Dürre im Winter: Was tun gegen die Trockenheit?

In Europa machen sich viele Bauern wieder Sorgen um die Ernten, weil es schon jetzt viel zu wenig Niederschläge gibt. 

Viel Regen im Winter sei wichtig, damit sich die Wasserreserven in den Böden wieder auffüllen, erklärt Smantha Burgess, Vize-Direktorin des Copernicus Climate Change Service der EU, im DW Interview. „Wenn wir aber auf unsere Karten schauen, dann sehen wir ein Defizit bei der Bodenfeuchtigkeit.” In weiten Teilen Europas ist es derzeit so trocken wie noch nie zu dieser Jahreszeit. 

Mitten im Winter fehlt in vielen Ländern Wasser: im Vereinigten Königreich, Deutschland, den Niederlanden, Spanien, Belgien, Portugal, Frankreich oder Italien. In Südeuropa führt dies bereits schon jetzt zu Ausfällen bei Weizen- und Gerstenernte.

Mann steht in einem flachen Reisfeld, in seinen ausgestreckten Händen hält er Reiskörner

Dieser italienische Reisbauer verlor 2022 fast die Hälfte seiner Ernte im Dürresommer

Schon die letzten Sommer waren außergewöhnlich heiß, besonders in Südeuropa trockneten ganze Seen und Flüsse aus. Allein in Italien vernichtete der Wassermangel in wenigen Wochen große Teile der Reisernte. In einigen Ländern musste zeitweise die Wasserversorgung einschränkt werden. 

Durch den menschengemachten Klimawandel werden Dürreperioden vor allem im Sommer in Zukunft immer länger und schwerer. Gibt es zusätzlich im Winter zu wenig Niederschläge, hält die Dürre an, und der folgende Sommer wird noch trockener. 

Wie könnten sich Landwirte, Gemeinden und Länder vorbereiten und die Folgen der Trockenheit abmildern?

Regenwasser auffangen und speichern mit Großreservoirs

Bereits während der schweren Dürre in Italien in letzten Sommer hatte Andrea Colombo von der Wasserbehörde der Po-Region (Autorità Distrettuale fiume Po) im DW-Interview gefordert, dass die Infrastruktur für diverse Wasserauffangbecken ausgebaut werden müsse, um für kommende Dürren vorzusorgen

So könnte Winterregen und Schmelzwasser in Dörfern, Städten und Regionen nahe der italienischen Alpen gespeichert und im Frühjahr genutzt werden. Beispiele dafür gibt es schon in anderen Regionen der Welt.

Der asiatische Stadtstaat Singapur etwa hat zwei unterschiedliche Wassersysteme. Eins für das Abwasser, ein anderes für das Auffangen von Regenwasser in der ganzen Stadt. Das Wasser wird zu Trinkwasser aufbereitet und in riesigen Reservoirs gespeichert.

Blick auf zwei muschelförmige Gebäude an einem Fluss. Singapur Gärten an der Bucht, Marina Gardens

In Singapur wird das Regenwasser gesammelt und in riesigen Reservoirs gespeichert

Wie wirksam solche Auffangbecken sind, hängt natürlich auch von der Niederschlagsmenge im Winter ab. In den Italienischen Alpen hat es laut der lokalen Umweltorganisation Legambiente diesen Winter nur halb so viel geschneit wie sonst. Der Po, der längste Fluss des Landes, führt nur einen Bruchteil der üblichen Wassermenge.

Schon jetzt sei die Situation kritisch und erfordere dringende Maßnahmen, so die Umweltorganisation. „Wir müssen die Entnahmen in den verschiedenen Sektoren und für die verschiedenen Verwendungszwecke sofort reduzieren, bevor der Punkt erreicht ist, an dem es kein Zurück mehr gibt,” so Giorgio Zampetti, Leiter von Legambiente, in einer Pressemitteilung Ende Februar 2023.

Die Organisation fordert von der neuen italienische Regierung eine nationale Wasserstrategie, die auch die kreislauforientierte Wasserwirtschaft fördert. Das heißt auch mehr Wasseraufbereitung und Mehrfachnutzung, um die Auswirkungen auf die Umwelt zu verringern und das Grundwasser zu schonen. Der italienische Landwirtschaftsminister Francesco Lollobrigida bezeichnete die Wasserknappheit Anfang März als „Ausnahmezustand, der kurz- und langfristige Maßnahmen“ erfordere. Einen genauen Plan dafür gibt es allerdings noch nicht.  

Wasser sparen durch Instandhaltung von Rohren und Reservoirs

Eine weitere Möglichkeit, schnell und effektiv Wasser zu sparen, wäre das Stopfen der Löcher in der bestehenden Wasserinfrastruktur und die Reparatur undichter Stellen in Rohren und Leitungen. 

Die Wasserverluste durch Leckagen in der EU sind enorm, die Instandsetzung könnte gerade für die von Dürre betroffenen Länder ein feuchter Segen sein.  

In Italien gehen jedes Jahr 40 Prozent des Wassers durch leckende Rohre und Leitungen verloren. In Frankreich sind es laut der europäischen Vereinigung für Wasserdienstleister 20 Prozent, in Portugal rund 30 Prozent.  Am meisten Wasser tropft ungenutzt aus bulgarischen (60 Prozent) und rumänischen (über 40 Prozent) Wasserleitungen.

Im europäischen Durchschnitt geht ein Viertel des Trinkwassers durch schlechte Infrastruktur und unzureichendes Wassermanagement verloren. 

Die EU-Kommission hat Ende 2022 ein Update der EU Trinkwasser-Direktive vorgeschlagen, die die Mitgliedsländer dazu aufgefordert, die Überwachung von Wasserverschwendung und Lecks in der Infrastruktur zu verbessern und mehr in entsprechende Maßnahmen und Datenerhebungen zu investieren.

Derzeit stecken Länder im europäischen Süden, die besonders stark von Dürren betroffen sind, wie etwa Spanien, Italien oder Bulgarien, pro Einwohner am wenigsten Geld in bessere Leitungen.

Riesiges Potential in Europa: Wasser mehrfach nutzen und aufbereiten

Laut der Europäischen Kommission ist auch das Potenzial für das Aufbereiten und Wiederverwenden von Wasser groß.   

Derzeit werden in der EU nur 0,5 Prozent, das sind etwa eine Milliarde Kubikmeter, des entnommenen Frischwassers aufbereitet und wiederverwendet. Mit ausreichend vielen Kläranlagen und der entsprechenden Infrastruktur könnte das Wasser wesentlich effizienter genutzt werden, das würde den Druck auf Frischwasserreservoirs und die Abhängigkeit von natürlichen Wasserquellen deutlich verringern.

In Italien zum Beispiel macht aufbereitetes Wasser bei der künstlichen Bewässerung nur fünf Prozent aus. Der Rest stammt aus immer knapper werdenden Frischwasserquellen. Die Landwirtschaft verbraucht derzeit 30 Prozent des gesamten Frischwassers in der EU. 

Eine weitere Möglichkeit für Landwirte bestünde darin, auf trockenresistentere Sorten umzusteigen, so Samantha Burgess. 

Klimaresistente Pflanzen durch die Genschere?

Mehr Regen nötig: Vorbereiten auf Wassermangel im Sommer 

Sollte sich die Lage weiter verschärfen, haben die Behörden in Frankreich bereits angekündigt, in 87 Gemeinden gegebenenfalls Einschränkungen der Wassernutzung zu verordnen. Das wären Maßnahmen, die sonst bei extremer Dürre im Hochsommer greifen, wie etwa ein Verbot für das Auffüllen privater Schwimmbecken.

Der Branchenverband der europäischen Landwirte Copa-Cogeca beschreibt die Situation in Südfrankreich gegenüber der DW als „besorgniserregend.” 

Dies sei kein gutes Vorzeichen für die Wasserversorgung in den kommenden warmen Monaten, so auch die Klimaexpertin Burgess. „Falls wir nicht bald eine Reihe an Stürmen erleben oder sehr heftige Niederschläge, die eine Menge Feuchtigkeit mit sich bringen, dann deuten unsere Karten darauf hin, dass wir einen sehr trocken Frühling und Sommer erleben werden.”

Sie geht davon aus, dass es auch in diesem Sommer in Europa in betroffenen Regionen zu Einschränkungen der Wassernutzung kommen wird. Hilflos sei man der Situation allerdings nicht ausgesetzt. „Wir spüren die Auswirkungen des Klimawandels hier und heute. Und es gibt eine vieles, was man als Einzelner, als Regierung und als Gesellschaft tun kann.”

 

In einer vorherigen Version haben wir Susanne statt Samantha Burgess geschrieben. Wir haben den Fehler korrigiert.