Nizza-Terrorprozess: Ein Stück Aufarbeitung

Die Promenade des Anglais in Nizza an der südfranzösischen Côte d’Azur ist ein Stück Paradies auf Erden. Besonders an Sommertagen gehen auf dem breiten Bürgersteig der Küstenstraße Familien mit ihren Kindern spazieren, Jogger und Inlineskater laufen und gleiten an ihnen vorbei. Am Steinstrand ein paar Meter unterhalb der Straße tummeln sich Touristen und baden im türkisfarbenen Wasser. Die Straße, die seit 2021 Teil des UNESCO-Weltkulturerbes ist, ist Nizzas Zentrum des „Farniente“, des genüsslichen Nichtstuns.

Doch am 14. Juli 2016, am französischen Nationalfeiertag, verwandelte ein Attentäter die Prom‘, wie man sie in Nizza nennt, in einen Ort des Schreckens. Kurz nach dem traditionellen Feuerwerk fuhr er mit einem Lastwagen in die Menge, tötete in einer nur wenige Minuten dauernden Attacke 86 Menschen und verletzte Hunderte. Er selber starb am Tatort.

Jetzt müssen sich acht Angeklagte – einer von ihnen in Abwesenheit, da auf der Flucht – als mutmaßliche Komplizen und Helfer vor Gericht verantworten. Überlebenden und Angehörigen der Opfer könnte der Prozess ein stückweit helfen, mit dem Trauma zu leben. Mehr als 800 Zivilkläger begleiten den Prozess.

Nizza nach dem Anschlag (23.07.2016)

Einer von ihnen ist der Polizist Patrick Prigent. An jenem Abend war der inzwischen 60-Jährige privat an der Prom‘ und entkam dem Angreifer nur durch Zufall. „Ich war gerade unter einer Pergola, einem Sonnendach. Das war zu niedrig, als dass ein LKW hätte durchfahren können. Und oben drüben wuchsen ein paar Palmen. Ich war sozusagen in einer geschützten Zone“, erzählt er gegenüber der DW, während er die Promenade entlangläuft. „Dann sah ich die Spur, die der LKW hinterlassen hatte. Alle Menschen zu meiner Linken waren tot, manche waren so flachgedrückt wie meine zwei Hände. Es war ein unerträglicher Anblick. Mein Gehirn hat die Schreie der Leute und den Geruch von Blut ausgeblendet. Als ob es mich beschützen wollte. Der Tod war an mir vorbeigefahren, ohne mich zu sehen.“

Panikattacken, Alkohol und das Überlebensschuld-Syndrom

Prigent war damals mit ein paar Freunden unterwegs, die er während der Attacke aus den Augen verlor. Wie er selbst waren sie unversehrt – zumindest körperlich. Erst am nächsten Tag, nachdem der Schock nachgelassen hatte, wurde Prigent bewusst, was er durchgemacht hatte. Seitdem ist er in psychologischer Behandlung. „Das erste Jahr vertiefte ich mich in Arbeit, aber dann konnte ich irgendwann nicht mehr“, erinnert er sich. „Mein Arzt schrieb mich krank für das darauffolgende Jahr, welches ich hauptsächlich zu Hause verbrachte. Und während einer gewissen Periode ertränkte ich meinen Kummer in Alkohol.“ Inzwischen hat Prigent so etwas wie ein neues Gleichgewicht gefunden und arbeitet halbtags. Dennoch habe sein Leben sich grundlegend verändert, meint er.

Patrick Prigent

Er hat überlebt – aber sein Leben wird nie mehr sein wie vor dem Anschlag: Patrick Prigent

Denn er hat das sogenannte Überlebensschuld-Syndrom, unter dem viele Betroffene von Anschlägen oder schrecklichen Unfällen leiden: „Seit der Attacke frage ich mich, warum ich überlebt habe und nicht tot bin wie die anderen. Ich fühle mich schuldig. Das macht mein Leben anstrengend. Ich habe das Gefühl, ich muss für jeden zusätzlichen Tag dankbar sein. Es ist, als wäre da eine Schlange in mir, die mich immer wieder beißt und zum Weinen bringt“, so Prigent. „In meinem Job bei der Polizei kann ich nicht mehr auf Streife gehen. Beim kleinsten Geräusch, zum Beispiel einem Skateboarder hinter mir, bekomme ich Panik. Ich bin hypersensibel geworden.“

Prozess kann Opfern bei der Bewältigung helfen

Wie es Überlebenden und Angehörigen von Opfern geht, wird im Mittelpunkt des nun beginnenden Terrorprozesses vor einem Pariser Sonderschwurgericht stehen. Den können Zivilkläger und Journalisten nicht nur live in einem Saal in Nizza per Videoübertragung mitverfolgen. Über mehrere Wochen hinweg werden auch Opfer und Überlebende ihre Version der Geschehnisse darlegen können.

Nizza, Frankreich | Promenade des Anglais

Dieses Denkmal an der Promenade des Anglais erinnert an die Opfer des Anschlags vom 14. Juli 2016 in Nizza

„Das wird ein wichtiger Moment für viele Zivilkläger sein“, sagt Antoine Mégie gegenüber der DW. Er ist Politologe an der Universität Rouen in Nordfrankreich und Mitglied eines 15-köpfigen Forschungsteams, das historische Gerichtsverhandlungen in Frankreich analysiert – das sind all die, die man für die Archive gefilmt hat. Dazu gehören unter anderem Fälle von Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Terrorattacken wie die in Paris im Januar und November 2015 und in Nizza im Juli 2016. Der Prozess zu Nizza wird die 15. gefilmte Gerichtsverhandlung sein.

Im Januar 2015 töten Terroristen 17 Menschen bei Attacken auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, auf Polizisten und einen jüdischen Supermarkt. Im November desselben Jahres massakrierte ein Terrorkommando 130 Menschen bei Anschlägen auf das Fußballstadion Stade de France, auf Restaurants, Kneipen und die Konzerthalle Bataclan.

„Französische Terrorprozesse machen deutlich, was für ein Trauma solche Anschläge in unserer Gesellschaft hinterlassen. Die Gerichtsverhandlungen sind daher höchst politisch und symbolträchtig“, meint Mégie. „Die Regierung stellt diese Fälle auch als Symbol unseres westlichen Rechtsstaates dar: Sie sind die Antwort der Demokratie auf die Barbarei.“

Politikwissenschaftler Antoine Mégie, Universität Rouen

Politikwissenschaftler Antoine Mégie vor dem Gerichtssaal in Paris, in dem auch der Nizza-Prozess stattfinden wird

Frankreichs Antiterrorgesetze gehören zu den härtesten der Welt, sie wurden seit 2015 weiter verschärft. Aus Sicht von Mégie haben die Richter es in diesen Prozessen dennoch bisher geschafft, ein rechtsstaatliches Gleichgewicht zu wahren. „Die Verteidigung hatte immer die Möglichkeit, Stellung zu nehmen“,  sagt er. „Die Urteile waren fair und unbefangen gemäß den Standards des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte.“

Der Täter kann nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden

Dieser Justiz wird sich der 31-jährige tunesische Attentäter nicht unterwerfen müssen, weil Polizisten ihn erschossen haben. Ermittler gehen davon aus, dass er sich ohne Kontakt zum sogenannten „Islamischen Staat“ radikalisiert hat. Die Terrororganisation bekannte sich wenig später zu dem Anschlag.

Vor Gericht stehen nun sieben Männer und eine Frau. Drei der Angeklagten wirft man vor, Teil einer Terrorgruppe gewesen zu sein und gewusst zu haben, dass der Angreifer militante islamistische Ideologien unterstützte. Zwei von ihnen drohen deswegen bis zu 20 Jahre Haft, dem dritten lebenslänglich. Die weiteren fünf Angeklagten könnten zwischen fünf und zehn Jahren Gefängnisstrafe erwarten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen illegalen Waffenbesitz vor und dass sie dem Angreifer bei der Vorbereitung eines Verbrechens geholfen hätten.