Sex und Geschlechtskrankheiten – Syphilis kann tödlich sein

„Safer Sex“, war in den 1980er Jahren, als HIV bekannt wurde, fast schon eine Selbstverständlichkeit, scheint mittlerweile aber in Vergessenheit geraten zu sein. Gerade junge Menschen haben die Panik, die durch die ersten HIV-Fälle ausgelöst wurde, nicht erlebt und bei vielen herrscht ein großes Informationsdefizit.

Wie macht sich eine Syphilis-Infektion bemerkbar?

Nicht alle Infizierten haben die gleichen Symptome. Meist entsteht an der Eintrittsstelle des Bakteriums, dem sogenannten Treponema pallidum, ein Ulkus, ein Geschwür. Manchmal hat es die Größe eines Pickels, aber es kann sich auch bis auf etwa einen Zentimeter ausdehnen.

Bei Männern tritt es am Glied auf, bei Frauen vaginal oder an den Schamlippen. Es kann sich auch im Analbereich bilden. „Bei einigen taucht ein Geschwür an den Gesichtslippen oder an der Zunge auf. Aber dieses Bakterium kann man auch am Finger haben. Das ist das erste Stadium der Syphilis, der Primäraffekt“, erklärt der Aids-Experte Norbert Brockmeyer.

Erste Symptome werden oft falsch eingeschätzt

Viele Betroffene nehmen die Anzeichen erst einmal nicht so ernst und denken vielleicht: Was von alleine kommt, geht von alleine. Aber es kommt eben nicht „von alleine“, sondern durch Geschlechtsverkehr Das Problem löst sich nicht von selbst, auch wenn das zunächst so erscheinen mag, denn nach etwa drei Wochen ist das Geschwür in den meisten Fällen erst einmal  von selbst abgeheilt.

„Nach einem nicht klar definierten Zeitraum kommt es zu einem Hautausschlag, weil die Erreger sich über das Blut im ganzen Körper ausgebreitet haben“, erläutert Brockmeyer. „Das heißt: Sie kriegen am ganzen Körper Hautveränderungen. Manche sind erhaben, manche schuppen ein bisschen, andere wiederum sind rötlich.“

FSU Jena Moulagen-Sammlung Wachsmodell zu Syphilis

Das Wachsmodell zeigt ein frühes Stadium der Syphilis

Die Syphilis durchläuft verschiedene Stadien

Die für die Syphilis typischen Hautausschläge befinden sich meistens an den Fußsohlen oder in den Handinnenflächen. „Sie jucken nicht und lassen sich so recht gut von einem allergischen Hautausschlag unterscheiden“, erklärt Brockmeyer. Diese Phase ist das zweite Stadium der Erkrankung.

Im sogenannten Tertiärstadium, also der dritten Phase, kommt es dann zu sehr ernsthaften Auswirkungen der Erkrankung. Dann sind nicht nur innere Organe, Luftwege, Magen und Leber beeinträchtigt, sondern auch Muskeln und Knochen. Ganz schlimm wird es, wenn sich ein sogenannter syphilitischer Knoten an der Aorta, der Hauptschlagader, bildet. Kommt es dadurch im späteren Verlauf zu einem Aortenaneurysma, also einer Aussackung, ist das lebensgefährlich.

Syphilis kann zu chronischen Folgeerkrankungen führen

Die Syphilis ist eine sogenannte Systemerkrankung und kann in der vierten Phase irreversible Folgen haben. Oft sind diese gekennzeichnet durch Herzentzündungen und Lähmungserscheinungen, die Leberwerte können sich verändern, die Augen erkranken und auch das Gehirn kann dann Schaden nehmen.

Bei etwa 25 Prozent der Patienten kommt es zu einer chronischen Hirnentzündung. Mehr noch: Die Erkrankung kann auch die Augen befallen. „Es kommt sowohl zu einer Störung der Nervenbahnen als auch der Zellen selbst. Bei vielen berühmten Persönlichkeiten hat die Syphilis die geistigen Fähigkeiten angegriffen“, sagt Brockmeyer. Zu diesen Personen gehören zum Beispiel Ludwig van Beethoven, Friedrich Nietzsche, und laut verschiedener Forschungsergebnisse hatte auch Katharina die Große offenbar Syphilis.

Gemälde Joseph Karl Stieler | Porträt | Ludwig van Beethoven

Ludwig van Beethoven soll durch eine Syphilis-Infektion taub geworden sein

Früher trug die Syphilis auch die Bezeichnung „Affe unter den Erkrankungen“, denn ein Affe kann eben vieles nachäffen. Sie galt auch als „Chamäleon der Medizin“, und der berühmte kanadische Arzt und Pionier, Sir William Osler, formulierte Ende des 19. Jahrhunderts den Satz: „Wer sich mit der Syphilis auskennt, kennt die Medizin.“

Ist Syphilis heilbar?

So gut wie alle Geschlechtskrankheiten unterliegen einem großen Tabu.  Als klar wurde, dass die Syphilis durch sexuellen Kontakt übertragen wird, hatte sie einen moralischen und anstößigen Beigeschmack. Das hat sich bis heute nicht geändert.

HIV hingegen wird in der Gesellschaft mittlerweile eher akzeptiert als Syphilis. „Wenn ich Menschen mit einer HIV-Infektion frage, ob sie zu einer Diskussionsrunde im Fernsehen mitkommen, sagen viele ‚Ja‘. Wenn ich Leute frage, die mit Syphilis infiziert sind, sagen fast 100 Prozent ‚Nein'“, beschreibt Brockmeyer die Situation.

Behandelt wurde zunächst meist mit Salvarsan, einer Arsenverbindung, die 1910 in den Handel kam. 1943 wurde dann Penicillin das Mittel der Wahl, und das ist es bis heute. „Andere Antibiotika zeigen schon Resistenzen“, gibt Brockmeyer zu Bedenken.

„Sollte der Erreger Resistenzen gegen Penicillin aufbauen, werden wir ein Problem haben, das nur mit größten Anstrengungen zu lösen ist. Deshalb ist es jetzt Zeit, Reserveantibiotika zu entwickeln und zu testen.“

Sir Alexander Fleming im Labor

1928 entdeckte Sir Alexander Fleming das Penicilin – bis heute das Mittel der Wahl bei Syphilis

Syphilis wurde als Kriegswaffe eingesetzt

Darüber, wie die Syphilis nach Europa gelangt ist, gibt es zahlreiche Theorien. Eine davon ist, dass Columbus und seine Mannen sie im Gepäck hatten als sie 1492 von der Entdeckung Amerikas nach Spanien zurückkehrten. Die Infektion wanderte dann durch Italien und Frankreich, Syphilis weitete sich zu einer Epidemie aus. Von Europa zog die „Franzosenkrankheit“- wie sie auch genannt wurde – dann weiter bis nach Asien.

Schnell wurde klar, dass es sich bei der Krankheit um eine Infektion handelte, dass sie also übertragbar war. Die sogenannten Marketenderinnen – Frauen, die das Heer in Kriegen begleiteten –  dienten auch als Prostituierte. „Wenn man wusste, dass einige der Marketenderinnen mit Syphilis infiziert waren, hat man sie gerne auch mal als Liebesbotschaft zu den feindlichen Heeren geschickt.

Kriege sind so auch durch die Syphilis entschieden worden, denn viele Soldaten infizierten sich und wurden von der Geschlechtskrankheit früher oder später dezimiert. Auch vor vielen Jahrhunderten gab es also schon „biologische Kriegsführung“, sagt Brockmeyer.

Es fehlt an Geld für Aufklärung und Therapie

Syphilis ist in unseren Breitengraden heute etwas in Vergessenheit geraten. Gerade das macht sie gefährlich, denn verschwunden ist sie nicht. Aufklärung, Beratung, Diagnostik und Therapie sind die wichtigsten Maßnahmen, um die gefährliche Infektionserkrankung endgültig in den Griff zu bekommen.

Die beste Prophylaxe ist noch immer das Kondom. Das gilt für alle Geschlechtskrankheiten. Und es schützt auch vor einer HIV-Infektion. Aufklärungsarbeit tut weiterhin Not. Information steht deshalb beim Zentrum für sexuelle Medizin und Gesundheit ganz oben auf der Liste, aber die Anstrengungen müssten noch viel weiter und intensiver geführt werden, appelliert Norbert Brockmeyer.

Dafür werde Geld benötigt. „Hier fehlt einfach die Langzeitperspektive. Wir brauchen das Geld jetzt, damit wir in fünf Jahren Erfolge sehen. Die Schutzmöglichkeiten gegen verschiedenste sexuell übertragbare Infektionen müssen wir nutzen: Impfung gegen Humane Papilloma-Viren, Tabletten gegen die HIV-Infektion, Vorsorgeuntersuchungen“, sagt Brockmeyer. Dann würden nicht nur Infektionen mit Syphilis, sondern auch viele andere Geschlechtskrankheiten zurückgehen.