Viele Fragezeichen nach Explosion mit Toten in Polen

Nach Berichten polnischer Medien über den Einschlag zweier Raketen im Ort Przewodów nahe der Grenze zur Ukraine, bei dem zwei Menschen getötet worden sein sollen, rief Polens Regierungschef Mateusz Morawiecki nach Absprache mit Staatspräsident Andrzej Duda das Sicherheits- und Verteidigungskomitee ein.

Das Treffen finde wegen einer „Krisensituation“ statt, sagte Regierungssprecher Piotr Mueller im Vorfeld. Die polnische Regierung reagiert extrem vorsichtig, denn ein falsches Wort kann unvorhersehbare Folgen haben.

Polens Regierung bleibt nach den Explosionen wortkarg

Nach dreistündigen Beratungen des Komitees teilte Mueller mit, Beamte untersuchten die Explosion im Landkreis Hrubieszów. „Sie werden ihre Arbeit so lange fortsetzen, bis der Fall aufgeklärt ist.“ Die Bereitschaft einiger Kampfeinheiten in Polen sei erhöht worden. Auch die Kampfbereitschaft anderer Dienste sei verstärkt worden, so der Regierungssprecher. Gleichzeitig prüfe man, ob das Verfahren nach Artikel 4 der NATO in die Wege geleitet werden solle.

Regierungssprecher Piotr Mueller (r.) und der Leiter des Büros für Nationale Sicherheit, Jacek Siewiera auf der Pressekonferenz nach der Sitzung des Sicherheitsrates

Regierungssprecher Piotr Mueller (r.) und der Leiter des Büros für Nationale Sicherheit, Jacek Siewiera auf der Pressekonferenz nach der Sitzung des Sicherheitsrates

Wie der Chef des Büros der Nationalen Sicherheit, Jacek Siewiera, mitteilte, sprach Staatspräsident Duda bereits mit NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg.  Polen stehe „in engem Kontakt“ mit „Schlüssel-Verbündeten“, sagte er, und nannte in diesem Zusammenhang die USA. Inzwischen gab es auch Gespräch zwischen Duda und US-Präsident Joe Biden.

Fragen von Journalisten waren auf der Pressekonferenz nicht zugelassen – angesichts der „Sensibilität“ der Angelegenheit, erklärte Mueller.   

Militärexperten spekulieren über Herkunft möglicher Raketen

Der Vorfall löste eine heftige Debatte unter polnischen Militärs aus. Als „Irrtum und keinen gezielten Angriff“ bezeichnete Brigadegeneral a.D. Stanisław Koziej den Zwischenfall im Privatsender „TVN“. Russland nutze immer ältere Raketen, die weniger präzise seien. Koziej erinnerte an seine Idee, eine Luftverteidigungszone an Polens Grenze zur Ukraine zu errichten. Maksymilian Dura vom Portal Defence24.PL ergänzte, die Zone solle auf der ukrainischen Seite der Grenze 30 bis 40 Kilometer breit sein und polnisches Territorium vor Luftangriffen schützen.

Militär-Experten schließen allerdings auch nicht aus, dass eine ukrainische Luftabwehrrakete die Explosion verursacht haben könnte.  

Russland und die Ukraine beschuldigen sich gegenseitig

Russland dementierte, für den Vorfall verantwortlich zu sein. Das Verteidigungsministerium in Moskau bezeichnete polnische Angaben über einen Einschlag russischer Raketen auf polnischem Staatsgebiet als bewusste Provokationen. Diese hätten das Ziel, die Situation zu eskalieren, zitiert die Nachrichtenagentur Interfax das Ministerium. Es seien keine Angriffe mit russischen Waffen auf Ziele nahe der polnisch-ungarischen Grenze ausgeführt worden.

Polnische Polizisten patrouillieren im Dorf Przewodow im Südosten Polens

Polnische Polizisten patrouillieren im Dorf Przewodow im Südosten Polens

Der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj beschuldigte Russland direkt, Raketen auf Polen abgefeuert und damit eine „sehr erhebliche Eskalation“ herbeigeführt zu haben. „Russische Raketen haben gegen Polen geschlagen,“  so Selenskyj. Dies sei die Antwort Russlands auf die klare Verurteilung des russischen Angriffskriegs auf dem Treffen der G-20-Staaten. „Die Ukraine wird Euch immer unterstützen“, versicherte Selenskyj den Polen.

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba forderte ein „sofortiges“ Gipfeltreffen der NATO, um über eine gemeinsame Reaktion zu beraten. Er wies zudem den Verdacht zurück, eine ukrainische Luftabwehrrakete könne auf polnischem Gebiet gelandet sein. Dabei handele es sich um eine von Russland beförderte „Verschwörungstheorie“, schrieb Kuleba im Kurznachrichtendienst Twitter.