Warum Künstler Afghanistan verlassen

Als die Taliban die afghanische Hauptstadt Kabul vor rund einem Jahr zurückerobertenversuchten zahllose Afghaninnen und Afghanen zu fliehen, darunter Ortskräfte der NATO-Staaten, aber auch Künstlerinnen und Künstler. Einigen gelang es, andere blieben zurück. 

Diejenigen, die zurückblieben, mussten miterleben, wie die Taliban die Meinungs- und Pressefreiheit beseitigten, Menschenrechte mit Füßen traten und Frauen auf Demonstrationen mit Gewehrkolben niederknüppelten. Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Journalistinnen und Journalisten sowie ihre Familien sind besonders gefährdet: Nur wenige Tage nach ihrer Machtübernahme ermordeten Taliban-Kämpfer den Angehörigen eines DW-Journalisten.

Durch eine Zusammenarbeit zwischen den Autorenverbänden PEN Deutschland und PEN International sind in den letzten Wochen und Monaten zehn weitere Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit ihren Familien nach Deutschland gelangt, darunter der ehemalige stellvertretende Kultusminister Afghanistans, Adbul Manan Shiwaesharq, und der Präsident des PEN Afghanistan, Samay Hamed.

Dafür kooperierte der PEN mit dem Auswärtigen Amt und der deutschen Nichtregierungsorganisation „Kabul Luftbrücke“, die es sich als zivilgesellschaftliche Initiative zur Aufgabe gemacht hat, Menschen bei der Ausreise aus Afghanistan zu unterstützen. Laut ihrer Internetseite haben sie bereits 2.700 Menschen die Ausreise ermöglicht.

Das PEN-Zentrum Deutschland heißt die afghanischen Autorinnen und Autoren mit einer Benefizlesung unter dem Motto „Berlin – Kabul – Kairo“ am 08.09.2022 in der Akademie der Künste Berlin willkommen.

Literatur zeigt, wie es sich anfühlt, in Afghanistan zu leben

Auch Tamana Tawangar befindet sich unter den Geflüchteten. Die Dichterin, Schauspielerin und Theaterregisseurin aus Kabul ist beim PEN Afghanistan zuständig für Literatur auf Farsi. Afghanistans Literatur ist mehrsprachig, genau wie das Land selber. Ein großer Teil der Dichtung liegt in Farsi und Paschtu vor, wird aber noch immer selten etwa ins Englische übersetzt.

Die Literatur afghanischer Autorinnen berichtet vom Leben und einer Gesellschaft, in der Frauen unter der Herrschaft von Männern stehen.

 Shamsia Hassani trägt eine Gasmaske und sitzt vor einem ihrer Werke auf einem Stuhl.

Shamsia Hassani gilt als erste Graffiti-Künstlerin Afghanistans und kritisiert mit ihrer Kunst die Unterdrückung der Frauen in ihrem Heimatland

Die Kurzgeschichtensammlung „My Pen is the Wing of a Bird“ (deutsch: „Mein Stift ist der Flügel eines Vogels“), die beim internationalen Verlagskonzern Hachette erschienen ist, handelt vom Leben der Frauen in Afghanistan vor der Machtübernahme durch die Taliban: In einer Geschichte geht es um die Nachrichtensprecherin Sanga, die in aller Ruhe Schminke aufträgt und sich die Haare macht, während um sie herum Raketen einschlagen, ihre Handtasche nimmt, zur Arbeit geht und einfach weiter die Nachrichten vorliest. In anderen dreht sich alles um die Küche, die einerseits als Rückzugsort dient, andererseits ein ganzes Arsenal an Waffen bietet: Messer und heißes Öl zum Beispiel. Eine Autorin beschreibt eine Frau, die den Kopf hängen lässt – „so, als habe man ihr das Recht genommen, ihn zu heben.“ Die Literatur ermöglicht es, ein Afghanistan jenseits der Nachrichten zu erleben.

„Für die Taliban ist Kunst eine Bedrohung“

Viele afghanische Autorinnen und Autoren müssen nun fliehen, wenn sie in Sicherheit leben wollen. Als die Taliban Kabul zurückeroberten, sprach die Deutsche Welle mit dem in Berlin lebenden Designer Shamayel Pawthkhameh Shalizi.

„Afghanistan ist gerade kein sicherer Ort für Künstler“, sagte er der DW. Frauen und Angehörige religiöser Minderheiten seien besonders gefährdet. Für die Taliban, so Shalizi, sei Kunst generell eine Bedrohung.

Das bestätigt auch die afghanische Graffiti-Künstlerin Shamsia Hassani. Die Taliban verstünden Kunst als Verstoß gegen ihre strenge Auslegung des islamischen Rechts. „Einige Leute denken, dass Kunst im Islam nicht erlaubt ist, und glauben, sie müssten mich aufhalten“, sagte Hassani bereits 2016 in einem Interview mit „Vice“.

Mit ihren Werken will sie Frauen inspirieren und wendet sich ausdrücklich gegen die Gewaltherrschaft der Taliban. Das erste Bild, das sie nach der Machtübernahme der Taliban veröffentlichte, trug den Titel „Tod der Dunkelheit“.

Gleichzeitig verschlechtert sich die humanitäre Lage in dem südasiatischen Land immer mehr. Deshalb macht der amerikanisch-afghanische Bestsellerautor Khaled Hosseini, der in Kabul geboren wurde, seit der Machtübernahme durch die Taliban immer wieder in den sozialen Netzwerken auf die Verantwortung des Westens aufmerksam.

Nach Angaben der Hilfsorganisation „Save the Children“ können rund 97 Prozent der befragten Familien in Afghanistan ihre Kinder nicht mehr ausreichend ernähren. Vor allem Mädchen litten unter der Situation, erklärte der Länderdirektor von „Save the Children“ in Afghanistan, Chris Nyamandi. So gaben 45 Prozent der Mädchen an, nicht mehr zur Schule gehen zu können; bei den Jungen waren es rund 20 Prozent. Shikiba Babori, Journalistin und Autorin von „Die Afghaninnen: Spielball der Politik“, berichtete der DW im Interview, das sei inzwischen einer der wichtigsten Gründe für viele Menschen in Afghanistan, das Land zu verlassen: „Sie wollen ihren Töchtern ermöglichen, zur Schule zu gehen.“