Robert Lewandowski erfüllt sich mit WM-Tor einen Kindheitstraum

„Heute wurde alles, was ich in mir trug, die Träume, die Bedeutung dieses Ereignisses, all diese Träume aus meiner Kindheit, wahr. Es war so bedeutsam“, sagte ein mittlerweile wieder gefasster Robert Lewandowski nach seinem zweiten Auftritt bei der Fußball-WM mit Polen gegen Saudi-Arabien. Nach seinem Treffer zum vorentscheidenden 2:0 hatte er tränenüberströmt eine gefühlte Ewigkeit auf dem Rasen gelegen und damit einen seltenen Moment der Rührung gezeigt. „Je älter ich werde, desto emotionaler werde ich“, sagte Lewandowski nach dem Spiel. „Ich wollte immer ein Tor bei der Weltmeisterschaft schießen, und dieser Traum ist wahr geworden.“

Polens Torjäger konnte seine Erleichterung nicht verbergen, nachdem er in seinem fünften Spiel bei der WM endlich sein erstes WM-Tor erzielt und sich damit einen lang gehegten Wunsch erfüllt hatte. Nachdem Saudi-Arabien über weite Strecken des Spiels die Ruhe bewahrt hatte und mit der gleichen Überzeugung auftrat wie beim Überraschungssieg gegen Argentinien im ersten Gruppenspiel, nutzte Lewandowski die Gunst der Stunde, als er dem Verteidiger Abdulelah Almalki an der Strafraumgrenze den Ball abluchste und in aller Ruhe an Torhüter Mohammed Al-Owais vorbei zum 2:0-Sieg für Polen einschob.

Rolle im neuen System finden

Polens Cheftrainer lobte das Durchhaltevermögen seines Stürmers, nachdem der im Auftaktspiel gegen Mexiko noch einen Elfmeter verschossen hatte. „Ich weiß, wie er das letzte Spiel erlebt hat“, sagte Czeslaw Michnieicz. „Es tut mir sehr leid, dass er heute nicht so viel Glück hatte, er hat den Pfosten getroffen und der Torwart hat gerettet. Er hätte einen Hattrick erzielen können.“

Mit seinem 77. Länderspieltor zog Lewandowski mit dem brasilianischen Star Pelé gleich und rückte in der Liste der erfolgreichsten internationalen Torschützen auf Platz zehn vor. Obwohl der Ex-Bayern-Stürmer in seiner Karriere sowohl im Verein als auch in der Nationalmannschaft sehr erfolgreich war, kam er seit Michniewiczs Ernennung zum polnischen Nationaltrainer im Januar nicht mehr wie gewohnt zum Zuge – vor allem, weil er im polnischen Spielsystem nun als Einzelstürmer eingesetzt wird.

Robert Lewandowski im Gespräch mit Nationaltrainer Czeslaw Michniewicz

Manchmal verschiedener Auffassung, welches das beste System ist: Lewandowski (l.) und Michniewicz (r.)

Lewandowski, der es gewohnt ist, in Systemen zu spielen, in denen die Flügelspieler ihm zahlreiche Torchancen bieten, beklagte nach dem torlosen Unentschieden im ersten Spiel der polnischen Nationalmannschaft den Mangel an Flanken, die zu ihm gelangen. „Natürlich wünsche ich mir als Stürmer mehr Ballbesitz“, sagte er. „Es ist sehr schwer für einen Stürmer, so weit hinten zu stehen. Aber wenn der Trainer diese Taktik hat, dann müssen wir uns darauf einstellen. Wir müssen uns nach vorne verbessern, wir müssen mehr riskieren.

Mit dem verschossenen Elfmeter gegen Mexiko – erst der neunte Fehlversuch bei insgesamt 80 Versuchen in seiner Karriere – war der, der Druck auf Lewandowski lastete, noch größer geworden. Seine Mannschaftskameraden glaubten dennoch an ihren Talisman und Kapitän. „Für ihn ist die Mannschaft wichtiger“, sagte Jan Bednarek. „Er schluckt seinen Stolz herunter und konzentriert sich wirklich darauf, so hart wie möglich für uns zu arbeiten.“ Und der Innenverteidiger von Aston Villa behielt Recht, denn Polen erzielte die ersten beiden WM-Tore aus dem Spiel heraus seit 2002 und hielt damit die Hoffnung aufrecht, zum ersten Mal seit 36 Jahren wieder die K.o.-Runde zu erreichen.

Erwartungen eines ganzen Landes auf den Schultern

Nach dem Spiel sagte einer der wenigen polnischen Fans, die den Sieg miterlebt hatten, zu DW: „Wir fühlen uns großartig, es war ein sehr schwieriges Spiel, aber wir mussten gewinnen, denn das nächste Spiel ist gegen Argentinien. Heute hatten sie so viel Energie, sie haben 90 Minuten lang sehr gut gespielt.

Spielszene Robert Lewandowski im Trikot des FC Barcelona gegen Bayern München

Nach insgesamt 13 Jahren beim BVB und den Bayern wechselte Lewandowski im Sommer nach Barcelona

In diesem Jahr hat sich für Lewandowski sowohl auf internationaler als auch auf nationaler Ebene viel verändert. Der siebenmalige Bundesliga-Torschützenkönig wechselte nach acht äußerst erfolgreichen Spielzeiten beim FC Bayern, mit dem er jede Menge Titel sammelte, zum FC Barcelona, wo er eine neue Herausforderung suchte.

Nachdem er in den vergangenen sieben Spielzeiten bei den Bayern in allen Wettbewerben mindestens 40 Tore erzielt hatte, waren die Erwartungen an den Stürmer erneut hoch, doch Lewandowski und die Katalanen schieden in der Champions League bereits in der Gruppenphase unter anderem gegen seinen ehemaligen Verein aus.

„Wollte bei einer WM treffen“

Trotz der Enttäuschung in Europas wichtigstem Wettbewerb enttäuschte Lewandowski in La Liga nicht: Mit 13 Toren in 14 Spielen führte er Barcelona an die Spitze der spanischen Liga und will am Ende der Saison eine weitere Trophäe in seinen bereits vollen Schrank stellen. Zuerst aber, will er in Katar so erfolgreich sein wie möglich. Und der Tor-Bann ist jetzt ja gebrochen. Eine Marke, die er unbedingt erreichen wollte, bevor seine Laufbahn irgendwann endet.

„Ich bin mir bewusst, dass dies meine letzte WM sein könnte“, sagte er. „Und ich wollte unterstreichen, dass ich bei Weltmeisterschaften gespielt und dort auch ein Tor erzielt habe.“ Und vielleicht kommt ja sogar noch ein Treffer oder mehrere hinzu. Schließlich bestreitet Polen noch mindestens ein weiteres WM-Spiel: am Mittwoch im letzten Gruppenspiel gegen Argentinien.

Der Text wurde aus dem Englischen adaptiert.