Soziales Pflichtjahr: Kitt für die Gesellschaft?

„Jeder sollte einmal im Leben etwas tun für andere Menschen, die ihm fremd sind. Wir brauchen neue Modelle, in denen wir Jung und Alt miteinander ins Gespräch bringen und die Überzeugung einüben, dass wir auch für andere da sein müssen.“

Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor einigen Tagen erneut mehr soziales Engagement hierzulande einforderte, dürfte er – als Positivbeispiel – an Menschen wie Victoria Culoso gedacht haben. Die 21-Jährige aus Bonn könnte mit ihrer Geschichte in jeder Werbekampagne für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) auftauchen.

Eine junge Frau, die eigentlich nach der Schule in die Wirtschaft gehen will, deren große Schwester ihr aber zuredet, ein FJS zu machen und die schließlich durch ihre Arbeit in einer Einrichtung für Alkoholsüchtige ihre Bestimmung findet. Culoso sagt: „Diese Erfahrung hat mich komplett verändert. Es hat mich enorm weitergebracht, ich bin viel selbstbewusster geworden. Das war ein richtig gutes Jahr für mich.“

Zehn Prozent der Schulabgänger machen Freiwilligendienst

Jahr für Jahr verlassen um die 800.000 junge Menschen in Deutschland die Schule, für sie stellt sich die Frage: Ausbildung, Studium oder Job? Erst einmal chillen oder „Work and Travel“ in Australien oder Neuseeland? Oder aber einen Freiwilligendienst absolvieren? Etwa jeder zehnte Schulabgänger entscheidet sich wie Culoso für ein Engagement für die Gesellschaft. Sie hat es zu keinem Zeitpunkt bereut, obwohl gerade ihr Umfeld zunächst sehr skeptisch gewesen sei.

„Meine Familie und meine Freunde waren erst einmal ein wenig schockiert und haben gefragt: ‚Bist du dir sicher, dass du das mit suchtkranken Menschen hinbekommst?‘ Es ist ja schon eine Hausnummer, ich war zu dem Zeitpunkt gerade einmal 19 Jahre alt. Aber ich habe innerhalb von zwei Monaten meinem ganzen Umfeld auch diese Vorurteile, die sie gegenüber den Menschen hatten, vollständig genommen.“ Am Ende seien alle sehr stolz gewesen, dass sie das gemeistert und ein so gutes Feedback bekommen habe.

So gut, dass Culoso auch nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr als Aushilfe in der „Villa Noah“ jobbt, neben ihrer Ausbildung als Sozialassistentin. Die junge Bonnerin hat gemerkt, dass das genau ihr Ding ist, statt in der Wirtschaft will sie später als Heilerziehungspflegerin für Menschen mit körperlicher, geistiger oder seelischer Behinderung arbeiten. Ist ihr Werdegang nicht also ein Paradebeispiel dafür, dass Steinmeiers Vorschlag eines sozialen Pflichtjahrs noch viel mehr junge Menschen für den sozialen Bereich begeistern könnte?

Victoria Culoso verneint: „Nicht jeder Mensch ist für den sozialen Bereich gemacht!“ Manche seien von der Psyche her stärker, manche schwächer. „Wenn mir jemand mit 16 Jahren gesagt hätte: ‚Du bist gezwungen, jetzt ein Jahr in einer Einrichtung zu arbeiten‘, weiß ich nicht, ob ich dazu Lust gehabt hätte. Und wenn einem die Arbeit keinen Spaß macht, nimmt man auch nichts davon mit.“

Steinmeier sieht Zusammenhalt gefährdet

„Wir müssen Zusammenhalt wieder herstellen. Meine Überzeugung bleibt: Das wird schwierig, wenn wir nicht Gelegenheiten schaffen, in denen wir Zusammenhalt einüben.“ 

Steinmeier hält Rede zur Lage der Nation

Mechthild Greten hat einen ziemlich guten Überblick über den Zusammenhalt in der Gesellschaft, der dem Bundespräsident so Sorgen macht. Sie ist Leiterin der Stabsstelle Presse und Öffentlichkeitsarbeit der Caritas Bonn, die Projekte wie die „Villa Noah“ für alkoholabhängige Menschen verantwortet.

Greten sagt: „Dieser Solidaritätsgedanke tritt in der Gesellschaft durch die Globalisierung, durch soziale Medien, die vereinzeln, und durch den Kapitalismusgedanken immer mehr in den Hintergrund. Und dann hat Corona noch dazu beigetragen, dass sich immer mehr Menschen zurückgezogen haben und in digitalen Welten unterwegs sind. Durch die vielen Krisen sind viele Menschen außerdem sehr erschöpft. Und wir als Caritasverband merken natürlich auch an den Menschen, die zu uns kommen, dass die Schere zwischen Arm und Reich sehr weit geöffnet ist.“

Mechthild Greten

„In vielen Berufen der Gesellschaft braucht man soziale Kompetenzen und den Blick über den Tellerrand“ – Mechthild Greten

Keine gute Entwicklung also, doch da sind auf der anderen Seite auch die vielen Ehrenamtlichen, die sich gerade in diesen Zeiten engagieren und einbringen. Stolze 300 sind es allein bei der Caritas in Bonn, darunter viele Seniorinnen und Senioren, die im Rentenalter eine sinnvolle Beschäftigung suchen. Plus die jungen Freiwilligen, die in der Suchthilfe, in Altenheimen und in der Wohnungslosenhilfe mit anpacken.

„Was Herr Steinmeier meint“, so Mechthild Greten, „ist letztendlich auch, einen sozialen Kitt zu installieren, aus seiner eigenen Blase herauszutreten und zu überlegen, wie geht es eigentlich denjenigen, auf die viele Menschen herunterschauen, wie Hartz-IV-Empfänger oder Migranten? Genau das macht ja eine Gesellschaft krank. Und wenn junge Menschen am Anfang ihres Berufslebens sehen, es gibt Menschen, die leben anders und haben mit anderen Problemen zu kämpfen, dann macht sie das reifer und eine Gesellschaft lebens- und liebenswerter.“

Jugendliche kritisieren Steinmeiers Vorschlag

Bundespräsident Steinmeier musste trotzdem für seinen Vorschlag, nach der Schule ein soziales Pflichtjahr einzuführen, viel Kritik einstecken. Ausgerechnet die Jugendlichen, die mit am meisten in der Corona-Pandemie gelitten haben, die in Zukunft voraussichtlich ein gewaltiger Schuldenberg erwartet und deren Lebensgrundlage durch den Klimawandel Tag für Tag zerstört wird, sollen jetzt auch noch verpflichtend einen sozialen Dienst absolvieren? Mechthild Greten freut sich über jeden, der bei ihr für ein freiwilliges soziales Jahr anklopft, ein Pflichtjahr sieht die Caritas-Pressesprecherin allerdings auch kritisch.

„Ich glaube, dass soziales Engagement für jeden Menschen ein Gewinn ist. Aber es nützt nichts, wenn dazu Menschen gezwungen werden. Denn vieles im sozialen Bereich hat mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun und mit sozialen Kompetenzen und erfordert schon eine gewisse Offenheit. Ich glaube, das FSJ wird auf freiwilliger Basis bleiben, vielleicht mit einem Anreiz finanzieller Art, damit es an Image gewinnt und in der Gesellschaft mehr anerkannt wird.“

Bringschuld gegenüber der Gesellschaft?

„Wenn es bessere Ideen gibt als die der Pflichtzeit, bin ich gern bereit, die zu diskutieren. Was ich nur nicht möchte, ist, dass auch diese Debatte wieder im Nichts endet. Die Demokratie ist kein Supermarkt. Da kann man nicht hingehen und sich das, was einem gefällt, aus dem Regal nehmen.“

Vielleicht sollte Bundespräsident Steinmeier einmal bei Jens Kreuter durchklingeln, denn der heutige Geschäftsführer der entwicklungspolitischen Organisation Engagement Global hat vor zehn Jahren den Bundesfreiwilligendienst und den Jugendfreiwilligendienst aufgebaut. Der Jurist und Theologe war außerdem bis 2011 der letzte Bundesbeauftragte für den Zivildienst, ehe die Wehrpflicht ausgesetzt wurde.

Kreuter sagt: „Die Frage des Verhältnisses des Einzelnen zur Gesellschaft hat sich jetzt im Kern reduziert auf das Zahlen von Steuern. Und das Befolgen der Gesetze. Solange ich nicht bei Rot über die Ampel gehe und solange ich meine Steuern zahle, habe ich alles getan, was der Staat von mir will. Und da muss man nicht lange drüber nachdenken, um zum Ergebnis zu kommen, dass das nicht reicht. Eine Gesellschaft ist zwingend darauf angewiesen, dass Menschen darüber hinaus etwas füreinander, auch für das Gemeinwesen, tun.“

Soziales Pflichtjahr als Teil des Bildungsauftrages

Wie nach 2015, als Hunderttausende ehrenamtliche Helfer in Deutschland die Integration der Geflüchteten unterstützten. Wie 2021, als sich jeden Tag Tausende Freiwillige ins Ahrtal aufmachten, um den Opfern der Flutkatastrophe die Häuser zu entrümpeln. Oder 2022, als es darum ging, Menschen aus der Ukraine so schnell wie möglich ein Dach über dem Kopf zu geben. Die Hilfsangebote waren jedes Mal überwältigend, doch auch Kreuter sieht mit Sorge, dass sich verschiedene Milieus in Deutschland in den letzten Jahren immer weiter voneinander abkapseln.

„Bei einem sozialen Jahr geht es in keiner Weise um irgendetwas Negatives oder um eine Strafe. Es geht um ein Lernen, um einen Bildungsauftrag. Wir bilden als Gesellschaft unsere jungen Leute aus, wir bringen ihnen Lesen und Schreiben bei. Und das ist auch nicht fakultativ, sondern wir haben eine Schulpflicht. Und zu diesem Bildungsauftrag gehört auch, sozialen Zusammenhalt zu lernen. Lesen und Schreiben klappt ganz gut, da haben wir unser Bildungsziel erreicht, aber das andere könnte noch besser werden.“

Jens Kreuter Geschäftsführer von Engagement Global

„Wenn der eingefleischte AfD-Wähler sieht, mit welcher Liebe seine hoch demente Mutter von einem afghanischen Jugendlichen gepflegt wird, wird der seine Meinung ändern“ – Jens Kreuter

Kein anderes Land der Welt habe so gute Freiwilligendienste wie Deutschland, sagt Jens Kreuter. Doch wie wäre es, wenn nicht nur zehn Prozent eines Jahrgangs sich dafür entscheiden würden, sondern jeder Dritte? Der Geschäftsführer von Engagement Global befürwortet deshalb Steinmeiers Initiative, weiß aber auch, dass eine politische Mehrheit für eine Änderung des Grundgesetzes derzeit illusorisch ist. Wichtig sei aber allein schon die gesellschaftliche Debatte darüber. Was unweigerlich zu der Frage führt: Ging es der deutschen Gesellschaft zu Zeiten des Zivildienstes vielleicht sogar besser?

„Jeder junge Mensch, der sah, was mit seinen Klassenkameraden passierte, wurde auf das Thema gestoßen und musste sich darüber Gedanken machen. Was ist eigentlich meine Rolle in der Gesellschaft? Wie sehe ich mich? Und sei es die Auseinandersetzung mit den verteidigungs- und friedenspolitischen Fragen. Aber Wehrpflicht und Zivildienst erzwangen eine Auseinandersetzung mit dem Gemeinwesen, unter der man heute durchtauchen kann, wenn man will.“