Tausende fordern in Berlin Freiheit im Iran

Sie sind die ganze Nacht lang gefahren, um in Deutschlands Hauptstadt dabei zu sein: „Gestern Abend um neun Uhr sind wir in Örebro in Schweden gestartet. 15 Stunden im Bus. Das war schon eine lange Tour“, sagt Ninsha. Nach knapp tausend Kilometern im Bus steht die 24-jährige Medizinstudentin an diesem Sonnabend, einem sonnigen Herbsttag mit ihren Freundinnen an der Siegessäule in Berlin, in einer schier unüberschaubaren Menge von Menschen. Hunderte iranische Fahnen flattern im Wind. Wortfetzen dröhnen aus Lautsprechern und Megafonen.

Das Berliner Kollektiv „Frau Leben Freiheit“ hat zur Demonstration für die Frauen aufgerufen, die seit Wochen für Freiheit im Iran kämpfen, zum Protest gegen das Regime in Teheran. Es wird die bislang größte Solidaritätsdemo für die iranischen Frauen weltweit. Ein Berliner Polizeisprecher nennt gegen Ende der Veranstaltung eine Teilnehmendenzahl von 80.000; die Veranstalter, die mit 50.000 Demonstranten gerechnet hatten, sprechen von 100.000.

Berlin | Großdemonstration Solidarität mit den Protestierenden im Iran

Viele Plakate erinnerten an die getötete Jina Amini

Dieser Samstag ist Tag 36 nach dem Tod von Jina Mahsa Amini in der iranischen Hauptstadt Teheran. Die junge Iranerin kurdischer Abstammung war zuvor von der sogenannten Sittenpolizei festgenommen worden, weil sie angeblich ihr Kopftuch nicht richtig trug und zu viel Haar zu sehen war. Drei Tage später starb Amini, offensichtlich von Gewalt gezeichnet, in einem Krankenhaus.

Ein gewaltsamer Tod als Fanal

Der Tod der 22-Jährigen wurde zum Fanal. Seitdem gehen junge Leute, vor allem Mädchen und Frauen, in vielen Städten des Iran auf die Straße. Polizei und andere
Regierungskräfte gehen gewaltsam gegen Demonstranten vor. Laut iranischen Menschenrechtsorganisationen kamen bereits mehr als 200 meist junge Menschen durch staatliche Gewalt zu Tode.

Nun also der Massenprotest von Exil-Iranern in Berlin: „Wir sind hier in Solidarität mit den Menschen im Iran“, sagt Ninsha aus Schweden. „Wir haben dort Freunde, und wir haben ihnen versprochen, dass wir sie nicht alleine lassen. Wir fordern von den europäischen Ländern deutliche Schritte. Sie sollen mit dem Regime keine Geschäfte mehr machen, sie sollten den Ruf nach Freiheit unterstützen.“

Das Plakat der Ukrainerin

In Berlin versammeln sich an diesem Sonnabend Exil-Iraner aus vielen Ländern Westeuropas. Im Wind flattern neben dem Grün-Weiß-Rot der iranischen Flagge unter anderem Fahnen aus Schweden und Dänemark, Frankreich, der Schweiz, den Niederlanden, Italien.

Deutschland | Iran-Demo in Berlin

Ania aus Kiew – ihre Heimat leidet unter iranischen Drohnen.

Und nicht selten ist das Blau-Gelb der Ukraine zu sehen. „Ich denke, wir als Ukrainer müssen das iranische Volk in diesen Tagen unterstützen“, sagt Ania, 20, die aus Kiew geflüchtet ist. „Es geht nicht nur um Freiheit für die Iraner, es geht auch um unser Leben. Denn iranische Drohnen töten ukrainische Menschen, die iranische Führung unterstützt die russische Führung. Deswegen bin ich hier.“

Ihr handgemaltes Plakat prangert den Tod in ihrer Heimat durch iranische Drohnen an. „Ich bin alleine gekommen“, sagt Ania, die jetzt am Stadtrand von Berlin lebt und online in ihrer Heimatstadt studiert. „Aber sie sehen ja die ukrainischen Fahnen.“

Es ist auch für Berlin, das mit vielen Demos vertraut ist, eine ungewöhnliche Veranstaltung. Der Start an der Siegessäule verzögerte sich, plötzlich krachte Silvesterfeuerwerk über der Menge, dann landet ein Rettungshubschrauber kaum einen Steinwurf von dem gut 60 Meter hohen markanten Wahrzeichen entfernt.

Deutschland | Iran-Demo in Berlin

Der Protestzug vor Schloss Bellevue

Aber als es losgeht und die Demonstrierenden an Schloss Bellevue vorbeiziehen, dem Sitz des Bundespräsidenten, wird das unübersichtliche Gedränge zu einem bunten und lauten, aber geordneten Protest. Viele Frauen, viele junge Menschen, auch alte. Und auch deutsche Familien mit Kindern. 

„Gegen das Unrecht“

„Wir sind gegen die Mullahs! Und Frauen müssen Freiheit haben“, sagt die 70-jährige Tahereh aus Hamburg. Es sei wichtig, dass alle Nationen und Generationen zusammenhalten, „gegen das Unrecht, gegen die Mullahs“. Immer wieder der Ruf „Azadi, Azadi, Azadi“ („Freiheit, Freiheit, Freiheit“), auch „Jin, Jian, Azadi“ („Frau, Leben, Freiheit“), das Motto des Protests. Gelegentlich auch Rufe gegen das Regime in Teheran, gegen Ali Chamenei, den obersten Führer, gegen die Mullahs.

Die Spitze des Zuges bilden, von einigen Ordnerinnen mit Kordeln geschützt, Menschen, die Angehörige verloren haben. Vor allem sind es Verwandte der Passagiere, die am 8. Januar 2020 in einer ukrainischen Linienmaschine mit Zielort Kiew saßen, die bald nach dem Start in Teheran von iranischen Revolutionsgarden abgeschossen wurde. Ein Versehen, bei dem alle 176 Menschen an Bord der Boeing ums Leben kamen.

„Tod Chamenei“

Als gut zwei Stunden später bei der Abschlusskundgebung wenige Reden gehalten werden, stehen zwei der Angehörigen im Mittelpunkt. Zuerst spricht Manzar Zarrabi, dann Hamed Esmaeilion. Als Zarrabi berichtet, dass sie fünf Angehörige verloren habe, geht entsetztes Raunen durch die Menge. Dann Stille. Aber auch Zarrabi kommt zum „Frau, Leben, Freiheit“, alle stimmen ein. Und am Schluss ihrer Rede ruft ein Teil der vieltausendköpfigen Menge „Tod Chamenei“. Es klingt düster und entschlossen.

Deutschland | Iran-Demo in Berlin | Hamed Esmaeilion

Hamed Esmaeilion, die bejubelte Stimme der Aktivisten

Und dann Hamed Esmaeilions Appell an die westlichen, die europäischen Regierungen, alle Botschaften und Konsulate des Iran, alle vom Regime in Teheran geförderten islamischen Zentren zu schließen, die Diplomaten auszuweisen, keinerlei Verhandlungen mehr mit dem Regime der Mullahs zu führen. „In unseren Träumen weht der Wind der Freiheit den Frauen durch’s Haar“, sagt Esmaeilion.

Der führende Aktivist wird gefeiert für diese Rede, diesen Traum der Freiheit. Hunderte strecken ihre Smartphones in die Höhe, um Bilder von Esmaeilions Auftritts auf der kleinen Bühne aufzunehmen.

Der bislang größte Protest gegen die Macht der Mullahs geht zu Ende. Längst wird der Berliner Tag dunkel, als der Wind das italienische Lied „Bella ciao“ von der Bühne durch den Tiergarten weht. Es ist so etwas wie die weltweite Hymne von Revolutionsbewegungen. Ninsha zieht mit ihren Freundinnen zum Bus zurück nach Schweden. „Es ist so wichtig, mit den Demonstrationen weiterzumachen“, sagt sie. „Bis wir endlich die Revolution haben.“