Vor 100 Jahren: Hyperinflation in Deutschland – und heute?

Die Hyperinflation in der Weimarer Republik war eine der größten Wirtschaftskrisen in der Geschichte Deutschlands. Sie trat 1923 ein, als die deutsche Wirtschaft noch unter den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs litt und durch die Reparationsforderungen Frankreichs in der Folge des Versailler Vertrags – der nach dem Krieg geschlossenen Friedensvereinbarung – noch weiter belastet wurde.

Was ist Inflation?

Die Ursachen für die Hyperinflation waren vielfältig. Vor allen Dingen habe sich die Weimarer Regierung aber ins eigene Fleisch geschnitten, erklärt die Wirtschaftswissenschaftlerin und Autorin des Buches „Totentanz – 1923 und seine Folgen“ Jutta Hoffritz im Gespräch mit der DW.

Denn als die junge Republik mit ihren Reparationszahlungen hinterherhinkte, besetzten die Siegermächte das Ruhrgebiet, um sich die dort geförderte Kohle zu sichern. Die Bevölkerung leistete passiven Widerstand – sie streikte und förderte keine Kohle mehr. Die Regierung in Berlin warf daraufhin die Gelddruckmaschine an, um den „patriotischen“ Streikenden weiterhin einen Teil ihres Lohns zu zahlen.

Patriotismus führt zu verheerender Wirtschaftskrise

Mit dieser „patriotischen Maßnahme“ habe die Regierung den Wertverlust der eigenen Währung angeheizt, so Hoffritz. „Die Deutschen selbst haben ihre wichtigste Produktion gedrosselt, nur weil sie den Franzosen nicht gönnen wollten, dass sie sich die Kohle und den Stahl holen und sagten lieber, okay, dann produzieren wir nichts.“

Als die Zentralbank begann, Geld zu drucken, um die Streikenden zu alimentieren, stiegen die Preise. „Wo eine Inflation ist, ist eine lockere Geldpolitik nicht weit“, erklärt Jutta Hoffritz. Wenn viel Geld im Umlauf ist, aber wenig Rohstoff, sinkt der Wert des Geldes. Außerdem hatte Deutschland schon während des Ersten Weltkrieges den Wert seiner Währung stark abgesenkt, weil es viel Geld druckte, um den Krieg zu finanzieren.

Ein Mann schaut einer jungen Frau dabei zu, wie sie Geldscheine wiegt

1923 war das Geld in der Weimarer Republik so wenig wert, dass es gewogen statt gezählt wurde

Die Hyperinflation hatte verheerende Auswirkungen auf das Leben der Menschen in Deutschland. Die Preise stiegen rasant, ein Laib Brot kostete bald schon hunderte Millionen Reichsmark. In ihrem Buch schildert Hoffritz, wie die berühmte deutsche Künstlerin Käthe Kollwitz im Jahr 1923 beginnt, sogar im untervermieteten Gästezimmer Kartoffeln einzulagern. Deren Wert nahm stetig zu und man konnte sie essen, ganz im Gegensatz zu Papiergeld. Für den Untermieter blieb nur noch ein schmaler Pfad frei, um von der Tür zum Bett zu gelangen.

Eine Währungsreform brachte die Rettung

Als Versuch, der Lage Herr zu werden, gab die Reichsbank immer mehr Scheine aus. „Die Reichsdruckerei beschäftigte 1923 dreimal so viele Leute wie vor dem Krieg, und fast alle Druckereien Deutschlands standen im Dienste der Reichsbank, um das Geld zu drucken“, so Hoffritz. „Fast die ganze papierverarbeitende Industrie war damit beschäftigt, neue Scheine zu drucken, so heiß gelaufen war der Apparat.“

Ein Mann zählt auf dieser Schwarz-Weiß-Fotografie Geldscheine, die bis unter die Decke gestapelt sind.

Wertlose Scheine: Gelagerte Noten in der Reichsbank zur Zeit der Hyperinflation

Erst mit einem neuen Präsidenten der Reichsbank und einer Währungsreform beruhigte sich die Situation: Die Reichsbank hörte auf, Geld zu drucken. Außerdem wurde die sogenannte Roggenmark eingeführt. Eine alternative Währung, die das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen sollte und zu Teilen durch landwirtschaftlichen Grund und Boden gedeckt war, wie Hoffritz erklärt. Ihr Wert ging auf eine bestimmte Ackerfläche zurück und die Menge Roggen, die sie hervorbrachte. 

Der Erfolg dieser Alternativwährung sei jedoch an eine Illusion geknüpft gewesen, so Hoffritz. Kein Mensch hätte je mit seiner Roggenmark zur Bank gehen und Scheine gegen Grund und Boden tauschen können. Aber da das auch niemand versuchte, habe der Zauber angehalten: die Währung blieb stabil und wurde als Zahlungsmittel akzeptiert.

Wie steht es um die Inflation in der Gegenwart?

Heute stellt sich die Lage anders dar, erklärt Hoffritz der DW. Es gebe natürlich ein paar Analogien: „Hohe Inflation oder gar Hyperinflation hat oft etwas mit Kriegszeiten zu tun“, sagt sie in Bezug auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. „Wir sind jetzt ja zum Glück nicht selbst an diesem Krieg beteiligt, aber wir sind kollateralgeschädigt, weil unsere Erdgasversorgung nicht funktioniert.“ Wie einst die Kohle, ist hundert Jahre später ebenfalls eine wichtige Ressource knapp.

Ein Buchcover zeigt ein Gemälde von Menschen auf einer Terrasse, im Hintergrund sind Häuser zu sehen. Der Titel lautet Totentanz - 1923 und seine Folgen.

Jutta Hoffritz‘ „Totentanz – 1923 und seine Folgen“ erschien 2022

Außerdem verfolge auch die Europäische Zentralbank schon seit Jahren eine lockere Geldpolitik. Das seien günstige Voraussetzungen für eine Inflation.

Da enden die Parallelen aber auch schon“, bekräftigt Hoffritz. „Wir reden heute über eine hohe Inflation, höher als in meinem gesamten Leben: Zehn Prozent. Das ist viel, aber im Jahr 1923 reden wir von einer Hyperinflation. Das ist noch mal eine ganz andere Hausnummer.“

1923 herrschte Hyperinflation – und heute?

Zurzeit steigen die Preise im Vergleich zum Vorjahresmonat um zehn Prozent, das heißt, die Güter waren im November 2022 durchschnittlich also um zehn Prozent teurer als im November 2021. Bei einer Hyperinflation steigen die Preise jeden Monat mindestens um 50 Prozent. Für Brot würde dies bedeuten, dass sein Preis im Dezember im Vergleich zum Vormonat November um die Hälfte gestiegen wäre. Hat es im November noch drei Euro gekostet, bekäme man es im Dezember nicht mehr für unter 4,50 Euro.

Hoffritz bekommt inzwischen von Leserinnen und Lesern ihres Buchs Banknoten aus Familienbesitz zugeschickt, beispielsweise Scheine im Wert von zwei Millionen Mark. „Ich kriege ganz viele Geschichten erzählt von Leuten, die als Kinder auf dem Dachboden eine Packung Scheine gefunden haben und sich für fünf Minuten total reich gefühlt haben. So nach dem Motto: Ich habe Opas versteckten Schatz gefunden.“

Doch das sei nur ein Irrglaube, stellt Hoffritz klar: „Dann kommt Oma und sagt, ja, genau das ist noch übrig von 1923. Und damals konnten wir noch nicht mal eine Butterstulle dafür kaufen.“