM dreimal gewonnen, Neymar noch nie. Der letzte Titel ist lang her: 2002 gewannen ihn die Brasilianer mit einem 2:0 im Finale gegen Deutschland zum vorerst letzten Mal. Brasilien wartet also seit 20 Jahren auf den sechsten Triumph und nur mit einem WM-Titel würde sich Neymar in die Riege der Weltmeister um Romario oder Ronaldo einreihen.

Für ihn läuft es immerhin im dritten Anlauf um einiges besser als bei seinen ersten beiden WM-Auftritten: 2014 brach er sich im Viertelfinale der Heim-WM in Brasilien den Rückenwirbel und verpasste das historische 1:7-Halbfinale gegen Deutschland. Vier Jahre später in Russland schied Brasilien mit einem schwachen Neymar im Viertelfinale aus. „Ich hatte Angst, das Ende dieser WM nicht erreichen zu können“, erklärte Neymar im ZDF. „Ich habe bis heute morgen noch mit den Physios gearbeitet.“

Und so steht jetzt wieder vor allem das Sportliche im Vordergrund, die Kritik dürfte leiser werden. Zuletzt hatte nicht nur die Knöchel-Verletzung für teilweise heftige Reaktionen in den Sozialen Netzwerken gesorgt, sondern auch seine politische Gesinnung. Es ist kein Geheimnis, dass Neymar den kürzlich abgewählten rechtsgerichteten brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro unterstützt. 

Nun hat Neymar geliefert. Er war nicht der Beste auf dem Platz, aber er ist nun neben Pelé und Ronaldo einer von drei Brasilianern, die bei drei verschiedenen Weltmeisterschaften getroffen haben. Mit nun 76 Länderspieltoren ist er zudem nur noch ein einziges vom großen Pelé entfernt. Und vielleicht ist Brasiliens Superstar gerade mit der Seleção auf dem Weg zum Höhepunkt seiner Karriere. Denn das sei sein größter Traum, so Neymar: „Drei Spiele fehlen uns noch. Wir sind bestens eingestellt und mental voll darauf fixiert. Ich hoffe, dass wir diese WM mit einem Titel krönen können.“