Medikamentenmangel: Patienten sind die Leidtragenden

Der Medikamentenmangelbeschäftigt eine Vielzahl von Menschen: Apotheker und Apothekerinnen schlagen Alarm, medizinisches Personal schlägt Alarm, und nicht zuletzt die Patienten und Patientinnen. Sie sind die Leidtragenden, wenn ein wichtiges Arzneimittel nicht verfügbar ist und sie in der Apotheke immer wieder zu hören bekommen: „Das Medikament ist zurzeit nicht lieferbar.“

Auf der Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) stehen unter anderem HIV-Medikamente. Und auch beim lebenswichtigen Insulin, das sich Menschen mit Typ-1-Diabetes regelmäßig spritzen müssen, gibt es in Deutschland Lieferengpässe, wenn auch laut BfArM noch keine Versorgungsengpässe. 

Ein Lieferengpass ist kein Versorgungsengpass

Es sei wichtig, zwischen diesen beiden Begriffen zu unterscheiden, betont das BfArM. „Ein Lieferengpass ist eine über voraussichtlich 2 Wochen hinausgehende Unterbrechung einer Auslieferung im üblichen Umfang oder eine deutlich vermehrte Nachfrage, der nicht angemessen nachgekommen werden kann“, heißt es auf der Webseite des Bundesinstituts. 

Hierbei sei es insbesondere von Bedeutung, ob Alternativpräparate für die Therapie zur Verfügung stünden und sich diese Arzneimittel zurzeit auf dem Markt befänden. Konkret heißt das, es könnte eng werden, wenn es keine Generika gibt. Das wäre dann ein Versorgungsengpass. 

Aber auch kurzfristige Lieferprobleme bedeuten eine erhebliche Mehrbelastung für Apotheker und Apothekerinnen. Denn selbst wenn Generika verfügbar sind, müssen sie erst einmal auf dem internationalen Markt ausfindig gemacht und besorgt werden. Hinzu kommen Stress und Unsicherheit bei den Erkrankten. Vielleicht haben sie jahrelang ein und dasselbe Medikament bekommen und nun, da dies aktuell nicht verfügbar ist, sollen sie plötzlich auf ein anderes Präparat umsteigen. 

Kundin in einer Apotheke

Wenn Medikamente nicht lieferbar sind, muss auf Generika zurückgegriffen werden.

Die Liste der knappen Arzneien ist lang

Die Daten für die Problem-Liste des BfArM stammen aus den Meldungen der Medikamentenhersteller und aus der Arzneimittel- und Antragsdatenbank (AmAnDa) des Bundes. Neben Insulin und HIV-Medikamenten mangelt es beispielsweise an Antibiotika, an Asthmasprays, blutsenkenden Mitteln, Krebsmitteln, Antiepileptika bis hin zu Ibuprofen und Paracetamol. Diese Aufstellung ließe sich problemlos verlängern. Glück im Unglück ist es, wenn entsprechende Generika auf dem Markt sind. 

Nicht alle Wirkstoffe in den verschiedenen Medikamenten sind dabei essentiell für die Versorgung von Patienten und Patientinnen. „So betreffen beispielsweise von über 250 Meldungen zu Lieferengpässen nur 10 Meldungen versorgungskritische Wirkstoffe“, erklärt das BfArM. Fehlen diese Stoffe aber, können auch keine Medikamente mehr hergestellt werden. 

Droht ein Versorgungsengpass?

Martin Scherer von der Degam, der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, sieht zum jetzigen Zeitpunkt zumindest für Deutschland keine Unterversorgung bei den wichtigsten Arzneimitteln. „Empfundene Lieferengpässe sind für mich als Arzt kein Grund, größere Packungen zu verordnen. Das könnte sogar gefährlich werden, da sensible Werte wie Blutdruck, Blutverdünnung oder Schilddrüsenwerte regelmäßig überprüft werden müssen und die Dosierung der Arzneimittel gegebenenfalls angepasst wird“, sagt der Mediziner. 

Ärzte wie Scherer müssen sich also darauf einstellen, ihren Patienten und Patientinnen nicht mehr das Originalmedikament verschreiben zu können und Zweifel darüber ausräumen, ob das Nachahmerpräparat auch genauso gut wirkt. 

Lieferengpässe gibt es auf allen Kontinenten 

Länder auf der ganzen Welt sind von Engpässen bei der Lieferung von Medikamenten betroffen. Wie gravierend die Probleme für jeden einzelnen sind und ob die Situation lebensbedrohlich werden kann, hängt nicht zuletzt davon ab, um welche Krankheit es geht. Menschen, die beispielsweise an Krebs oder Diabetes erkrankt sind oder HIV-positive Patienten und Patientinnen sind dringend auf die regelmäßige Einnahme ihrer Arznei angewiesen. Wird die Behandlung unterbrochen oder sogar ganz abgebrochen, kann das zu Komplikationen führen.

Indien: Arbeiter in einem Pharmaunternehmen

Viele Medikamente werden in Indien produziert

Wenn die Wirkstoffe knapp werden

HIV ist weltweit verbreitet. Behandelt wird die Erkrankung mit sogenannten antiretroviralen Arzneien. Bislang hat das gut funktioniert, zumindest in den Industrieländern.

In einem Land wie beispielsweise Indien aber, wo die Infektionsrate besonders hoch ist, gibt es wesentlich weniger Möglichkeiten einer Therapie. Die antiretroviralen Medikamente sind einfach zu teuer. In Deutschland kostet die Behandlung einer HIV-Patientin beziehungsweise eines HIV-Patienten jedes Jahr zwischen 20.000 und 30.000 Euro.

Das kann sich kaum jemand leisten. Viele sind deshalb auf kostenlose HIV-Medikamente angewiesen. Diese werden in staatlichen antiretroviralen Zentren verteilt. Stockt die Lieferung, stockt auch die Behandlung. 

HIV ist nur ein Problem von vielen

In vielen ärmeren Ländern gibt es etliche  Erkrankungen, die in Industrienationen praktisch nicht mehr vorkommen. Ohne medikamentöse Behandlung können viele davon tödlich enden. Dazu gehört beispielsweise die Hansen-Krankheit, besser bekannt als Lepra. Ein weiteres Beispiel sind Schlangenbisse, die in Indien nicht ungewöhnlich sind. Auch diese können tödlich enden, wenn sich die Lage verschlechtert und das nötige Medikament nicht verfügbar sein sollte. 

In Vietnam bereitet der Mangel an einem Präparat Sorge, das bei Herzoperationen eingesetzt wird, und das die blutverdünnende Wirkung von Heparin, das Blutgerinnsel verhindert, umkehrt.

In vielen afrikanischen Ländern ist die Situation nicht besser. Dort ist der Zugang zu Arzneimitteln sowieso schon stark eingeschränkt. Eine Medikamentenknappheit verschlimmert die Situation. So gibt das Forschungszentrum für Infektionskrankheiten an der University of Minnesota,CIDRAP, auf seiner Webseite an, dass etwa vier Millionen Dosen eines Rotavirus-Impfstoffes fehlen. 

Das betrifft vor allem Kinder in Kenia, Tansania, dem Senegal und Kamerun. Eine Infektion mit Rotaviren führt bei kleinen Kindern unter anderem zu Durchfall, sodass ihr Körper dehydriert. Mehr als zwei Millionen Kinder müssen deshalb jedes Jahr in ein Krankenhaus eingeliefert werden. 

Die Medikamentenknappheit bereitet vielen Sorge

Auch Krankenhäuser und damit Operationen sind betroffen wenn es zu einem gravierenden Versorgungsengpass kommt. Nach Angaben des British Medical Journals, BMJ, hat der Mangel an dem Mittel Remifentanil im Vereinigten Königreich bereits Konsequenzen. Das Opioid, das nur über eine kurze Zeit im Körper wirksam ist, wird bei Operationen eingesetzt. Patienten und Patientinnen erholen sich mit diesem Präparat schneller nach der Narkose. Länger anhaltende Nebenwirkungen können so vermieden werden. Jetzt aber gibt es Lieferschwierigkeiten. Das Personal in den Krankenhäusern muss versuchen, andere Wege zu finden, um die für den Körper belastenden Nebenwirkungen möglichst zu vermeiden. 

Der Mangel hat viele Ursachen 

Eine Ursache für die derzeitige Entwicklung sehen Expert*innen in der Monopolisierung der Märkte. Gerät eine Produktionsfirma in eine Schieflage kann allein das weitreichende Folgen haben. Auf die schnelle andere Produktionsstätten zu finden, die eine Produktion übergangslos weiterführen könnten, ist oft schwierig.

Auch die finanzielle Seite spielt eine große Rolle. Viele Arzneimittel werden in Asien produziert. Dort sind die Kosten wesentlich niedriger als anderswo.  

„In einer globalisierten Welt ist auch die Arzneimittelproduktion von weltweiten Entwicklungen abhängig“, sagt Scherer. „Sie ist zum Beispiel von international auftretenden Rohstoffproblemen abhängig, von Preissteigerungen und Transportschwierigkeiten etwa aus China oder Indien. Zusätzlich wirken sich die steigenden Energiekosten auf die Arzneimittel-Versorgung aus.“

Müssen Fabriken geschlossen werden, weil die Betreiber die Energierechnung nicht mehr bezahlen können, reichen die Alternativen oft nicht. Und so müssen Ärzte und Ärztinnen, Apotheker und Apothekerinnen, Pharmaunternehmen und Produktionsbetriebe immer wieder aufs Neue mit vorhandenen Ressourcen jonglieren und hoffen, dass der Medikamentenengpass wirklich nur kurzfristig ist.