Ukraine-Krieg, AfD und ein „heißer Herbst“

„Hallo Berlin! Was für ein tolles Bild!“, ruft Tino Chrupalla von der überdachten Rednertribüne auf der Wiese vor dem Reichstagsgebäude, dem Sitz des Deutschen Parlaments. Mehrere tausend Menschen jubeln dem Partei- und Fraktionsvorsitzenden der Alternative für Deutschland (AfD) zu. Aus ganz Deutschland sind sie angereist, um ihrer Wut auf die Bundesregierung und deren Kurs im Ukraine-Krieg Luft zu machen. Ihr Motto: „Unser Land zuerst!“

Seit Monaten wettert der AfD-Chef gegen die seines Erachtens von der Bundesregierung zu verantwortende Inflation und besonders gegen Wirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen. Der habe Russland den „Wirtschaftskrieg“ erklärt. In Wirklichkeit führe er sogar einen Krieg „gegen unsere Bevölkerung, gegen unser eigenes Land“. Seine eigene Partei bezeichnet Chrupalla als „einzige wahre Opposition“ im Bundestag. „Wir kämpfen für das deutsche Volk, für unsere Freiheit, für unsere Souveränität.“  

AfD-Spitzenpersonal mit Parteichef Tino Chrupalla in der Mitte hält gemeinsam ein Banner mit der Aufschrift Unser Land zuerst!. Das Transparent ist bunt gestaltet: in den Farben der deutschen Fahne Schwarz, Rot und Gold sowie der AfD-Parteifarbe Blau

Führende Politikerinnen und Politiker der AfD an der Spitze des Protestzugs durch Berlin

„Schluss mit Waffenlieferungen!“

Heidi Bethke hat die Rede des Rechtspopulisten vielleicht verpasst. Denn noch wenige Minuten vor Chrupallas Auftritt steht sie mit zwei umgehängten Plakaten vor dem Wahrzeichen der deutschen Hauptstadt, dem Brandenburger Tor. Auf dem größeren Pappschild, das die Hälfte ihres Körpers bedeckt, fordert sie „Schluss mit Waffenlieferungen, Sanktionen und geheuchelter Moral“.

Ob sie sich dem AfD-Protestmarsch durch das Regierungsviertel anschließen wird, lässt die Berlinerin noch offen. Es gehe ihr um das Thema der Demonstration. Vielleicht mache sie ihre „Single-Demo“. Das werde sie nach der Stimmung entscheiden und dem, „was die Leute hier erzählen“.

Demonstrantin Heidi Bethke vor dem Brandenburger Tor in Berlin; auf einem Plakat steht: Weder rechts noch links, aber gegen Wahlbetrug und Bruch des Amtseids

Heidi Bethke wirft der Regierung vor, ihren Amtseid zu brechen, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden

„Ich bin für Gerechtigkeit und nicht für Kriegstreiberei“

Das, was der AfD-Frontmann Tino Chrupalla erzählt, dürfte ganz nach Heidi Bethkes Geschmack gewesen sein. Auch er lehnt die Lieferung von Waffen an die Ukraine ab, ebenso die Wirtschaftssanktionen gegen Russland. Es könne doch nicht sein, dass man Deutschland ruiniere und die „selbstgemachte Energie-Krise Putin unterjubelt“, meint Heidi Bethke. Wobei sie betont, kein Putin-Fan zu sein: „Sondern ich bin für Gerechtigkeit und nicht für Kriegstreiberei.“

Als sich eine knappe Stunde später die inzwischen rund 10.000 Menschen vom platt getretenen Rasen vor dem Deutschen Bundestag auf den Weg zum Prachtboulevard Unter den Linden machen, ist der anfängliche Nieselregen verzogen. Jetzt scheint sogar für längere Zeit die Sonne und ein Protestant mit Megaphon frohlockt: „Auch Petrus ist auf der Seite der AfD.“

AfD-Protest mit Plakaten in blauer Herzform und der Aufschrift Unser Land zuerst!

Die AfD-Demo als Treffpunkt für Jung und Alt; manche haben ihre Kinder mitgebracht

„Wir sind das Volk!“

Überhaupt ist die Masse gut gelaunt. Vom vielleicht zehnjährigen Jungen mit der Trillerpfeife im Mund bis zum Greis am Gehstock sind alle Generationen auf der Straße. Manche trommeln unentwegt wie beim Berlin-Marathon Ende September, andere skandieren „Wir sind das Volk“. Eine gezielte Aneignung des berühmten Mottos während der friedlichen Revolution in der kommunistischen DDR, die in den Fall der Berliner Mauer und die Deutsche Einheit mündete.

Nur dann, wenn sich das AfD-Volk und Gegendemonstranten in Sicht- und Hörweite begegnen, ist die Stimmung für einen kurzen Moment gereizt. „Ganz Berlin hasst die AfD“, skandieren ein paar hundert Frauen und Männer hinter rot-weißen Absperrgittern rund um das Brandenburger Tor. Das Echo der an diesem Tag weitaus größeren und lauteren Demo erschallt prompt: „Berlin, unser Land, Widerstand.“

Gegenprotest am Brandenburger Tor mit Schildern auf denen Parolen wie Nazis die Rote Karte zeigen steht. Die Polizei sorgte dafür, dass sich die unterschiedlichen Lager nicht zu nahe kamen

Gegenprotest am Brandenburger Tor: Die Polizei sorgt dafür, dass sich die unterschiedlichen Lager nicht zu nahe kommen

Ein Demo-Klassiker: „Die Gedanken sind frei“

Je länger der gut zweistündige Marsch durch Berlins Mitte zurück zum Parlament dauert, desto mehr erinnert er an Großdemonstrationen gegen die Corona-Politik zu Beginn der Pandemie 2020. Auch damals schienen sich die Leute ein Stück weit selbst zu feiern. In den Protest gegen Masken-Pflicht und Abstandsregeln mischte sich eine Art Feierlaune mit Musik und Picknick.

Auf der AfD-Demo ist es unterwegs ähnlich. „Die Gedanken sind frei“ – ein Klassiker auf unterschiedlichsten Protestveranstaltungen – hallt es von einem Pritschenwagen herunter. Und nachdem ein Redner etwas von „Inflation“ und „heißer Herbst“ zum Besten gegeben hat, ertönt die deutsche Nationalhymne.

AfD-Demonstranten halten bunte Plakate mit unterschiedlichen Parolen in die Höhe; auf einem Schild steht Frieden, auf einem anderen Alles für unsere Heimat

Vielfältiger AfD-Protest: für Frieden, Heimat und „Unser Geld für unser Volk“…

„Ist das geil!“

Viele nutzen inzwischen die Gelegenheit, sich bei milden Temperaturen an einem der vielen Imbiss-Buden ein Bier oder eine Bratwurst zu kaufen. Ein Mann in schwarzer Lederjacke und mit Tattoo im Nacken springt forsch auf einen hüfthohen Betonpfeiler. So hat er einen guten Blick auf die Menschenmenge. „Ist das geil!“, sagt er laut vernehmbar. Mit so vielen Leuten hat er anscheinend nicht gerechnet.

Dem AfD-Sympathisanten geht es wie der gesamten Partei. Die hat beim Ordnungsamt eine Demo mit einer Teilnehmerzahl von 4000 angemeldet. Am Ende sind es mindestens doppelt so viele. Derweil zieht die Polizei – mit 1900 Frauen und Männern im Einsatz – eine insgesamt positive Bilanz: keine Krawalle, ein paar kleinere Zwischenfälle. Der von der AfD propagierte „heiße Herbst“ hat im Großen und Ganzen friedlich begonnen.