Ukraine aktuell: Russen dringen in Großstadt Sjewjerodonezk ein

Das Wichtigste in Kürze:

  • Ukraine rechnet mit Großangriff im Donbass
  • EU kappt zwei Drittel aller russischen Öl-Importe
  • USA liefern keine Waffen mit großer Reichweite
  • Scholz: „Keine Angst machen lassen“ von Putin

 

Im Osten der Ukraine sind die russischen Truppen weiter auf wichtige Ziele vorgerückt. Sie drangen nach ukrainischen Angaben in die schwer umkämpfte Großstadt Sjewjerodonezk ein. Der Gouverneur des Gebietes Luhansk berichtete von Straßenkämpfen. Er hielt die Bewohner der Stadt an, in Notunterkünften zu bleiben.

Die Stadt mit bislang etwa 100.000 Einwohnern gilt als wichtigste Kommune, die das ukrainische Militär in der Region Luhansk noch kontrolliert. Fällt Sjewjerodonezk, wäre der Weg frei zum nächsten Kriegsziel: der vollen Einnahme der Nachbarregion Donezk.

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„Sehr schwierige“ Lage in Sjewjerodonezk

Sorge um Slowjansk im Donbass

Die Ukraine rechnet nun mit einem russischen Großangriff auf das Zentrum ihrer Verteidigungskräfte im Donbass im Osten des Landes. Der Raum Slowjansk-Kramatorsk ist der größte Ballungsraum, der noch unter Kontrolle Kiews steht. Hier ist auch das Oberkommando der örtlichen Streitkräfte stationiert. Die russischen Truppen verlegten neue Einheiten nach Slowjansk, um das Gebiet sowohl von Isjum als auch von der kürzlich eroberten Kleinstadt Lyman aus anzugreifen, heißt es im Lagebericht des ukrainischen Generalstabs.

Das ukrainische Militär setzte nach eigenen Angaben seine Offensive an der Grenze zwischen den Gebieten Mykolajiw und Cherson im Süden der Ukraine fort. „Die Lage im Süden ist dynamisch und gespannt“, teilte das Oberkommando des ukrainischen Wehrkreises Süd mit. Russland ziehe Reserven zusammen und versuche, die Frontlinien im Gebiet Cherson zu befestigen.

EU vereinbart Teil-Ölembargo und neue Finanzhilfen

Bei ihrem Sondergipfel in Brüssel verständigten sich die 27 EU-Staaten auf ein weitgehendes Embargo für Öl-Importe aus Russland. Das teilte am späten Montagabend EU-Ratspräsident Charles Michel mit. „Das deckt ab sofort mehr als zwei Drittel der Öl-Importe aus Russland ab und schneidet damit eine enorme Quelle der Finanzierung seiner Kriegsmaschinerie ab“, erklärte Michel.

Der Ukraine will die Europäische Union weitere Finanzhilfen von bis zu neun Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Mit dem Geld soll das Land laufende Kosten etwa für Rentenzahlungen und den Betrieb von Krankenhäusern decken können. Unklar ist, wie viel Geld als Zuschuss und wie viel als Kredit ausgezahlt werden soll. Zudem einigten sich die EU-Staats- und Regierungschefs darauf, dem Vorschlag der Europäischen Kommission zu folgen und das größte russische Finanzinstitut Sberbank vom Zahlungssystem Swift auszuschließen.

 

Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht davon aus, dass die Ukraine Hilfen von rund fünf Milliarden Dollar pro Monat braucht, um das Funktionieren der Regierung und wichtiger staatlicher Institutionen zu gewährleisten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj beziffert die Summe, um die wirtschaftlichen Verluste der Ukraine auszugleichen, auf rund 6,5 Milliarden Euro monatlich. Hinzu kämen Hunderte Milliarden für den Wiederaufbau. 

Ukraine Präsident Wolodymyr Selenskyj

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj

Jetzt auch Gas-Lieferstopp für die Niederlande

Das russische Staatsunternehmen Gazprom kündigte inzwischen an, kein Gas mehr an die Niederlande liefern, weil der Gasimporteur seine Rechnung nicht in Rubel bezahlen will. Große Folgen für Unternehmen und Haushalte werden aber nicht erwartet. Zuvor waren die Energie-Lieferungen bereits für Polen, Bulgarien und Finnland gestoppt worden.

USA zurückhaltend bei Raketensystem

In der seit vielen Wochen anhaltenden Debatte um Waffenlieferungen für die Ukraine machte US-Präsident Joe Biden deutlich, seine Regierung werde keine Raketensysteme in die Ukraine schicken, die russisches Territorium treffen könnten. Der Fernsehsender CNN hatte berichtet, die US-Regierung erwäge, der Ukraine Mehrfach-Raketenwerfer mit bis zu 300 Kilometer Reichweite zur Verfügung stellen.

Scholz zeigt sich unbeeindruckt

Bundeskanzler Olaf Scholz hat sich unbeeindruckt von den Warnungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin vor weiteren Waffenlieferungen des Westens in die Ukraine gezeigt. Man dürfe sich keine Angst machen lassen, sagte der SPD-Politiker in einem Interview der ARD-„Tagesthemen“. „Und deswegen werden wir fortfahren mit dem, was wir angefangen haben.“ Dazu gehörten neben weiteren Waffenlieferungen an die Ukraine auch die bessere Ausrüstung der Bundeswehr über das geplante 100-Milliarden-Programm. Deutschland werde „die Ukraine so lange unterstützen, wie das notwendig ist“, betonte Scholz.

Deutschland Ukraine Krieg l Bundeskanzler Olaf Scholz

Bundeskanzler Olaf Scholz

Putin hatte am Wochenende in einem Telefonat mit Scholz und Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron vor der Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine gewarnt. Das berge das Risiko einer weiteren Destabilisierung der Lage und der Verschärfung der humanitären Krise, meinte Putin.

haz/wa (dpa, rtr, afp)

Dieser Artikel wird am Tag seines Erscheinens fortlaufend aktualisiert. Meldungen aus den Kampfgebieten lassen sich nicht unabhängig überprüfen.