Nun doch westliche Kampfpanzer für die Ukraine?

Die Ukraine bittet ihre westlichen Verbündeten immer wieder um Kampf- und Schützenpanzer. Sie hat bisher von osteuropäischen NATO-Staaten Kampf- und Schützenpanzer sowjetischer Bauart erhalten. Auch Flugabwehr- oder Bergepanzer westlicher Hersteller wurden geliefert, aber eben noch keine Kampf- und Schützenpanzer wie der Marder oder den Leopard 2 aus deutscher Produktion.

Bundeskanzler Olaf Scholz wollte solche Panzer lange Zeit nicht liefern, solange sie auch von anderen Bündnispartnern nicht bereitgestellt werden. Es werde keinen deutschen Alleingang in dieser Frage geben, hat Scholz immer wieder betont. Jetzt gerät die Bundesregierung unter Druck. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat der Ukraine bereits die Lieferung „leichter Kampfpanzer“ zugesagt. US-Präsident Joseph Biden deutet gleichzeitig an, die USA könnten Schützenpanzer liefern. Um welche Modelle geht es? Und was können sie – und was nicht?

Spähpanzer AMX-10 RC

Macrons Ausdruck „leichter Kampfpanzer“ ist beim AMX-10 RC irreführend, zumindest stark übertrieben. Denn ein wirklicher Kampfpanzer ist der AMX-10 RC nicht. Frankreich baut mit dem Leclerc durchaus waschechte Kampfpanzer, die mit dem deutschen Leopard 2 vergleichbar sind, aber die soll die Ukraine offenbar nicht bekommen.

Mehrere französische AMX-10 RC-Panzer im Schnee

Räder statt Ketten machen den Panzer wendiger, leiser und leichter

Der AMX-10 RC (das RC steht für roues-canon, also Räder-Kanone) ist ein allradgetriebener Spähpanzer zur Gefechtsaufklärung mit vergleichsweise großer 105-mm-Kanone, der seit 1976 gebaut wird und immer wieder verbessert wurde. Weil er vorwiegend zur Gefechtsaufklärung verwendet wird, muss ein Spähpanzer vor allem beweglich und leise sein. Durch Radantrieb und ein geringes Gewicht erreicht der AMX-10 RC eine beachtliche Höchstgeschwindigkeit von 85 km/h auf der Straße und eine Reichweite von bis zu 800 km – Kettenpanzer kommen nur etwa halb so weit. Das geht allerdings auf Kosten der Panzerung. Gegen Kampfpanzer hätte der AMX-10 RC daher trotz seiner großen Kanone kaum eine Chance, aber das ist auch nicht seine Aufgabe. Bewährt hat sich das französische Modell bei Kampfeinsätzen im Tschad, im Irak, im Kosovo, im Irak, in Afghanistan und in Mali.

Schützen-/Spähpanzer Bradley M2/M3

Die US-Regierung zieht die Lieferung von Panzern des Modells Bradley in Erwägung, hat sich aber noch nicht festgelegt. Es gibt vom Bradley zwei ähnliche Modelle, den M2 und den M3, die aber unterschiedliche Funktionen haben. Der M2 wird als Schützenpanzer verwendet, der technisch fast gleiche M3 dient vorwiegend als Spähpanzer. Beide gibt es seit 1981, und sie wurden, wie fast alle Militärfahrzeuge, mehrfach weiterentwickelt.

Amerikanischer Bradley-Panzer mit gehisster US-Flagge in der Wüste

Der amerikanische Bradley-Schützenpanzer hat sich vor allem im Golf- und im Irakkrieg bewährt

Der M2-Schützenpanzer dient einem Infanterietrupp von neun bis zehn Soldaten als Transportmittel im Gefecht und als Schutz. Bewaffnet ist er mit einer 25-mm-Maschinenkanone und einem Maschinengewehr, außerdem mit mehreren panzerbrechenden Lenkflugkörpern. Er kann bis zu 1,20 Meter tiefe Gewässer durchfahren, ist bis zu 65 Stundenkilometer schnell und hat eine Reichweite von etwa 400 Kilometern. Er kann von schweren Transportflugzeugen befördert werden. Der einzige wesentliche Unterschied zwischen M2 und M3 besteht darin, dass der M3 statt der Infanteristen mehrere Reserve-Lenkflugkörper mitführt.

Gedacht ist der Bradley M2 im Gefecht als Einheit zusammen mit dem amerikanischen Standard-Kampfpanzer M1 Abrams, um gegnerische Panzer und Infanterie zu bekämpfen. Der Abrams bildet dann wegen seiner besseren Panzerung und stärkeren Bewaffnung die Spitze, der M2 den Flankenschutz. Allerdings denkt die US-Regierung derzeit eben nicht an eine Lieferung des M1 an die Ukraine, so dass dort das Konzept des Verbundes der beiden Panzertypen wegfiele.

Der Bradley M2/M3 ist seit seiner Einführung 1981 mit fast 7000 Stück einer der meistgebauten Schützen- und Spähpanzer der Welt. Er kam in allen größeren Militäroperationen der USA zum Einsatz, darunter im Zweiten Golfkrieg 1991 und 2003 im Irakkrieg.

Der Ukraine fehlen bisher Kampfpanzer und Schützenpanzer

Was sich die Ukraine wünscht, aber auch nach den jüngsten Äußerungen aus Paris und Washington nicht bekommt, sind Kampfpanzer. Frankreich wird vorerst sein Modell Leclerc nicht liefern, die USA nicht ihren M1 Abrams. Und da Bundeskanzler Scholz keine deutschen Alleingänge will, wird die Ukraine auch auf den deutschen Kampfpanzer Leopard 2 warten müssen.

Kampfpanzer vom Typ Leopard 2 in voller Fahrt

Der Leopard 2 ist der Standard-Kampfpanzer der Bundeswehr

Was die Ukraine bekommen hat, sind zum Beispiel 30 deutsche Flakpanzer Gepard und schwere Panzerhaubitzen 2000, aber auch gepanzerte Truppentransporter vom US-Typ M113 aus verschiedenen westlichen Ländern.

Fazit: Auch wenn der zugesagte französische AMX-10 strenggenommen kein Kampfpanzer ist, erhöht Macron damit den Druck auf die Bundesregierung. Und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj tut es auch, wenn er sagt: „Frankreich hebt die Verteidigungsunterstützung für die Ukraine auf ein neues Level.“

In die gleiche Richtung geht die Aussage von Joseph Biden, dass die USA die Lieferung von Schützenpanzern des Typs Bradley erwägen. Da der Bradley etwa dem deutschen Modell Marder entspricht, drängten bereits zahlreiche deutsche Politiker darauf, die bisherige Zurückhaltung aufzugeben und mindestens den Marder an Kiew zu liefern.

Und genau diese Zurückhaltung bröckelt offenbar. Laut Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ heißt es aus Regierungskreisen, die Bundesrepublik werde ihre militärische Unterstützung für die Ukraine auf eine neue Stufe heben, womit die Lieferung des Marder gemeint sein könnte. 

Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) kündigte bei einem Besuch im norwegischen Oslo einen zeitnahen Entschluss der Bundesregierung über Lieferungen von Panzern an die Ukraine an. Es werde zügig beraten und dann würden Entscheidungen getroffen.