Tödlicher Polizeieinsatz wurde aufgezeichnet

Neue Erkenntnisse zum Ablauf könnte ein Telefonmitschnitt liefern. „Wir haben eine Tonaufnahme“, sagte der zuständige Oberstaatsanwalt Carsten Dombert. Der Betreuer der Jugendhilfeeinrichtung, der den Notruf gewählt hatte und in der Nähe des Einsatzes blieb, sei während der ganzen Zeit in der Leitung geblieben. Das Bundeskriminalamt (BKA) werte die Aufnahme noch aus, man warte auf das Gutachten. Es seien der Betreuer und der Polizeibeamte in der Leitstelle zu hören, sagte Dombert. Im Hintergrund höre man auch Menschen sprechen und Knallgeräusche, die von Tasern oder der Maschinenpistole stammen könnten. Das BKA sei offenbar in der Lage, diese Geräusche zu extrahieren und zu bewerten. Die Bodycams der Polizisten waren bei dem Einsatz nicht eingeschaltet.

Verhältnismäßig oder nicht?

Gegen den Polizisten, der geschossen hat, wird weiter wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt. Es wird aber geprüft, ob die Ermittlungen auf den Verdacht des Totschlags ausgeweitet werden. „Aus der Prüfung an sich darf man aber nicht den Rückschluss ziehen, dass es so ist“, betonte der Oberstaatsanwalt. „Die endgültige Bewertung der Strafbarkeit bleibt immer dem Abschluss der Ermittlungen vorbehalten.“ Geklärt werden müsse, ob der Einsatz staatlicher Gewalt verhältnismäßig gewesen sei, sagte Dombert.

Wie aus einem Bericht des Innenministeriums an den Nordrhein-Westfälischen Landtag hervorgeht, wird zudem gegen vier weitere Polizisten und Polizistinnen wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung im Amt beziehungsweise der Anstiftung dazu ermittelt. Es geht um den umstrittenen Einsatz von Elektroschockern und Reizgas.

Rechtsausschuss des Landtags befasst sich mit dem Einsatz

Die Polizei war am 8. August zu einer Dortmunder Jugendhilfeeinrichtung gerufen worden, wo sich der 16-Jährige ein Messer an den Bauch hielt. Der Jugendliche, ein unbegleiteter Flüchtling aus dem Senegal, hatte in der Einrichtung gelebt. Der Einsatz lief zunächst als Einschreiten bei einem Suizidversuch. Die Polizisten besprühten ihn mit Pfefferspray und setzten Taser ein.

Demonstration nach tödlichen Schüssen auf Jugendlichen

Zwei Tage dem Tod des Jugendlichen protestieren mehrere hundert Demonstranten vor einer Dortmunder Polizeiwache

Laut aktuellem Ermittlungsstand ist nicht klar, ob und wie der Jugendliche dann tatsächlich mit einem Messer auf die Beamten zugegangen ist. Ein 29 Jahre alter Polizist schoss sechsmal mit einer Maschinenpistole, vier Schüsse trafen. Trotz einer Notoperation im Krankenhaus erlag der Jugendliche seinen Verletzungen.

Der Rechtsausschuss des Landtags in Düsseldorf kommt am 7. September auf Antrag der SPD zu einer Sondersitzung zusammen, um über den tödlichen Vorfall zu beraten.

qu/rb (dpa, afp)