Stadionausschreitungen in Indonesien: Die unausweichliche Katastrophe

Es war als Topspiel angesetzt und endete in einer Katastrophe: Bei schweren Ausschreitungen nach dem Spiel zwischen Arema Malang und Persebaya Surabaya kamen nach Angaben der indonesischen Polizei mindestens 125 Menschen ums Leben. Nach einem Platzsturm der Zuschauer reagierte die Polizei mit massivem Einsatz von Tränengas. Es kam zur Massenpanik, in der Zuschauer wie Polizisten ihr Leben verloren. 

Es ist die größte Stadion-Katastrophe in der Geschichte Indonesiens und die drittgrößte der Fußball-Geschichte weltweit. Stand jetzt kam bei den Ausschreitungen ein Mensch weniger ums Leben, als bei der Stadion-Tragödie in Ghanas Hauptstadt Accra im Jahr 2001 mit 126 Toten und bei der mit Abstand schlimmsten Stadionkatastrophe der Geschichte 1964 im Estadio Nacional in Perus Hauptstadt Lima, bei der nach offiziellen Angaben 328 Menschen starben. 

Der Spielbetrieb in Indonesiens erster Liga wurde mit sofortiger Wirkung unterbrochen, Arema Malang wurde mit einer Heimspielsperre bis zum Ende der Saison belegt und der indonesische Fußballverband PSSI hat eine Untersuchung der Katastrophe eingeleitet. Für Kenner des indonesischen Fußballs kommt diese Katastrophe allerdings nicht völlig überraschend. „Schlechte Organisation, katastrophale Infrastruktur, miserable Polizeiarbeit und eine Kultur der Gewalt in Teilen der Fanszenen – es war eine Katastrophe mit Ansage“, sagte der britische Fan-Experte James Montague, der für die Recherche seines Buches „1312: unter Ultras“ mit indonesischen Fangruppierungen unterwegs gewesen ist, der DW. 

Zuschauer strömen nach Spiel auf den Platz des Kanjuruhan-Stadions - die Katastrophe nimmt ihren Lauf

Beginn einer Katastrophe: Zuschauer stürmen den Innenraum des Kanjuruhan-Stadions

Autor Andrin Brändle aus der Schweiz, der den indonesischen Klub PSS Sleman für sein Buch „Ein Sommer mit Sleman“ begleitete, beurteilt die Geschehnisse ähnlich. In einem Beitrag bei srf.ch nennt er die „suboptimale Infrastruktur“, eine „mangelnde Koordination der Sicherheitskräfte und eine „unglaubliche Eigendynamik auf den Rängen“ als Gründe für die Katastrophe im Kanjuruhan-Stadion. 

Lebendige und gewalttätige Fankultur

In Indonesien gibt es eine der lebendigsten und ausgeprägtesten Fankulturen Südostasiens. Hohe Zuschauerzahlen und große Rivalitäten gehören genauso dazu wie Gewalt. Das Aufeinandertreffen zwischen Arema Malang und Persebaya Surabaya ist nach dem Spiel zwischen Persib Bandung und Persija Jakarta, das am Sonntag stattfinden sollte, das bedeutendste Spiel des Landes. Doch zum indonesischen „El Clasico“ kam es nach dem Platzsturm und der Katastrophe nach dem „Ostjava-Derby“ nicht.

Gewalt ist laut James Montague „nichts Ungewöhnliches“. Zum Beispiel würden Trainer nach Niederlagen von Fans attackiert. „Das sieht man häufig“, sagte der Fan-Experte der DW. Trotz der Abwesenheit von Auswärtsfans, die bei den hitzigen Derbys in Indonesien generell nicht zugelassen sind, kam es zur Katastrophe. Denn die heimischen Arema-Fans drangen nach der späten 2:3-Niederlage in den Stadioninnenraum ein, um mit der eigenen Mannschaft zu sprechen, bevor die Situation mit dem Eintreffen der Bereitschaftspolizei eskalierte. 

Mit Schlagstöcken bewaffnete Polizisten stehen zwischen Tränengaswolken auf dem Rasen des Kanjuruhan-Stadions

Mit Schlagstöcken bewaffnete Polizisten und Tränengas: die Gewalt eskalierte auch von Seiten der Sicherheitskräfte

„In Indonesien gibt es eine unglaubliche Fankultur, die viel mit den Anfängen der englischen Fankultur und den Anfängen der italienischen Ultra-Bewegung gemeinsam hat“, erklärt Montague. „Es ist eine Lebensweise, die in Indonesien voll und ganz übernommen wurde.“ Doch in Indonesien sei auch die Gewalt im Kontext des Fußballs immer weiter gestiegen. Laut Montague hat es „in den letzten Jahrzehnten über 80 Todesfälle in Fußballstadien“ in Indonesien gegeben. 

Brutale Polizeigewalt 

Montague zufolge ist Gewalt in Indonesien jedoch kein exklusives Phänomen bei Fußballfans, sondern betrifft auch die Polizei, der er eine „idiotische Reaktion“ vorwirft. „Die Polizei ist weder ausgerüstet noch im Umgang mit Menschenmengen geübt. Deshalb greift sie zu brutaler Gewalt und archaischer Kontrolle von Menschenmengen, wie wir hier gesehen haben.“ 

Auf Videos, die von den Zuschauerrängen des Kanjuruhan-Stadions gefilmt wurden, ist zu sehen, wie Polizeibeamte zwischen Tränengaswolken wahllos mit Schlagstöcken auf Menschen einschlagen und mindestens vier Personen absichtlich in den Rücken treten.  „Die Situation war beherrschbar, bis die Polizei Benzin ins Feuer goss, indem sie Tränengas in Mengen abfeuerte, die ich noch nicht gesehen habe“, sagte Montague und sieht darin den entscheidenden Auslöser der Massenpanik. „Jeder, der sich mit der Kontrolle von Fußballspielern auskennt, weiß, dass der Einsatz von Tränengas auf engem Raum, so wie hier, zu Todesfällen führen wird.“ .

„Früher oder später unausweichlich“

Hinzu kommt der Zustand der meisten Stadien in Indonesien. Die maroden Bauten sind für Spiele mit großen Fanmassen nicht (mehr) geeignet – so auch das Kanjuruhan-Stadion mit seinem offiziellen Fassungsvermögen von 38.000 Zuschauern. Laut indonesischen Behördenangaben waren allerdings insgesamt rund 42.000 Zuschauer im Stadion, als die Katastrophe ihren Lauf nahm. 

Zeugnis der Katastrophe: ein ausgebranntes Polizeifahrzeug in der Nähe des Stadions

Zeugnis der Katastrophe: ein ausgebranntes Polizeifahrzeug in der Nähe des Stadions

Andrin Brändle schreibt, „unkoordinierte Einlassverfahren und der boomender Schwarzmarkt führen zu unübersichtlichen Situationen“. Am Kanjuruhan-Stadion seien dazu Evakuierungswege durch Fahrzeuge blockiert gewesen, „weil das Stadion in der Kleinstadt Kepanjen liegt, so dass die meisten Fans mit dem Auto aus dem nahe gelegenen Malang anreisen müssen“. 

Hinzu kommt laut James Montague, dass bei der Ankunft am Stadion „tausende Fans durch enge Einlasstore“ geführt werden. „Neben engen und unzureichenden Eingängen fehlt es oft an den üblichen Sicherheitselementen wie Kapazitätsbeschränkungen, Blocktrennung und Absperrungen“, beschreibt Brändle. Außerdem seien Zäune oft mit Stacheldraht versehen, „was eine schnelle Evakuierung auf das Spielfeld unmöglich macht“. 

Gewalt und sogar Todesfälle sind laut James Montague „im indonesischen Fußball zwar keine Seltenheit“, doch aus Sicht des Fan-Experten stellen die tragischen Ereignisse im Kanjuruhan-Stadion „einen völligen Zusammenbruch“ dar, „der früher oder später unausweichlich war“.

Aus dem Englischen adaptiert von David Vorholt