Was Menschen anfällig für Fake News macht

„Die COVID-19-Pandemie ist bloß eine Erfindung politischer Eliten, um Grundrechte einzuschränken und Menschen zu knechten. Masken helfen nicht, nein, sie machen sogar krank. Und die Impfung tötet.“

Behauptungen wie diese sind während der Pandemie wie Pilze aus dem Boden geschossen – und haben dankbare Abnehmer gefunden. Psychologen beschäftigen sich seither mit der Frage: Wer sind die Menschen, die das glauben?

Einer von ihnen ist Jan Philipp Rudloff. Der Psychologe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kommunikationspsychologie und Neue Medien an der Universität Würzburg.

Fake News und Verschwörungstheorien gehören zu seinen Forschungsinteressen. „Es ist schwer, den klassischen Verschwörungsgläubigen zu zeichnen“, sagt Rudloff. Dennoch gibt es etwas, das Menschen, die Verschwörungen und Fake News zugeneigt sind, miteinander verbindet – zumindest ist das das Ergebnis zweier Publikationen, an denen Rudloff mitgewirkt hat. „Es ist ein bestimmtes Verständnis davon, was Wissen ist und was Fakten sind.“

Die Forschenden stellten fest, dass bestimmte, sogenannte epistemische Überzeugungen den Glauben an Verschwörungserzählungen erklären können.

Verzweifelt an Corona-Leugnern

Epistemische Überzeugungen sind individuelle Vorstellungen einer Person über Wissen und Wissenserwerb. So vertrauen manche Menschen besonders ihrer Intuition (was erstmal nicht unbedingt problematisch ist), haben aber wenig Interesse daran, ihr Bauchgefühl durch stichhaltige Beweise abzusichern.

Sie finden, Meinungen seien grundsätzlich gleichwertig, unabhängig von der wissenschaftlichen Evidenz, die möglicherweise eine These viel stärker stützt als die andere.

Rudloff und seine Kollegen wollten in ihrer ersten Untersuchung wissen, welche epistemischen Überzeugungen Menschen haben, die an Corona-Verschwörungserzählungen glauben und befragten dazu mehr als 2000 Probanden aus Deutschland und den USA.

„Diejenigen, die viel Wert auf ihre Intuition legen, wenig Wert auf stichhaltige Beweise und der Meinung sind, dass das, was als Wahrheit gilt, durch die Mächtigen vorgegeben wird, sind besonders anfällig für Fake News und Verschwörungstheorien“, fasst Rudloff die Ergebnisse der Untersuchungen zusammen. 

Die Forschenden untersuchten außerdem eine weitere Theorie: Neigen Menschen mit ausgeprägten „dunklen Persönlichkeitsmerkmalen“ eher zu den von Rudloff beschriebenen epistemischen Überzeugungen und damit auch dazu, Verschwörungserzählungen und Fake News zu glauben?

Die dunkle Triade

„Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus sind drei besonders bekannte Beispiele für dunkle Persönlichkeitsmerkmale“, erklärt Rudloff. Sie werden auch die „dunkle Triade“ genannt. Dabei handelt es sich um Merkmale, die jeder Mensch in einer gewissen Ausprägung in sich trägt. 

Während Menschen mit starken narzisstischen Zügen gern im Mittelpunkt stehen, ist Personen mit ausgeprägtem Machiavellismus Status und Macht ganz besonders wichtig. Psychopathie hingegen zeichnet sich durch risikofreudiges und impulsives Verhalten aus. 

So unterschiedlich die Eigenarten der drei Spieler der dunklen Triade sind, sie haben einen gemeinsamen Wesenskern: „Sie führen zu einem Verhalten, das darauf abzielt, den eigenen Vorteil zu maximieren“, sagt Rudloff.

„Wir haben uns gefragt, ob aus diesem Verhalten auch ein bestimmter Umgang mit Informationen erfolgt“, sagt der Psychologe. Spielt es überhaupt eine Rolle, was wahr ist und was nicht, wenn die oberste Priorität der eigene Nutzen ist? Die Forschenden verwendeten einen Test, um die Anteile der dunklen Persönlichkeitsmerkmale bei ihren Probanden abzufragen.

„Je höher der dunkle Faktor der Persönlichkeit ist, desto eher glaubt man an Verschwörungserzählungen“, sagt Rudloff über das Ergebnis der Untersuchungen. Überrascht hat den Wissenschaftler diese Erkenntnis nicht, sie sei vielmehr naheliegend.

Prosozialem Verhalten gegenüber, bei dem es eben nicht vorrangig um den eigenen Nutzen und Vorteil geht, sind diese Menschen eher abgeneigt. Abstand halten, Maske tragen oder zu Hause zu bleiben ist mit den entsprechenden epistemischen Überzeugungen nicht notwendig: Wenn das eigene Bauchgefühl das Virus für ungefährlich hält und die Pandemie ohnehin nur ein politisches Machtinstrument ist, sind eben auch Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie obsolet.

Basis für Verschwörungstheorien

Epistemische Überzeugungen wie diese erklären möglicherweise auch, warum der Inhalt der Verschwörungserzählungen austauschbar ist: ob Corona, Krieg in der Ukraine oder Klimakrise – Stoff gibt es reichlich.

Epistemische Überzeugungen würden in der Kindheit entwickelt, sagt Rudloff. Er glaubt deshalb, dass es wichtig ist, epistemische Überzeugungen bereits in der Schule als wichtiges Thema zu vermitteln.

So könne der Unterschied zwischen Meinung und Fakten im Schulunterricht in kindgerechter Sprache vermittelt werden. Jan Philipp Rudloff nennt die Klimakrise als Beispiel: 97 Prozent der Klimaforschenden sagen, die Krise sei menschengemacht. Sie haben Beweise angehäuft, die diese These stützen.

„Da kann man eigentlich nicht mehr sagen, ich bin aber anderer Meinung“, sagt Rudloff. Diesen Schritt wollen manche Menschen einfach nicht gehen. Für sie ist jede Meinung gleich viel wert. Die gute Nachricht zum Schluss: „Wir sprechen von einer Minderheit“, sagt Rudloff. Den meisten Menschen sind Beweise und der Unterschied zwischen Meinungen und Fakten wichtig.