Tunesien: Wut und Trauer nach Migrationstragödie

Sayyida al-Kunissi sitzt am Eingang des Friedhofs „Afrikanischer Garten“ und weint. Irgendwo auf dem Gräberfeld am Rande der Stadt Zarzis im Südosten Tunesiens finden sich die sterblichen Überreste ihres Enkels Omar. Der 15-Jährige hatte gerade die Schule beendet, im September sollte er eine Berufsausbildung als Mechaniker antreten. Doch im letzten Moment überlegt er es sich anders: Zusammen mit 17 anderen jungen Männern aus der Stadt bestieg er ein Boot, das die Gruppe nach Italien bringen sollte. Die Reise wurde zur letzten seines Lebens.

Doch wie viele andere leidet auch Omars Familie nicht allein unter dem Verlust des Sohnes und Enkels. Ebenso setzt den Angehörigen zu, dass sie bisher von den Behörden nicht die volle Wahrheit über das Schicksal ihrer Angehörigen erfahren haben.

Angehörige im Ungewissen gelassen

Das tragische Ereignis ist schon mehr als einen Monat her: Das Boot hatte die Küste von Zarzis am 21. September verlassen. Nach 48 Stunden sei die Verbindung zu den Passagieren abgerissen, berichten deren Verwandte. Drei Wochen lang blieben die Familien über das Schicksal ihrer Angehörigen im Ungewissen. Dann wurden die Leichen zweier junger Männer an die Küste gespült.

Die Behörden reagierten zögerlich und schickten zunächst keine eigenen Suchboote aufs Meer. Nachforschungen der Anwohner ergaben, dass auch die Leichen anderer Passagiere des Bootes an Land getrieben worden waren. Diese allerdings waren bereits von den lokalen Behörden beerdigt worden – ohne Wissen der Angehörigen. Sie hätten angenommen, es handele sich um Migranten aus anderen Ländern, rechtfertigten sich die Behörden.

Ein ausrangiertes, aber gut erhaltenes Fischerboot ziert das Zentrum von Zarzis

Ausrangiertes Fischerboot: Straßenszene aus der tunesischen Stadt Zarzis

Tatsächlich ist Zarzis eine Drehscheibe auch für Menschen aus Subsahara-Afrika, die es nach Europa zieht. Die Nachricht vom offenkundig fehlerhaften Verhalten der Behörden verbreitete sich in Tunesien wie ein Lauffeuer. Es wurde von vielen Menschen als entwürdigend empfunden.

„Warum begraben sie ihn wie einen Fremden?!“

Sayyida al-Kunissi würde den Friedhof gern betreten. Doch am Eingang stehen Polizisten. Ihre Aufgabe: die Angehörigen daran zu hindern, die Gräber der Verstorbenen aufzusuchen. Denn die zwischenzeitlich eingeschaltete Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung der Leichen angeordnet. DNA-Tests sollen die Identität der Toten zweifelsfrei klären. Die Arbeit solle in Ruhe und ohne äußere Störung vorangehen, heißt es.

So wartet Sayyida al-Kunissi und hofft, bald endgültige Gewissheit über das Schicksal ihres Enkels zu erhalten. „Wir sind hier, um den Duft von Omar zu riechen“, sagt sie im Gespräch mit der DW. Ihre Tochter Hajar, Omars Mutter, wirkt gefasster und entschlossener: „Ich werde im Kampf um das Recht meines Sohnes nicht klein beigeben. Warum begraben sie ihn wie einen Fremden?! Ich möchte ihn besuchen und ihm den Koran vorlesen. Friede seiner Seele!“

Auch Bassam al-Warimi trauert. Er hat zwei Angehörige verloren. Zunächst hätten die Behörden ihm mitgeteilt, dass die Passagiere des gekenterten Boots in Libyen festgehalten würden, berichtet er der DW. Dann aber habe ein Mitarbeiter eines Marineclubs einen weiteren Leichnam entdeckt und die Küstenwache informiert. Die habe die Leiche anhand eines Armbandes identifizieren können. „Wir werfen den Behörden vor, dass sie uns hinsichtlich der Identität der Toten vorsätzlich täuschen wollten.“

Angehörige der Toten und Unterstützer diskutieren im Zentrum von Zarzis

Zorn und Protest: Angehörige der Toten und ihre Unterstützer im Zentrum von Zarzis

Dass die Leichen der Passagiere ausgerechnet auf dem Friedhof „Garten Afrikas“ beerdigt wurden, könnte System haben. Das Gräberfeld wurde im Juni 2021 von dem algerischen Künstler Rachid Quraishi eingerichtet. Die Ruhestätte soll die Würde der Leichname nicht identifizierter Migranten aus Subsahara-Afrika wahren und verhindern, dass sie achtlos irgendwo verscharrt werden. So liegen dort vor allem die sterblichen Überreste von Migranten aus dem südlichen Afrika. Andere sind auf dem etwas älteren, so genannten „Friedhof der Unbekannten“ begraben.

Demonstrationen und Sitzstreiks

Mitte Oktober demonstrierten dann erstmals 3000 Menschen gegen das Vorgehen der Behörden. Und im Zentrum von Zarzis haben Demonstranten und Angehörige einen Treffpunkt eingerichtet. Über dem Platz schwebt ein Transparent mit den Namen der 18 Ertrunkenen, unter ihnen ein Säugling.

Unter den dort versammelten Angehörigen steht Salim Zardat, auch er ein trauernder Familienvater. „Wir Eltern haben den Kontakt zu den Jüngeren verloren“, beklagt er niedergeschlagen. „Wir Älteren haben uns vor allem darauf konzentriert, mit unseren eigenen Schwierigkeiten zurande zu kommen, also beispielsweise den hohen Lebenshaltungskosten. Darüber haben wir unsere Kinder sich selbst überlassen. Jetzt verstehen wir nicht mehr, was sie wollen und wie sie denken.“

Salim hat durch das Bootsunglück seinen 15-jährigen Sohn Walid verloren. „Mit seinen guten Noten hatte er sich für ein Studium qualifiziert. Doch stattdessen entschied er sich, mit seinen Freunden zu gehen. Sie alle verließen die Stadt hier für ein besseres Leben.“ Nun beteiligt sich Salim Zardat an einem Sitzstreik. Sein Ziel, sagt er, sei die ganze Wahrheit über das Unglück und das Verhalten der Behörden zu erfahren.

Kleinere Fischerboote vor der Küste von Zarzis

Immer wieder wagen vor allem junge Tunesier in ungeeigneten Booten die Überfahrt nach Europa

Weil der Staat sich nach Ansicht vieler Demonstranten nur unzureichend an der Suche nach den Vermissten beteiligte, engagierten sich die Bürger selbst, allen voran die Seeleute von Zarzis. „Dass sich die Behörden auffällig zurückhielten, hat uns veranlasst, selbst nach den Vermissten zu suchen“, sagt Chams El-Din Bourasin, Chef des lokalen Fischer- und Seefahrerverbandes. „Der Staat kann sich nicht länger verstecken.“

Unerreichbare Visa

Doch die Unzufriedenheit in der Stadt gilt nicht nur dem Verhalten der lokalen Behörden. Der Tod einer jungen Frau mit Namen Mona – sie ertrank zusammen mit ihrer kleinen Tochter – wirft auch ein Licht auf die Schwierigkeiten, denen sich Migranten hinsichtlich der Familienzusammenführung in europäischen Ländern gegenübersehen.

Im konkreten Fall richtet sich die Kritik an Italien. Der Bruder der ertrunkenen Mona sagt im Gespräch mit der DW, dass ihr Mann bereits seit mehreren Jahren in Italien lebe und arbeite. Dennoch habe Mona kein Visum für den Familiennachzug bekommen. Darum habe sie sich gezwungen gesehen, illegal über den Seeweg zu ihm nach Italien zu reisen. Das habe sie und ihre Tochter das Leben gekostet.

Beim Bemühen um Visa träfen viele Tunesier auf bürokratische Schwierigkeiten, sagt der Aktivist Anwar Muslimi. Auch er habe einen Cousin, der seit Jahren in Italien lebe, es aber immer noch nicht geschafft habe, seine Familie nachzuholen. Er sieht hier auch das tunesische Staatsoberhaupt in der Pflicht: „Warum tut Präsident Kais Saied nichts, wenn wir woanders leben wollen?! Wo bleibt die Freizügigkeit? Das Visum ist ein Menschenrecht“, sagt er.

Die Tragödie von Zarsis ist alles andere als ein Einzelfall. Immer wieder sinken Schiffe mit tunesischen Migranten, die der schwierigen Wirtschaftslage in ihrem Land zu entkommen suchen. Hinzu kommen zahlreiche Migranten aus anderen Ländern, darunter viele aus der Subsahara. Laut Angaben des tunesischen Forums für wirtschaftliche und soziale Rechte belief sich die Zahl der im Mittelmeer verstorbenen und vermissten Tunesier bis Ende September auf 507 Menschen. Dem italienischen Innenministerium zufolge haben in diesem Jahr bereits knapp 76.000 Migranten Italiens Küste erreicht – im selben Zeitraum 2021 waren es gut 50.000.

Aus dem Arabischen adaptiert von Kersten Knipp.

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