Was genau ist Biopiraterie?

Die Natur ist schon lange Basis für die Arzneimittelforschung und gentechnisch veränderte Nahrungspflanzen, und sie wird von Forschung und Unternehmen für die Entwicklung von vielen Produkten genutzt. Wenn aber Entdeckungen, die auf dem traditionellen Wissen indigener Völker oder dem Reichtum der biologischen Vielfalt in Entwicklungsländern beruhen, exportiert und patentiert werden, ohne dass dafür Geld gezahlt wird, spricht man von Biopiraterie. 

Diese Praxis hat eine lange Geschichte. Kolonialmächte wie Spanien, Großbritannien und andere nutzten die natürlichen Ressourcen der von ihnen besetzten Gebiete und schöpften hohe Gewinne durch den Handel mit Kaffee, Baumwolle, Tee, Gewürzen und Gummi ab. 

Abkommen über Biopiraterie haben oft nur eine schwache Wirkung 

Zwar erlangten die ehemaligen Kolonien nach und nach ihre Unabhängigkeit, doch Biopiraterie ist auch heute noch weit verbreitet. Große multinationale Unternehmen und Forschungsgruppen in reichen Industrienationen machen sich oft die natürlichen Ressourcen von Entwicklungsländer zu eigen und beanspruchen die Rechte am geistigen Eigentum für den eigenen Profit. Dazu gehören Firmen, die auf Biotechnologie, Landwirtschaft, Chemie oder Pharmazeutika spezialisiert sind. Allein der Markt der pharmazeutische Industrie war 2021 weltweit geschätzte 1,35 Billionen Euro wert. 

Zwar gibt es bereits seit Jahrzehnten Schutzmaßnahmen – etwa ein Abkommen der der Welthandelsorganisation WTO zur Regelung der Rechte an geistigem Eigentum für Pflanzen- und Tierarten. Doch diese haben sich nicht immer als ausreichend wirksam erwiesen. 

Das zeigt der Jahrzehnte dauernde Kampf um Produkte des indischen Neem-Baums. Dazu gehört auch ein Patent im Wert von über 60 Millionen Dollar jährlich, das 2008 dem multinationalen US-Konzern W.R. Grace für ein organisches Fungizid auf Neem-Basis erteilt wurde.

Ein Neembaum steht an einer Straße in Tadschikistan

Stoffe aus dem asiatischen Neem-Baum wirken gegen Pilze, Bakterien und Viren. Neemblätter werden traditionell auch zur Wundheilung und Desinfektion verwendet.

Den Streit um die Schlüsselrolle des Baumes im traditionellen Wissen der indischen Landwirtschaft, wo die hilfreichen Eigenschaften des Neem-Baumes schon von jeher genutzt werden, gewann schließlich die indische Regierung. 

Ein weiteres Beispiel ist die australische Kakadu-Pflaume. Wegen ihrer medizinischen Eigenschaften kostet die Frucht bis zu 27 US-Dollar pro Kilogramm. Das amerikanische Kosmetikunternehmen Mary Kay wollte sich einen Inhaltsstoff der Pflaume für eine Hautpflegeserie patentieren lassen. Dieser Schritt hätte einheimische indigene Produzenten vom australischen Markt ausgeschlossen. 

Wie die biologische Genforschung bisher geregelt ist 

Das internationale Nagoya-Protokoll regelt seit 2014 den Zugang zur biologischen Vielfalt und den genetischen Ressourcen der Natur. Es schreibt auch eine „faire und gerechte“ Aufteilung der erzielten Gewinne vor. Damit soll ein Ausgleich erreicht werden zwischen den Interessen der Länder, in den die genetischen Ressourcen vorhanden sind und den Ländern, die diese nutzen wollen.

Der völkerrechtlich bindende Vertrag wurde auf der zehnten UN-Biodiversitätskonferenz im japanischen Nagoya, der COP10, beschlossen. Bis heute haben 138 Länder das Dokument ratifiziert – allerdings fehlen noch einige wichtige Akteure, darunter Kanada, die USA und Russland. 

Infografik Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität

Die Aktualisierung des Nagoya-Protokolls gilt als einer der Streitpunkte auf der aktuellen UN-Biodiversitätskonferenz COP15 im kanadischen Montreal.

Es geht um die Nutzung genetischer Information von Mikroorganismen, Pflanzen, Pilzen und Tieren – sogenannte digitale Sequenzinformationen (DSI). DSI sind die Codes kurzer Erbgut-Abschnitte oder auch des gesamten Erbguts. 

Eine Gruppe von Staaten, viele darunter aus Afrika, will einem Abschlussdokument der Konferenz in Montreal nur dann zustimmen, wenn darin festgeschrieben wird, dass die Gewinne aus wissenschaftlichen Fortschritten wie der DSI-Technik gerecht aufgeteilt werden müssen. 

Wann schlägt Forschung in Ausbeutung um?

Derzeit sei sequenziertes Erbgut in frei zugänglichen Online-Datenbanken gespeichert, erklärt Rik Kutsch Lojenga, Geschäftsführer der internationalen Non-Profit-Organisation Union for Ethical BioTrade, im Gespräch mit der DW. Forscher und Unternehmen hätten daher Zugang zu den genetischen Informationen, die sie für die Entwicklung neuer Produkte benötigten, ohne dass sie dabei direkt mit physischen Proben in weit entfernten Labors arbeiten müssten. Dadurch sei es aber auch möglich, „die Verpflichtung zur Aufteilung der Gewinne aus der Nutzung der genetischen Ressourcen“ aus dem Nagoya-Protokoll zu umgehen, so Lojenga. 

„Die Nutzung digitaler Ressourcen ist ’subtiler‘ verglichen mit ‚klassischer‘ Biopiraterie“, erklärt Michele Rivasi. Die Französin ist Abgeordnete der Grünen-Fraktion im Europäischen Parlament. Ihr zufolge zielen manche Forscherinnen und Forscher nun darauf ab, so viele DSI Sequenzen wie möglich für „riesige Datenbanken“ zu sammeln, um sämtliche Informationen daraus zu ziehen, die für aktuelle oder künftige Entwicklungen von Interesse sein könnten. 

Es sei daher oft schwierig, den genauen Beitrag einer speziellen Ressource zum Endergebnis zu identifizieren oder zu quantifizieren, betont Rivasi. 

Finanzielle Anerkennung für das Wissen indigener Gruppen

Bei den Vorgesprächen zur aktuellen COP, die im März in Genf stattfanden, betonten die Verhandlungsführer, dass indigene Völker und lokale Gemeinschaften die Hauptnutznießer eines neuen Biodiversitäts-Abkommens sein sollten. Sie müssten eine faire Entschädigung für ihr Wissen erhalten, da sie eine entscheidende Rolle bei der Erhaltung natürlicher Ressourcen spielten. 

Obwohl Studien zeigen, dass Probleme wie die Entwaldung in der Regel deutlich geringer sind, wenn Gebiete von indigenen Gemeinschaften verwaltet werden, werden die Schutzbestimmungen des Nagoya-Protokolls bisher oft ignoriert.

Nahaufnahme der roten Blüten der Quassia-Pflanze aus Südamerika

Die Quassia-Pflanze, auch Bitterholz genannt, enthält Substanzen, die gegen Malaria wirken

Rivasi berichtet von einem Fall in Französisch-Guayana. Dort hatten Forschende auf der Grundlage von Gesprächen mit indigenen Gruppen im Jahr 2005 einen Bestandteil von Quassia amara, einer traditionellen Heilpflanze mit Malaria bekämpfenden Eigenschaften, identifiziert – und patentieren lassen. Obwohl die in Frankreich ansässige IRD-Forschungsgruppe schließlich zustimmte, alle wissenschaftlichen und wirtschaftliche Erträge zu teilen, behält sie das 2015 erteilte europäische Patent weiterhin, trotz einer Beschwerde.

Biopiraterie mit traditionellen Heilpflanzen

„Dieses Patent ist ein eklatanter Fall von Biopiraterie“, sagt Rivasi. „Diese Entscheidung gefährdet die Verwendung traditioneller Heilmittel, da IRD den Gemeinschaften, die diese Mittel entdeckt haben, deren Verwendung verbieten kann.“ Die Pflanze wird in der einheimischen Volksmedizin schon lange gegen Malaria eingesetzt. Die multinationalen Unternehmen, die solche Patente besitzen, betonen jedoch, dass ihnen erst die Nutzung von exklusiven geistigen Eigentumsrechten ermöglicht, die Millionen, die sie in Forschung und Innovation investiert haben, wieder hereinzuholen. 

„Es ist wichtig, dass wir ein Patentsystem haben, mit dem die Industrie für ihre Forschung gewürdigt wird“, sagt Suvarna Pandey, Patentanwältin bei der indischen Anwaltskanzlei RNA, Technology and IP Attorneys. „Es sollte ein Gleichgewicht zwischen dem technologischen Fortschritt und unserem traditionellen Wissen bestehen. Es muss bewahrt werden. Es darf nicht zweckentfremdet werden.“ 

Könnte eine HandelsabgabeBiopiraterie entgegenwirken?

Bei den Genfer Gesprächen im März brachte ein Delegierter der afrikanischen Ländergruppe die Idee ins Spiel, ein globales System zu schaffen, das eine Abgabe von einem Prozent auf die Einzelhandelspreise für alle Produkte erhebt, die einen Bezug zur biologischen Vielfalt haben, „um die Erhaltung der biologischen Vielfalt vor Ort zu unterstützen“. 

Dieser Ansatz hat auf lokaler Ebene bereits Früchte getragen, zum Beispiel in Südafrika, wo die Rooibos-Industrie Ende 2019 eine Vereinbarung zum Vorteilsausgleich mit den indigenen Gemeinschaften der Khoi und San unterzeichnet hat. Aus dem Rooibos-Strauch wird vor allem Tee hergestellt, aber auch Kosmetika, Säfte und Medikamente. 

Ein Mann beugt sich zum Schneiden über Rooibos-Sträucher in einer Sandlandschaft nahe Clanwilliam in Südafrika

Im südlichen Afrika sind Tee und andere Produkte aus dem Rooibos-Strauch schon lange beliebt. Jetzt profitieren auch die Ureinwohner von den Gewinnen der Roibos-Industrie.

In der Vereinbarung wird anerkannt, dass die Khoi und San die Inhaber des „traditionellen Wissens“ über die endemischen Rooibos- und Honeybush-Pflanzen sind. Und es wird geregelt, dass die indigenen Gemeinschaften 1,5 Prozent dessen erhalten, was die Rooibos-Industrie den Bauern für ihre Ernte zahlt. Im Jahr 2022 waren das umgerechnet rund 675.500 Euro – ein kleiner Teil der sehr einträglichen Roibos-Gewinne. 

Die Verhandlungsführer in Montreal werden sich in den kommenden Tagen mit solchen Beispielen befassen, wenn sie die Einzelheiten des neuen internationalen Rahmenabkommens für die biologische Vielfalt ausarbeiten.  

Die Nutzung biologischer Ressourcen werde auch künftig wichtig bleiben, ebenso wie die weitere wissenschaftliche Suche nach neue Entdeckungen und Anwendungsmöglichkeiten aus der Natur in den nächsten Jahren, betont NGO-Mann Lojenga. Die Biodiversität „hat schon sehr, sehr viel zum menschlichen Wohlbefinden beigetragen.“ 

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 20. Juni 2022 veröffentlicht. Er wurde im Dezember 2022 aktualisiert, um zusätzliche Forschungsergebnisse und neue Informationen über das Nagoya-Protokoll und das Rooibos-Abkommen aufzunehmen. Er spiegelt auch die Entscheidung wider, die UN-Biodiversitätskonferenz COP15 von Kunming, China, nach Montreal, Kanada, zu verlegen, wobei China den Vorsitz innehat. Der Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt.