Was würde bei einem Atombomben-Einsatz in der Ukraine passieren?

Wenn wir über den Krieg in der Ukraine und die damit verbundene nukleare Bedrohung nachdenken, kommt uns neben einem potenziellen Unfall in einem ukrainischen Atomkraftwerk vor allem ein Szenario in den Sinn: Der Einsatz von Atomwaffen.

Wir werfen einen Blick auf die Bombenabwürfe auf Hiroshimaund Nagasaki im Jahr 1945 – und welche kurzfristigen sowie langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen diese auf die Bevölkerung hatten. Dieses Wissen nutzen Experten, um einzuschätzen, was bei einem heutigen Atomwaffeneinsatz passieren würde. 

Nuklearer Niederschlag hängt von der Bombenart ab

Nach dem Abwurf einer Atombombe kommt es zu einem sogenannten nuklearen Niederschlag oder Fallout. Dieser besteht aus radioaktivem Staub, der gesundheitsgefährdend ist. Wie stark der nukleare Niederschlag ausfällt, lässt sich nur schwer vorhersagen. Denn er hängt davon ab, wie und wo eine Atombombe eingesetzt wird.

„Waffen, die in großen Höhen explodieren, haben andere Auswirkungen als Waffen, die am oder im Boden explodieren“, so Dylan Spaulding, leitender Wissenschaftler im Global Security Program der Union of Concerned Scientists (UCS) in den USA. „Im letzteren Fall muss man sich Sorgen um den Fallout machen, weil man die Erde im Grunde radioaktiv aktiviert“, so Spaulding. „Bei einer Luftexplosion hingegen muss man sich nicht unbedingt dieselben Sorgen um den [radioaktiven Staub] machen.“

Spaulding sagt, verschiedene Nuklearwaffen können aus unterschiedlichen strategischen Gründen gezündet werden. Die Explosion einer Bombe in der Luft kann viele Menschen auf einmal töten und hat weniger langfristige Auswirkungen auf die Strahlung in der umliegenden Bevölkerung und Umwelt. Die Zündung einer Atomwaffe in der Nähe der Erdoberfläche hingegen könnte nicht nur viele Menschen auf einmal töten, sondern auch die Umwelt und die Nahrungsmittelversorgung für Jahre verseuchen.

Zweiter Weltkrieg l Hiroshima nach dem Abwurf der Atombombe

Hiroshima nach dem Abwurf der Atombombe im Jahr 1945

Das lässt sich anhand der US-Bombenangriffe auf Nagasaki und Hiroshima und des Tschernobyl-Unfalls 1986 in der Ukraine veranschaulichen. Durch die Angriffe starben innerhalb der folgenden Monate etwa 60.000 bis 80.000 Menschen in Nagasaki und 70.000 bis 135.000 Menschen in Hiroshima, auch wenn bei den Bombenangriffen etwa 40-mal weniger Strahlung in die Umwelt abgegeben wurde als beim Tschernobyl-Unfall.

Heute können Menschen wieder sicher in Nagasaki und Hiroshima leben, ohne eine anhaltende Strahlung befürchten zu müssen. Aber rund um das ehemalige Atomkraftwerk von Tschernobyl gibt es nach wie vor eine Sperrzone, die radioaktiv und unbewohnbar ist.

Zu den weiteren Auswirkungen der Bombenangriffe von 1945 gehört ein ungewöhnlich hoher Anstieg von Leukämie-Fällen bei den Menschen in der Umgebung, insbesondere bei Kindern. Auch andere Krebsarten nahmen zu, allerdings in geringerem Umfang.

Einige Studien zeigten die Auswirkungen bei Kindern, die sich zum Zeitpunkt der Bombenabwürfe noch im Mutterleib befanden. Sie hatten einen kleineren Kopfumfang, wuchsen langsamer oder hatten geistige Behinderungen. Kinder, die nach den Angriffen gezeugt wurden, hatten einer Untersuchung zufolge hingegen keine dieser Folgeschäden.

Atomwaffen sind heute potenziell tödlicher

Waffenexperten unterscheiden zwischen taktischen und strategischen Atomwaffen. Taktische Waffen legen kurze Entfernungen zurück und sind dafür angelegt, Kämpfe zu gewinnen. Strategische Waffen hingegen können größere Entfernungen zurücklegen und ganze Kriege gewinnen. Die Bomben, die in Hiroshima und Nagasaki eingesetzt wurden, galten als strategische Waffen – also als solche, mit denen man Kriege und nicht nur einzelne Schlachten gewinnen kann.

Spaulding sagt jedoch, dass die Atomwaffen in den letzten Jahrzehnten stark verbessert wurden. So sehr, dass einige der heutigen taktischen Atomwaffen stärker sein könnten als die strategischen, die zum Ende des Zweiten Weltkriegs eingesetzt wurden. „Viele der Waffen in den modernen Atomwaffenarsenalen sind viel leistungsfähiger als die, die in Hiroshima und Nagasaki eingesetzt wurden“, sagt Spaulding. „Sie haben eine bis zu 80-mal stärkere Sprengkraft.“

Es ist also schwierig, die Bombardierungen von Nagasaki und Hiroshima als Anhaltspunkt dafür zu nehmen, was heute passieren könnte. Aber sie können ein Hinweis sein.

Ukraine-Krise / Japan Kein Krieg, keine Atomwaffen in Hiroshima

„Kein Krieg, keine Atomwaffen!“: Diesen Schriftzug bilden Kerzen vor der zerstörten Kuppel im Friedenspark in Hiroshima

Mangelnde Lebensmittelversorgung könnte Milliarden Menschen in Gefahr bringen

Es gibt jedoch Versuche, zu simulieren, wie der nukleare Niederschlag nach einem heutigen Angriff mit Atombomben aussehen könnte. Alex Wellerstein, Wissenschafts- und Atomwaffenhistoriker am Stevens Institute of Technology in New Jersey, hat zu diesem Zweck eine Website namens Nukemap entwickelt. Sie vergleicht den Niederschlag von Bomben, die am Himmel explodieren, mit dem von Bomben, die am Boden explodieren.

Darüber hinaus wurde im August 2022 eine Studie in der Fachzeitschrift Nature Food veröffentlicht. Die Studienautoren prognostizierten, was mit der Umwelt, der Bevölkerung und der weltweiten Nahrungsmittelversorgung geschehen würde, wenn Russland und die USA einen einwöchigen Atomkrieg mit strategischen Atomwaffen führen würden.

Die Autoren der Studie schätzten, dass es 360 Millionen unmittelbare Todesopfer durch den Einsatz der Waffen selbst geben würde. Zusätzlich würden nach einem solchen Atomkrieg mehr als fünf Milliarden Menschen innerhalb von zwei Jahren verhungern – das sind etwa 60 Prozent der Weltbevölkerung. Die Unterbrechung der Nahrungsmittelversorgung würde durch massive Rußmengen durch die Brände verursacht, die durch die Explosionen entstehen würden.

SIPRI warnt vor atomarem Wettrüsten

Die Forscher versuchten auch zu modellieren, wie die Zerstörung in anderen Szenarien aussehen würde. Als Beispiel nahmen sie einen einwöchigen Atomkrieg zwischen Indien und Pakistan im Jahr 2025. Die südasiatischen Nachbarn besitzen zwar weitaus weniger Atomwaffen als die USA und Russland, aber die Autoren sagten dennoch rund 164 Millionen Todesopfer voraus. Zusätzlich würden mehr als 2,5 Milliarden Menschen innerhalb von zwei Jahren verhungern. 

Kaum möglich, einen einmal begonnen Atomkrieg zu stoppen

Alan Robock, Professor für Umweltwissenschaften an der Rutgers University in den USA, war einer der Autoren der Nature-Studie. In früheren Untersuchungen schätzte Robock, dass die Bombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki etwa 500.000 Tonnen Rauch freisetzten. In der neueren Studie gehen er und seine Kollegen davon aus, dass das US-Russland-Szenario etwa 150 Millionen Tonnen Rauch und das Indien-Pakistan-Szenario 16 bis 47 Millionen Tonnen Rauch produzieren würde.

Robock sagt, dass die Studie Vorhersagen auf der Grundlage der Auswirkungen strategischer Waffen machte. „Jeder Einsatz von Atomwaffen kann zu einem vollständigen Atomkrieg zwischen der NATO und Russland eskalieren und würde einen nuklearen Winter auslösen“, vermutet Robock. Von einem nuklearen Winter sprechen Experten, weil der Einsatz von vielen Atomwaffen die Erdatmosphäre verdunkeln und abkühlen kann.

„Es gibt nicht viele Möglichkeiten, einen einmal begonnenen Atomkrieg zu stoppen“, sagt Robock. „Panik, Angst, Fehlkommunikation und falsche Informationen können dazu führen, dass die Befehlshaber die Waffen einsetzen, über die sie verfügen.“

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf Englisch.