Wie Kunsthistoriker ukrainische Kulturgüter retten wollen

„Die Tage ohne Beschuss können wir an beiden Händen abzählen“, sagt die stellvertretende Leiterin eines Museums im schwer beschädigten Charkiw in der Ost-Ukraine. Das Museum selbst sei nach einer Explosion in einem gegenüberliegenden Gebäude durch die Druckwelle schwer beschädigt worden. 118 Menschen hätten bis zum 24. Februar hier gearbeitet, erzählt sie weiter. Aktuell seien es nur noch neun. Es sind Berichte wie diese, die zeigen, welches Ausmaß der Krieg in der Ukraine nicht nur für die Menschen, sondern auch für die Kultureinrichtungen des Landes hat.

Seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine treffen sich Kunsthistorikerinnen und -historiker sowie Mitarbeitende von Museen und Kultureinrichtungen aus Deutschland regelmäßig online mit Kolleginnen und Kollegen aus der Ukraine. „Anfangs ging es darum, Informationen aus erster Hand zu bekommen: Was passiert mit den Objekten, den Kolleginnen und Kollegen?“, erzählt Kilian Heck, Kunsthistoriker an der Universität Greifswald, im DW-Gespräch. Heck hat die Treffen initiiert, das erste schon eine Woche nach der Invasion – auch, um dem Gefühl der eigenen Hilflosigkeit zu begegnen: „Es herrschte eine komplette Fassungslosigkeit, die kanalisiert werden wollte.“

Sandsäcke schützen ein Statue am Mykhailivska Platz in Kiew.

Überall in der Ukraine sollen aufgetürmte Sandsäcke Denkmäler vor Schäden schützen – wie hier in Kiew

Hilfstransporte vor Ort

Lange trafen sich die Teilnehmenden wöchentlich, zuletzt zweiwöchentlich. Zwei Teilnehmerinnen übersetzen bei den Meetings in beide Sprachen. Nachdem die ersten Versammlungen vor allem von Lagebeschreibungen geprägt waren, von der Sorge um und von Hilfsangeboten für fliehende Kollegen, verlagerte sich der Fokus bald auf die aktive Organisation von Hilfstransporten.

„Es hat sich gezeigt, dass gar nicht so viele Leute das Land verlassen, sie aber vor Ort Hilfe brauchen, um die Einrichtungen, Kulturgüter und Infrastruktur zu schützen“, sagt Kilian Heck. Seitdem dienen die Meetings auch dem Zweck, sich ohne Umwege über die notwendigen Maßnahmen und Sachmittel zu verständigen. Daraus entstand die Initiative „Ukraine Art Aid Center“, die trotz ihrer deutschen Bezeichnung „Netzwerk Kulturgutschutz Ukraine“ nicht zu verwechseln ist mit dem von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien ebenfalls im März ins Leben gerufenen Zusammenschluss gleichen Namens.

Das private Netzwerk verspricht „unkomplizierte Hilfe für kriegsbedrohte Museen und Kulturgüter der Ukraine“ und war dabei lange vor allem durch Privatspenden, insbesondere von Großspendern, gestützt. Die im Netzwerk organisierten Expertinnen und Experten arbeiten ehrenamtlich. Die Stimmung in den Meetings ist bisweilen enthusiastisch, manche Teilnehmende aus der Ukraine verbreiten Zuversicht, dass die Aggressoren letztlich verlieren werden. 

 Kilian Heck, Kunsthistoriker der Universität Greifswald

Der Kunsthistoriker Kilian Heck rief die Online-Meetings und das Hilfsnetzwerk ins Leben

Krieg gegen die ukrainische Kultur

Die Bedarfslisten der Kultureinrichtungen waren lang: feuerfeste Decken, Verpackungsmaterialien für den Transport von Objekten in weniger umkämpfte Gebiete im Westen des Landes, Klimageräte, die Kulturgüter vor Feuchtigkeit oder Hitze schützen. Letztere sind nun mit Blick auf einen ungewissen Winter erneut besonders gefragt, ebenso Scanner und 3D-Drucker, um Bestände digitalisieren zu können – auch für den Fall, dass sie zerstört werden.

Denn der russische Angriff hat es unmissverständlich auch auf das ukrainische Kulturerbe abgesehen. Von dem gezielten Beschuss auf Kultureinrichtungen ist die Rede, auf einer vom ukrainischen Ministerium für Kultur und Informationspolitik eingerichteten Website sind Anfang September mehr als 500 Kriegsschäden an Kulturstätten aufgelistet. Fotos zeigen Einschusslöcher oder Bombeneinschläge in Fassaden von Museen und Kirchen. Russische Truppen sollen Kulturgüter aus den besetzten ukrainischen Gebieten nach Russland abtransportiert haben.

Kritik an Frist für finanzielle Hilfen

Um die Kulturgüter zu schützen, hat das Netzwerk bereits mehr als zwanzig Transporte mit Hilfsgütern organisiert, mittlerweile auch mit der Unterstützung durch öffentliche Mittel. 1,5 Millionen Euro stellte die Bundesregierung für Maßnahmen zum Schutz des kriegsbedrohten kulturellen Erbes in der Ukraine zur Verfügung. Wie die DW erfuhr, gibt es – auch auf politischer Ebene – Kritik an der Bindung der Mittel an das laufende Haushaltsjahr. Die Summe muss bis zum Jahresende 2022 „verausgabt“ sein, wie es im Behördendeutsch heißt.

Was bis dahin nicht abgerufen wird, kann vorerst nicht mehr in die Schutzmaßnahmen fließen. Fristgerecht einzukaufen und abzurechnen sei in einer Kriegssituation jedoch „sportlich“, heißt es, weshalb ein von Fristen entbundener Notfallfonds die sinnvollere Maßnahme gewesen wäre. Kilian Heck formuliert das zurückhaltender, sieht es aber ebenfalls als „Herausforderung“, die Mittel rechtzeitig auszuschöpfen.

Männer tragen eine beschädigte Statue aus einem zerstörten Haus

Im Mai tragen Helfer die beschädigte Statue des Philosophen Gregorius Skoworodas aus dem nach ihm benannten Gedenkmuseum nahe Charkiw

Gemeinsame Trauerarbeit

Neben den aktiven Hilfsmaßnahmen bleibt der Austausch, die bloße Wiedergabe von erfahrenem Leid, ein wichtiger Bestandteil der Online-Treffen. Die Mitarbeiterin eines Museums in Pokrowsk bei Donezk berichtet von der Initiative „Kaffee im Museum“, bei der sich ukrainische Kolleginnen und Kollegen – ebenfalls online – gegenseitig psychologisch unterstützten, um das Geschehen zu verarbeiten. Neulich hätten sie gemeinsam den Tod einer Kollegin betrauert.

„Die Treffen sind jedes Mal ein Stück anders“, sagt Kilian Heck nach inzwischen 20 Online-Meetings. „Neben den Kulturgütern geht es auch um sehr persönliche Erlebnisse. Es ist schockierend, wenn Kollegen von Ermordungen oder Vergewaltigungen berichten.“ Er selbst habe anfangs nicht erwartet, dass sich die Treffen über Monate fortsetzen würden.