Union Berlin: Urs Fischer, der Spieler-Flüsterer

Vermutlich würde Urs Fischer noch vom Klassenerhalt fabulieren, wenn sein Team auch nach 17 Spieltagen von der Tabellenspitze grüßen würde. Soweit ist es zwar noch lange nicht, aber immerhin nach sieben Spieltagen hat Union Berlin Platz eins wieder für sich reserviert. Denn auch gegen den VfL Wolfsburg gelang den „Eisernen“ am Sonntagnachmittag ein 2:0 (0:0)-Erfolg, womit Trainer Fischer und seine Spieler ihre Position aus der Vorwoche bestätigen konnten – und nun sicher nicht ohne Stolz in die Länderspielpause gehen. Jordan Siebatcheu (54. Minute) und Sheraldo Becker (77.) erzielten die Treffer für die Berliner. 

Fischer und die Eisernen gefallen sich ausgesprochen gut in der Rolle des ewigen Underdogs, was alle Beteiligten auch ausführlich und bis an die Schmerzgrenze zelebrieren.  

Baumeister dieses sportlichen Erfolgs ist vor allem ein Angestellter des Klubs: Urs Fischer. Seit der Schweizer Fußballlehrer in der Saison 2018/19 an der „Alten Försterei“ – wie das Stadion der Unioner heißt – übernommen hat, geht es schnurstracks nach oben. Bereits im Mai 2019 konnte er mit seinem Team den erstmaligen Aufstieg des Klubs in die Bundesliga feiern. Fischer ist in der Folge nicht nur der Klassenerhalt gelungen, mittlerweile nehmen die Berliner aus dem Stadtteil Köpenick zum zweiten Mal an einem internationalen Wettbewerb (erst Europa Conference League, jetzt Europa League) teil.

Ehrliche (Fußball-)Arbeit

Von diesem Erfolg wissen will Fischer in der Öffentlichkeit allerdings nichts. Er blockt kategorisch alles ab, was ihn und sein Team auch nur in die Nähe eines favorisierten Teams bringen könnte. „Mit dem musst du halt auch umgehen lernen“, sagte Fischer jüngst: „Es wird viel berichtet. Aber das darf bei dir nichts auslösen. Du darfst nicht bequem werden. Wir wissen, was wir zu tun haben. Wir müssen immer am Limit sein, um Punkte mitzunehmen.“ 

Berlins Niko Gießelmann (M.) setzt sich gegen zwei Wolfsburger durch

Berlins Niko Gießelmann (M.) ist seit Sommer 2022 bei Union Berlin

Wer Spielen der Unioner zuschaut, der darf keine technischen Kabinettstückchen, Traumkombinationen oder ähnliche Dinge, wie sie etwa der FC Bayern München oder Borussia Dortmund in schöner Regelmäßigkeit produzieren, erwarten. Fischers Team steht vielmehr für ehrliche, solide (Fußball-)Arbeit, eine disziplinierte Herangehensweise, viel Laufbereitschaft und Körperlichkeit sowie eine möglichst sehr schwer zu überwindende Defensive. Das ist für Außenstehende oft wenig attraktiv anzuschauen – aber es ist erfolgreich.

Wer Fischer zuhört, der merkt sehr schnell, dass ihm andere Herangehensweisen als die Grundtugenden des Fußballs in den Vordergrund zu stellen eher erschrecken und er sie als wenig geeignet ansieht.  

Ruhnert verpflichtet Spieler, Fischer trainiert sie

Vor allem gelingt es Fischer während seiner Zeit bei Union bislang stets, sein Team immer wieder neu zu erfinden. Denn die (Spieler-)Fluktuation bei Union ist groß. Seit Sommer 2018 stehen insgesamt 75 Zugängen 82 Abgänge gegenüber. Saison für Saison verlassen Leistungsträger den Klub, darunter Schlüsselspieler wie Max Kruse, Grischa Prömel oder Taiwo Awoniyi, um nur einige zu nennen. Manager Oliver Ruhnert ist für die Spieler-Akquise da, Fischer hat so gut wie keinen Einfluss auf die Auswahl. Er macht ganz einfach den Rest.

Der Schweizer ist offenbar ein Spieler-Flüsterer, der sehr häufig den richtigen Ton trifft. Er hat ein ideales Rezept, mit dem er die Profis aus vielen verschiedenen Ländern in sein erdachtes Format presst, das bislang den Erfolg nachhaltig ausgemacht hat. Die Euphorie ist rund um die „Alte Försterei“ naturgemäß enorm, jetzt wo die Unioner weiter an der Spitze stehen. 

„Die Fans dürfen feiern. Aber ich schaue das Ganze ein bisschen anders an“, sagte der 56-Jährige. Fischer schaut allein auf die Anzahl der Punkte. 17 von 21 möglichen Zählern haben die Berliner nun auf dem Konto. Einzig wichtig in der Lesart Fischers: wieder drei Zähler mehr gegen den Abstieg.