Stoppt der UN-Biodiversitätgipfel den rapiden Verlust der Natur?

Der vom Menschen verursachte Verlust der biologischen Vielfalt ist eine der Hauptursachen für das sechste Massensterben auf dieser Erde. Drei Viertel der Tier- und Pflanzenarten könnten in nur wenigen Jahrhunderten verschwinden. Dieser Verlust verschärft auch den Klimawandel, da dem Planeten unter anderem die natürlichen Kohlenstoffspeicher, etwa durch verschwindende Moore oder Wälder, entzogen werden.

Derzeit sind weltweit weniger als 17 Prozent der Landflächen und acht Prozent  der Ozeane Schutzgebiete. Hier ist zwar die biologische Vielfalt zumindest theoretisch vor Ausbeutung, Verschmutzung oder Abholzung sicher – nicht aber vor den Auswirkungen des Klimawandels, der durch Dürren, Überschwemmungen und Waldbrände die Biosphäre verwüstet. 

Eine Luftaufnahme zeigt Flächen des Amazonas-Regenwaldes in Brasilien: Auf drei von vier Flächen sieht man Felder, nur auf einer stehen noch Bäume

Der Amazonas-Regenwald, eines der artenreichsten Gebiete der Erde, wird zerstört, um Platz für die Landwirtschaft zu schaffen

Auf der aktuellen UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt, COP15, die diese Woche im kanadischen Montreal stattfindet, soll der Rückgang der Ökosysteme gestoppt werden, indem bis 2030 insgesamt 30 Prozent  der weltweiten Land- und Meeresflächen unter Schutz gestellt werden. „30 by 30“ – so lautet das Schlagwort dafür.

Die Artenvielfalt ist die Grundlage unseres Lebens

Die Vertragsstaatenkonferenz (conference of the parties – COP), tagt alle zwei Jahre. Sie schreibt das von 195 UN-Mitgliedern und der EU ratifizierte Übereinkommen über die biologische Vielfalt (CBD) aus dem Jahr 1992 fort. Dieses sieht vor, dass die biologische Vielfalt dieser Erde durch eine nachhaltige Nutzung der Naturressourcen erhalten bleiben soll.  

„Die biologische Vielfalt ist die Grundlage des Lebens“, sagt Elisabeth Mrema, CBD-Exekutivsekretärin. „Wir sind von der biologischen Vielfalt abhängig, ob es um unsere Nahrung, unser Trinkwasser, die Bindung von CO2, unsere Medikamente oder die Luft zum Atmen geht“, so Mrema im DW-Interview. 

Gründe für das Sterben der biologischen Vielfalt bekämpfen

Der Druck auf die aktuelle COP15, realistische und erreichbare Ziele festzulegen, ist groß. Auf der Konferenz 2010 im japanischen Nagoya wurden 20 Biodiversitätsziele festgelegt, wie etwa die Halbierung des Verlusts natürlicher Lebensräume bis 2020. „Wir haben im Grunde genommen keines der Ziele erreicht – und die Lage hat sich seither deutlich verschlechtert“, sagt Dave Hole, Wissenschaftler für Klimawandel und Artenvielfalt bei der US-amerikanischen Umweltorganisation Conservation International. „Die nächsten zehn Jahre sind unglaublich wichtig!“

So ist etwa die Zahl der Insekten, die als Bestäuber für die Ökosysteme lebenswichtig sind, stark rückläufig. Weltweit könnten schon in den nächsten Jahrzehnten 40 Prozent aller Insektenarten aussterben, wie eine Studie aus dem Jahr 2019 zeigt.

Infografik: Ursachen Insektensterben

Auf dem UN-Biodiversitätsgipfel soll nun ein Fahrplan für die Erholung der Natur bis 2030 erstellt werden; und zwar nicht nur durch Unterschutzstellung von Natur sondern auch durch die Bekämpfung von 22 Ursachen für den Verlust der biologischen Vielfalt. Zu ihnen zählen etwa die übermäßige Ausbeutung natürlicher Ressourcen, Umweltverschmutzung, die Verbreitung gebietsfremder Arten und der Klimawandel.

Unsere Wirtschaft hängt von der Natur ab

Die biologische Vielfalt ist auch für die Weltwirtschaft von entscheidender Bedeutung. Da 50 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung von der Natur abhängen, wird der Schutz der biologischen Vielfalt laut Elisabeth Mrema nicht nur das Leben auf der Erde erhalten, sondern könnte bis 2030 auch fast 400 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze schaffen.  

Ein Mann greift nach reifen Äpfeln in einem Baum in Damavand, Iran

Ohne die Bestäubung durch Insekten gäbe es keine Obsternte – und noch viele andere Wirtschaftszweige hängen direkt von intakter biologischer Vielfalt ab

„Doch auch wenn die Welt bereit ist, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, wird es keine leichte Aufgabe sein, den Schutz zu verbessern“, meint die CBD-Exekutivsekretärin.

Jährlich wird eine Waldfläche von der Größe Portugals abgeholzt, wobei ein Großteil der Artenvielfalt verloren geht. Obwohl die Hälfte dieser Fläche wieder aufgeforstet wird, können dadurch die verlorenen Ökosysteme – und mit ihnen die Arten, die dort einst lebten – nicht wiederhergestellt werden.

Was sind die Stolpersteine für mehr Natur- und Artenschutz?

Mrema geht davon aus, dass das 30-bis-30-Ziel wahrscheinlich ratifiziert wird. Doch bei den Bemühungen der COP15, die Fläche mit einer intakten biologischen Vielfalt zu verdoppeln, müssen eine Reihe konkurrierender Interessen berücksichtigt werden. Werden zum Beispiel indigene Völker von ihrem angestammten Land verdrängt?

Indigene der Aru-Inseln in Indonesien protestieren für ihre Landrechte

Indigene Völker, hier ein Protest der Bevölkerung für ihre Landrechte auf den indonesischen Aru-Inseln, leben oft im Einklang mit der Natur

Bei den Verhandlungen müssten auch Schutzmaßnahmen für die Rechte indigener Völker, „und für Gemeinschaften, die die Hüter der biologischen Vielfalt sind“, vereinbart werden, betont Mrema. „Wie werden ihre Landrechte, ihre Kultur und ihr traditionelles Wissen geschützt?“

Obwohl Berichten zufolge mehr als 100 Länder, die an den Gesprächen in Montreal teilnehmen, öffentlich ihre Unterstützung für das 30-bis-30-Ziel zugesagt haben, wird die Finanzierung ein weiterer Knackpunkt bei den Verhandlungen sein. Schätzungen zufolge könnte sich die derzeitige Finanzierungslücke bis 2030 pro Jahr auf bis zu 824 Milliarden Dollar (780 Milliarden Euro) belaufen.

Wie bei der Vereinbarung über die Entschädigung für Verluste und Schäden durch den Klimawandel, die auf der COP27-Klimakonferenz im letzten Monat ausgehandelt wurde, fordern Entwicklungsländer wie Gabun, Kuba und Argentinien, dass die reichen Länder bis 2030 jährlich 700 Milliarden Dollar zur Bewahrung der Artenvielfalt bereitstellen. Die Industrieländer weigern sich jedoch bislang, einen festen Finanzierungsmechanismus für den Naturschutz zu schaffen.

Ein Rochen schwimmt über Seegraswiesen in der Unterwasserwelt der Malediven

Die Zerstörung der Seegraswiesen durch Baggerarbeiten hat die biologische Vielfalt der Malediven stark beeinträchtigt

Ein Entwurf für das neue Abkommen zur Biodiversität sieht vor, dass jährlich rund 500 Milliarden Dollar an solchen Finanzmitteln umgestaltet werden sollen, die der Natur schaden – unter anderem auch Subventionen für fossile Brennstoffe. Dies soll die gescheiterte Verpflichtung von 2010 ersetzen, laut der „Anreize, einschließlich Subventionen, die der biologischen Vielfalt schaden, zu beseitigen, auslaufen zu lassen oder zu reformieren“ sind.

Wie Biodiversität und Klimaschutz zusammenhängen

Der Umgang mit fossilen Brennstoffen und ihren Emissionen, die auch die Natur zerstören, verdeutlicht die wichtige Verbindung zwischen Biodiversitäts- und Klimaprogrammen. 

Experten betonen, dass jedes einzelne der 30-bis-30-Ziele durch die einsetzende globale Erwärmung und extreme Wettereinflüsse bedroht ist. „Wir können keine Lösungen für das eine finden, wenn wir das andere nicht berücksichtigen“, sagt Elisabeth Mrema.

Erst vergangene Woche wurden neue Forschungsergebnisse über die globale Landnutzung veröffentlicht. Sie zeigen, dass die Treibhausgasemissionen alleine in der weltweiten Land- und Forstwirtschaft, beim Schutz und der Wiederherstellung von Naturflächen bis 2030 auf Null sinken müssen, um einen katastrophalen Klimakollaps zu vermeiden. 

Ein Trecker beim Pflügen eines Ackers

Das Pflügen mit schweren Maschinen zerstört das Bodenleben und setzt Treibhausgase frei

Der Schutz der biologischen Vielfalt würde dem Bericht von Conservation International zufolge dazu beitragen, dass der Landsektor bis 2050 sogar zu einem Treibhausgas-Schlucker werden könnte. Aktuell gilt er dagegen als einer der größten Emittenten und produziert jährlich rund zwölf Gigatonnen Treibhausgase.

Solche naturbasierten Lösungen für das Klima erfordern jedoch ein größeres Verständnis über die Wichtigkeit der biologischen Vielfalt. „Die Klimakrise ist wissenschaftlich viel besser erforscht als die Krise der Arten und Ökosysteme. Hier besteht dringender Nachholbedarf“, mahnt Jörg Rocholl, Präsident der internationalen Wirtschaftshochschule ESMT Berlin. Er fordert deswegen, dass für alle Aktivitäten, die die Natur schädigen, ein Preis gezahlt werden soll. Als Vorbild könnte dafür das EU-weite System für den Handel mit CO2-Emissionen dienen.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt.